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Buchloe

15.10.2019

Derselbe Gendefekt wie Angelina Jolie: Eva Liebl kämpft gegen Brustkrebs

„Ich war jung, unbekümmert, naiv“, sagt Eva Liebl. Dann kam die Diagnose: Brustkrebs.
Bild: Mathias Wild

Plus Eva Liebl ist 29, als sie diese harte Stelle unter ihrem Bikini spürt. Mitleid will die Frau aus Buchloe nicht. Sie will nur offen über ihren Brustkrebs reden.

Der Tag, an dem Eva Liebl bemerkt, dass etwas nicht stimmt, ist ein warmer Tag im Mai 2018. Die junge Frau aus Buchloe macht Urlaub auf Sizilien, unbeschwerte Zeit mit Freunden am Strand. Bis etwas an ihrem Bikini sie stört. Und ihr auffällt, dass da ein Knubbel unter dem Bügel des Bikinis drückt. Ein Knubbel, der im Liegen da ist und auch ein wenig wehtut. „Ich habe den Knoten gespürt“, sagt sie heute und lächelt ein ernüchtertes Lächeln. Damals aber dachte sie noch: „Es kann alles Mögliche sein.“ Schließlich ist sie jung, gerade mal 29. Jung und stark.

Zwei Monate wartet sie ab. Bis zu ihrem nächsten Routinetermin bei der Frauenärztin am 24. Juli. Es folgen: Brust-Ultraschall, Überweisung ins Brustzentrum, wo eine Biopsie und eine Mammografie gemacht werden. Dort sagt die Ärztin die Worte, die Eva Liebl noch immer mühelos wiedergeben kann. Dass sie ihr jetzt leider den Boden unter den Füßen wegziehen müsse. Dass die harte Stelle in ihrer rechten Brust ein bösartiger Tumor ist – 1,89 Zentimeter groß, dreifach negativ, ein rasch wachsendes und aggressives Mammakarzinom. Aber dass die Chancen, den Krebs zu besiegen, in diesem frühen Stadium gut stehen.

So wie Eva Liebl bekommen jedes Jahr 70.000 Patientinnen in Deutschland die Diagnose Brustkrebs, ebenso wie 650 Männer. Bei Frauen ist es die mit Abstand häufigste Krebserkrankung. Im Laufe ihres Lebens ist eine von acht Frauen davon betroffen. Am häufigsten wird der Tumor im Gewebe der Brustdrüsen im Alter zwischen 65 und 69 Jahren entdeckt. Bei Jüngeren dagegen ist das Risiko weitaus geringer. Das zeigen Zahlen, die im Zentrum für Krebsregisterdaten zusammenlaufen: Bei heute 65-Jährigen wird in den nächsten zehn Jahren eine von 28 die Diagnose Brustkrebs bekommen, bei den heute 35-Jährigen ist es eine von 110. Bei Frauen unter 30 wird dieser Wert gar nicht erfasst.

Eva Liebl sitzt in einem Café in Buchloe, rührt in einer Tasse Cappuccino und erzählt von dem jungen, unbekümmerten, naiven Leben, das sie vor jenem Tag Ende Juli 2018 führte – zwischen ihrer Arbeit als Bibliothekarin, Ausgehen mit Freunden, Urlauben. „Dass es Krebs ist, war super-unwahrscheinlich.“ Nicht nur wegen ihres Alters, auch, weil es bis dahin keine Brustkrebsfälle in ihrer Familie gab. Für das Jahr 2014 listet das Krebsregister 293 Brustkrebserkrankungen bei Frauen unter 30 auf – 0,4 Prozent aller Fälle. Aber was sind schon Zahlen, Wahrscheinlichkeiten, Statistiken? Eva Liebl, die große Frau in schwarzen Klamotten, weiß es besser: „Es hat mich getroffen. Und es kann jede treffen.“

70.000 Patientinnen bekommen in Deutschland jährlich die Diagnose Brustkrebs. Durch eine Mammografie kann der Tumor früher erkannt werden.
Bild: Daniel Karmann (Symbolbild)

Brustkrebserkrankung bei jungen Frauen ist nach wie vor selten

Natürlich kennt man die Geschichte von prominenten jungen Frauen, die es getroffen hat. Frauen, die den Brustkrebs besiegt haben. Sylvie Meis, damals van der Vaart, war 36, als sie die kleine harte Stelle ertastete. Ein Alter, in dem auch die Sängerin Kylie Minogue 2005 ihre Diagnose öffentlich machte. Und dann gibt es die anderen Geschichten. Die von ZDF -Sportreporterin Jana Thiel, 44. Oder von Moderatorin Miriam Pielhau, die 2008 zum ersten Mal erkrankte und Jahre später ein zweites Mal gegen die Krankheit kämpfen musste. Beide starben 2016.

