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08.05.2018

Der Wolf ist wieder da - und was nun?

Der Wolf ist zurück in Deutschlands Wäldern. Doch wie im Ernstfall mit ihm umzugehen ist, dafür gibt es derzeit noch keine klare Lösung.
Bild: Patrick Pleul, dpa (Archiv)

Eine Woche, nachdem ein Wolf im Schwarzwald 43 Schafe gerissen hat, zeigt sich: Es fehlt ein Plan, wie Mensch und Wolf miteinander auskommen können.

Seit Montag ist es vorbei mit der Wolfsromantik in Deutschland. Das liegt an 43 Schafen, die auf ihrer Weide im Nordschwarzwald umkamen. Der Täter: vermutlich ein Wolf. Einen solchen Wolfsriss gab es in Baden-Württemberg seit der Ausrottung des Tieres vor 150 Jahren nicht mehr. Obwohl über die Rückkehr des Raubtiers seit Jahren diskutiert wird, war auf diesen Ernstfall niemand vorbereitet.

Wolf reißt 43 Schafe - Schäferfamilie in Existenzangst

Mittlerweile haben Gernot Fröschle und seine Frau, die Besitzer der Schafherde, Routine vor Kameras und Mikrofonen entwickelt. Dutzende von Journalisten fielen bei ihnen in Wildbad-Nonnenmiß ein, einem 250-Einwohner-Dorf. Allen sagen die Fröschles dasselbe: „Es war furchtbar. Wir wissen nicht, wie es weitergehen soll mit unseren Schafen. Wir hoffen, dass wir ernst genommen werden von der Politik.“ Die Entschädigung für die gerissenen Tiere – Fröschle schätzt den Schaden auf etwa 4000 Euro – ist dabei die kleinste Sorge. Die Frage ist: Wie soll das dauerhaft gehen, mit dem Wolf und den Schafen im Schwarzwald, wo es keine ebenen Flächen gibt, die leicht einzuzäunen sind? Fröschle ist kein verbissener Wolfsgegner. Aber er sagt: „Wir brauchen den Wolf hier nicht.“

Wie bisher jedenfalls geht es nicht weiter, meint der Landwirt. Die Fröschles mit ihren fünf Kindern zwischen 13 und 23 Jahren sind ein landwirtschaftlicher Familienbetrieb. Mit 450 Mutterschafen, derzeit 350 Lämmern, 30 Rindern und ein paar Ziegen betreiben sie auf rund 155 Hektar Fläche im Enztal Landschaftspflege. Das ist ihre Existenz. Die Schafe verhindern, dass die Natur sich die Täler zurückholt. Aber Geld gibt es nur, wenn auch die unwegsamen Uferböschungen mitbeweidet werden. Deshalb sind die Schafe nur von drei Seiten eingezäunt. Die vierte ist die Wasserseite. Die Wolfsseite.

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Viele Fragen bleiben nach Wolfsattacke ungeklärt

Am frühen Montagmorgen vor einer Woche fand Gernot Fröschle das Gemetzel vor. Beistand war schnell da, die Infokette steht: Landesschafzuchtverband, Veterinäramt, Bürgermeister, Landrat. Keiner hatte mit so etwas gerechnet, alle waren entsetzt, viele halfen. Ein 90 Zentimeter hoher Schutzzaun mit Flatterband und 4000-Volt-Spannung wurde aufgebaut, 200 Tiere haben jetzt darin Platz. Die anderen Schafe bleiben bis auf Weiteres in die Offenställe gepfercht, auch diese mussten stromgesichert werden. Die bange Frage ist: Kommt der Wolf zurück?

„Die Familie Fröschle stand unter Schock“, sagt Anette Wohlfahrt, Chefin des Landesschafzuchtverbands. Eine Existenzgefährdung sieht sie aber nicht. Selbst dann nicht, wenn sich per Gentest herausstellen sollte, dass der Wolf nicht „auf Durchreise“ ist, sondern derselbe, der schon im Dezember in Wildbad drei Schafe riss. Dann hätte er im Nordschwarzwald sein Revier aufgeschlagen – und die Gegend würde zum Wolfsgebiet erklärt.