Täuscht der Eindruck oder bekommen immer jüngere Frauen Brustkrebs? Professor Wolfgang Janni, Leiter der Unifrauenklinik Ulm, schüttelt den Kopf. „Die Brustkrebserkrankung bei der jungen Frau ist nach wie vor sehr selten.“ Der 52-Jährige spricht von einem Medieneffekt. Weil immer mehr prominente, junge Frauen ihre Diagnose öffentlich machen. So wie die Politikerin Manuela Schwesig, die vor einem Monat vor die Kameras trat und ihr Amt als SPD-Bundeschefin niederlegte. „Viele Frauen erkranken an Brustkrebs. Viele Frauen zeigen, dass diese schlimme Krankheit heilbar ist“, sagte sie. Und es klang, als wollte sie nicht nur sich selbst Mut machen.

Eva Liebl fällt es anfangs schwer, dass Unfassbare auszusprechen

Als Eva Liebl die Diagnose bekommt, ruft sie ihre Eltern an, informiert in den nächsten zwei Stunden ihre engsten Freunde per WhatsApp. Das Unfassbare auszusprechen, fällt ihr an diesem Nachmittag schwer. „Wenn es etwas gibt, was ich gern rückgängig machen würde, dann das“, sagt sie heute. Sie muss sich plötzlich Gedanken über Dinge machen, die vorher unglaublich weit weg waren: Ob sie Kinder will und wenn ja, ob sie sich umgehend einer Hormonbehandlung unterziehen möchte. Darüber, welchen Sinn ein fester Port hat, das ist der Zugang für die Chemotherapie. „Man weiß ja nicht einmal, wie sich Chemo anfühlt“, sagt Liebl und rückt die schwarze Brille zurecht.

Chemo heißt für sie 16 Sitzungen, immer dienstags, zweieinhalb bis drei Stunden. „Gruselig.“ Dann sitzt sie da, inmitten vieler älterer Damen, und man erzählt sich Geschichten. „Das ist der beschissenste Klub, zu dem man gehören kann“, sagt Liebl und schüttelt energisch den Kopf. Anfangs fühlt sie sich nach den Sitzungen ein bisschen betrunken und müde, später verliert sie das Gefühl in Händen und Füßen. Nicht einmal mehr Wasser schmeckt ihr. Sie will einfach nur, dass es ein Ende hat. Wenigstens ist ihr nicht übel, sie muss sich nicht übergeben.

Ihre langen, rotbraunen Haare lässt sie sich zuerst auf der einen Seite abrasieren, dann kappt sie sie auf sieben Millimeter. Als selbst die Haare schmerzen, rasiert ihr ein Freund eine Glatze. Eva Liebl kauft sich sofort eine Perücke, setzt sie aber nur ein einziges Mal auf. „Es war falsch, es hat sich seltsam angefühlt.“ Irgendwann fallen auch die Augenbrauen aus. „Man erkennt sich selbst nicht mehr. Die Chemo raubt einem die eigene Identität.“

Liebl macht ihre Krankheit publik, postet Bilder - auch mit kahlem Kopf

Doch Liebl will sich nicht verstecken. Also macht sie ihre Krankheit publik, postet Bilder von sich mit kahlem Kopf, mit Mütze und fahlem Gesicht in sozialen Netzwerken. Und sie schreibt einen langen Text auf Facebook. Darüber, wie sie heulend vor der Tür ihrer Frauenärztin stand. Über das Gefühl, dass Krebs doch etwas für Ältere ist und nicht für sie, die sich jung und stark fühlt. Über die Menschen, die sie über alles liebt und „denen der Arsch auf Grundeis geht“. Freunde melden sich, Kollegen, Bekannte, die ihr Kraft wünschen, die ihr für ihre Offenheit danken. Eine schreibt: „Was für ein toller und wichtiger Text, es bräuchte so viel mehr davon!“ Eine andere: „Ich habe einen Heidenrespekt vor dir.“

Aber das ist Eva Liebl gar nicht wichtig. „Mir geht es nicht um mich, ich will kein Mitleid. Aber wenn es mir passiert, kann es jeder passieren.“ Sie betont das; sie will aufrütteln, wie wichtig Brustkrebsfrüherkennung ist. „Wenn nur eine Frau mehr zur Vorsorge geht, ist schon etwas gewonnen.“ Bei Frauen ab 30 Jahren tastet der Gynäkologe einmal im Jahr Brust und Achselhöhlen ab. Zwischen 50 und 69 Jahren werden Frauen alle zwei Jahre zur Mammografie gebeten.

Das Problem ist nur: Die Brustkrebsfrüherkennung wird zu wenig genutzt. Nur 49 Prozent der Frauen gehen regelmäßig zur Brustkrebsvorsorge. Während sich 57 Prozent der über 60-Jährigen regelmäßig untersuchen lassen, machten das bei den unter 40-Jährigen nur 37 Prozent. Das besagt eine Umfrage im Auftrag des Biotechnologie-Unternehmens Amgen von 2018. Auch der ärztliche Rat, ein Mal im Monat die Brust abzutasten, zeigt nur bedingt Wirkung: Ein Drittel der Frauen tut das der Umfrage zufolge nie. Dabei ist es wichtig, bei Auffälligkeiten frühzeitig zum Arzt zu gehen – weil die Heilungschancen umso besser sind, je früher Brustkrebs erkannt wird.

Prominente Fälle sorgen für Aufmerksamkeit - wie beim Fall Angelina Jolie

Im Oktober, der vor Jahren als „Brustkrebsmonat“ ausgerufen wurde, geht es bei Veranstaltungen in ganz Deutschland genau um diese Dinge. Der Ulmer Professor Wolfgang Janni sagt: „Eine Krebsvorsorge kann lebensrettend sein.“ Und dass das Bewusstsein in den vergangenen Jahren gestiegen ist – auch durch prominente Fälle.

So wie vor sechs Jahren, als Angelina Jolie ihre Geschichte öffentlich machte. Die US-Schauspielerin hatte durch den Krebs ihre Mutter, ihre Großmutter und eine Tante verloren. Jolie trägt das mutierte Gen BRCA1 in sich. Ein Zehntel aller Brustkrebserkrankungen ist auf Genmutationen zurückzuführen. Bei Jolie lag das Risiko, Brustkrebs zu bekommen, bei 87 Prozent. Also entschied sie sich für die Flucht nach vorn und ließ sich beide Brüste abnehmen. Ihr offener Umgang damit löste auch in deutschen Brustkrebszentren einen Ansturm aus. Viele Frauen mit ähnlicher Familiengeschichte wollten ihr Risiko mithilfe eines Gentests überprüfen lassen. Vom „Jolie-Effekt“ war die Rede.

Auch die US-Schauspielerin Angelina Jolie entschied sich vor sechs Jahren vorbeugend beide Brüste abnehmen zu lassen.
Bild: dpa (Archiv)

Eva Liebl erfährt ein paar Wochen nach der ersten Chemo, dass auch ihr Brustkrebs genetisch bedingt ist, dass es auch bei ihr eine BRCA1 ist. Frauen, die solche Brustkrebsgene in sich tragen, erkranken etwa 20 Jahre früher, heißt es von der deutschen Krebsgesellschaft. In Eva Liebls Fall beziffern die Ärzte das Risiko, dass auch die linke Brust in den nächsten Jahren erkrankt, auf 60 bis 80 Prozent. Sie ringt mit sich, mit diesem für sie so „absurden Gedanken“, sich beide Brüste abnehmen zu lassen – und entscheidet sich dafür. „Ich will mein Krebsrisiko klein halten. Und mein Busen ist ein Risikofaktor.“

Liebl versucht, weniger zu planen, sich weniger Gedanken zu machen

Eva Liebl lässt schöne Bilder von sich machen – ein „Busen-Shooting“, wie sie es nennt. Der Tumor ist durch die Chemo so stark geschrumpft, dass keine Bestrahlung mehr nötig ist. Am 27. Februar können ihn die Ärzte entfernen. „Ich hatte Glück“, sagt Eva Liebl. Fünf Tage vorher feiert sie ihren 30. Geburtstag, zwischen Chemo und OP, etwas anders, als sie sich das vorgestellt hatte – daheim, mit Kaffee und Kuchen und ein paar Gästen.

Sie gewöhnt sich an die große Narbe am Bauch. Dort haben ihr die Ärzte einen Lappen entnommen, um daraus neues Brustgewebe zu formen; an die Haare auf ihrem Kopf, die jetzt weich, hellbraun und wild sind. Auf der Reha beginnt sie, Sport zu machen, Kraft zu tanken, zu verarbeiten, was war. Und seit drei Monaten arbeitet sie wieder in der Bibliothek, mittlerweile in Vollzeit. „Der Alltag tut gut“, sagt sie. Auch, wenn das Leben nicht mehr so ist wie vorher. Auch, wenn sie sich „etwas Neues zusammenbasteln muss“.

Eva Liebl versucht, weniger zu planen, sich weniger Gedanken zu machen, auch wenn im November die nächste OP ansteht. Sie will offen über den Krebs zu sprechen. „Krebs ist ja nichts, wofür man verantwortlich ist. Und nichts, wofür man sich schämen muss.“ Natürlich, sagt sie, ist das kein Partythema. Aber eines, über das man reden muss. „Wenn man es nicht tut, dann lässt man Krebs in dieser Alle-werden-sterben-Ecke.“

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