Zahlreiche tote Schafe hat ein Landwirt bei Bad Wildbad im Schwarzwald gefunden. Verantwortlich dafür ist wohl ein Wolf.
Bild: Christoph Schmidt, dpa (Archiv)

Alle standen sie auf der Matte bei den Fröschles, die Wolfsgegner und die Sympathisanten gleichermaßen. Der baden-württembergische CDU-Landwirtschaftsminister Peter Hauk und die örtlichen Abgeordneten in Land und Bund haben angerufen, der grüne Umwelt-Staatssekretär André Baumann kam vorbei. Man kennt sich, bekämpfte sich bei den früheren Nationalparksschlachten. „Er hat schnelle Hilfe versprochen“, sagt Fröschle. Und schnell einigten sich Schafzuchtverband und Umweltministerium über formale Anforderungen in Wolfsgebieten: Der Stromzaun um eine Herde muss mindestens 90 Zentimeter hoch sein und die gesamte Weide umfassen. Aber viele Fragen bleiben ungeklärt. Was wird aus Offenställen? Wie ist das mit Herdenschutzhunden? Und vor allem: Wer zahlt?

„Ich würde da nicht lange fackeln, den Wolf ins Jagdrecht aufnehmen und in extremen Fällen zum Abschuss freigeben“, sagt Klaus Mack. Aber nicht, weil sich der Wildbader Bürgermeister um die Touristen und den Ruf seiner Stadt sorgt oder um die Sicherheit der Bürger, sondern weil er glaubt, dass das erst der Anfang ist. „Was, wenn ein ganzes Rudel da ist?“ Mack sorgt sich, dass die Schäfer die Lust an ihrer Arbeit verlieren könnten, wenn Wölfe vermehrt zuschlagen, und fürchtet die Folgen. „Der Wald würde in kürzester Zeit wieder zuwachsen“, sagt Mack. „Es gab auch schon Anrufe, dass man nicht mehr Urlaub in Wildbad machen kann, ob man noch zum Joggen in den Wald kann oder die Kinder in den Waldkindergarten dürfen“, sagt Mack.

Der Wolf ist zurück im Schwarzwald

Aber das Konzept des naturnahen Tourismus, mit dem Wildbad nach der Bäderkrise allmählich wieder auf Erfolgskurs ist, sieht er durch die Rückkehr des Wolfs nicht beeinträchtigt. „Wir hätten den Wolf wirklich nicht gebraucht. Aber jetzt ist er da und man muss schauen, wie man das Miteinander von Mensch und Wolf regelt. Jetzt ist der Anlass, die Dinge zu klären.“

Auf der Speisekarte des Wolfs stehen Fisch, Fleisch und Waldfrüchte.
Bild: Carsten Rehder, dpa (Archiv)

Sieben Teller stehen auf dem Tisch. Für jeden Wochentag einer. Vier davon sind leer, auf den anderen liegen Fisch, Fleisch und ein paar Waldfrüchte. „Die Speisekarte eines Wolfs“, sagt Kristina Schreier, Leiterin des Infozentrums Kaltenbronn. Das Zentrum, keine 15 Kilometer Luftlinie vom Ort des Wolfsgemetzels entfernt, ist Dreh- und Angelpunkt für Tourismus, Naturerlebnis und Informationsvermittlung im Naturpark Schwarzwald Mitte/Nord. Seit Dezember zeigt das Infozentrum die Sonderschau „…und wenn der Wolf kommt. Alte Mythen und neue Erfahrungen.“

„Sie wurde genau in der Woche eröffnet, als der erste Wolfsriss in Wildbad war“, sagt Schreier, die nicht weiß, ob sie sich über diese Aktualität freuen soll. Wer will, kann hier vieles über den Wolf erfahren. „Es wird nichts verklärt, nichts verharmlost“, sagt Schreier. Was sie jetzt schockiert, sind die Abschussforderungen. „Wenn die Politik den Wolf wieder ansiedeln will, muss es Schutzmaßnahmen geben und es muss Geld fließen. Wir sind es nicht einfach mehr gewohnt, unsere Großtiere schützen zu müssen.

Hühner werden selbstverständlich vor Füchsen geschützt, da ruft niemand nach dem Abschuss.“ Die zwei Fortbildungsveranstaltungen „Wolf im Schwarzwald“ des Infozentrums kommende Woche mit einem Wolfsbiologen waren schon vor der Wolfsattacke ausgebucht. Die Menschen wissen: Er ist zurück.

Auch im Allgäu waren zuletzt Wölfe unterwegs

Auch im Allgäu geht nach dem Vorfall im Nordschwarzwald die Angst vor dem Wolf um. Besorgte Stimmen – vor allem aus der Land- und Alpwirtschaft – waren erstmals im Sommer 2014 zu hören, nachdem südlich von Oberstdorf ein Wolf von einer Wildkamera aufgenommen worden war. Er hatte ein Reh gerissen und anhand der DNA stand fest: Es war eindeutig ein Wolf.

Seitdem sind mehrmals Spuren von einzelnen Tieren gesichtet worden, zuletzt auch im Unterallgäu. Es handle sich nur um durchziehende Tiere, sagt Diplom-Biologe Henning Werth, Betreuer des Naturschutzgebietes Allgäuer Alpen. Gleichwohl hält er es nur für eine Frage der Zeit, bis sich ein Rudel im Allgäu ansiedeln könnte. Denn die Wolfspopulation wächst in Deutschland rapide an. Werth hält es für möglich, mit einem intelligenten Wildtier-Management ein Miteinander von Mensch und Wolf zu ermöglichen.

Im Oberallgäuer Rettenberg am Fuße des Grünten sorgte Anfang März ein Video für Aufregung: Darauf war ein Tier zu sehen, das über die Wiesen lief. Bewohner der Gemeinde, darunter auch Bauern, waren sich sicher: Das ist ein Wolf. Doch Experten des Landesamtes für Umwelt gaben Entwarnung: „Wahrscheinlich ein Hund, definitiv aber kein Wolf.“

Ganz in der Nähe soll der Überlieferung zufolge 1827 am Grünten der letzte Wolf im Allgäu erlegt worden sein. Unterm Gipfel wurde 1854 das Grüntenhaus gebaut, das erste Touristenhotel in den Allgäuer Bergen. Dorothea und Lutz Egenrieder bewirtschaften das Haus heuer in der elften Saison. Eigentlich, sagt die 62-Jährige, fühle sie sich mehr als Älplerin denn als Gastwirtin. Den Sommer verbringt sie hier mit 28 Schumpen, wie junge Kühe im Allgäu genannt werden. Außerdem weiden rund ums Grüntenhaus zwei Ziegen und sieben Schafe. 20 Hühner scharren auf dem Boden. 

Weichen im Allgäu die Älpler dem Wolf?

Die letzten Gäste sind ins Tal abgestiegen und Dorothea Egenrieder sitzt auf einer Bank vor dem Haus. „Wenn hier der Wolf auftauchen würde, wäre das eine Katastrophe“, sagt sie und ergänzt: „Ich würde die Alpwirtschaft aufgeben.“ So etwas wolle sie nie erleben. Gemeint sind die Bilder von gerissenen Tieren, die dem Wolf zum Opfer gefallen sind.

Ein Älpler habe eine sehr große emotionale Bindung zu den Tieren, sagt Egenrieder: „Die Bauern, die uns die Tiere für den Sommer überlassen, vertrauen uns.“ Sie kenne jede Kuh und jedes Schaf. „Die gehören zur Familie.“ Wie schlimm es ist, Tiere zu verlieren, weiß sie. Vor einigen Jahren kam der Fuchs und ist in den Hühnerstall eingedrungen. Dort hatte er ein regelrechtes Massaker angerichtet.

 

Für eine Wiederansiedlung des Wolfs sei das Allgäu zu kleinräumig, findet die Älplerin. Dorothea Egenrieder ist sich auch sicher, dass ein effektiver Herdenschutz gar nicht möglich und unverhältnismäßig teuer ist. Das sieht Michael Honisch genauso. Er ist Geschäftsführer des Alpwirtschaftlichen Vereins Allgäu, der fast 700 Älpler zwischen Bodensee und Königswinkel im Ostallgäu vertritt. Die Alpwirtschaft gilt als Bewahrer und Garant einer vielfältigen und artenreichen Kulturlandschaft. Honisch sagt: „Der Alpenraum ist nicht großflächig schützbar.“ Es müssten massive, zwei Meter hohe Elektrozäune errichtet werden. Er spricht von einer „Vergitterung des Alpenraums“.

Wenn der Wolf sich im Allgäu ansiedelt, würden Älpler aufgeben, ist sich Honisch sicher: „Da steht unsere gesamte Kulturlandschaft auf dem Spiel.“ Darüber müsse sich die Gesellschaft im Klaren sein.

So denken auch die meisten Politiker im Allgäu. „Was ist, wenn Touristen etwas passiert?“, fragt die Ostallgäuer CSU-Landtagsabgeordnete Angelika Schorer, die auch Vorsitzende des Landwirtschaftsausschusses ist. Und sogar der Oberallgäuer Grünen-Abgeordnete Thomas Gehring ist für einen Abschuss, „wenn der Wolf dem Menschen zu nahe kommt oder Weidetiere zu reißen droht“. So, wie gerade im Schwarzwald.

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