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Ingolstadt

17.05.2013

Die Firma Haderthauer und der Dreifachmörder

Hubert Haderthauer, Ehemann der Sozialministerin Christine Haderthauer, ließ einen psychisch kranken Dreifachmörder für sich arbeiten. An der Modellbaufirma war auch seine Frau zeitweise beteiligt.
Bild: AZ

Für seine Modellbau-Firma ließ Hubert Haderthauer, Landgerichtsarzt in Ingolstadt, Psychiatriepatienten für sich arbeiten. Auch seine Frau war zeitweise an dem Unternehmen beteiligt. Die Rolle eines Dreifachmörders wirft nun Fragen auf.

Roland S. ist zurzeit beschäftigt. Er baut an einem Bentley Blower 4,5 l Short Wheel. Etwa 4300 größtenteils handgefertigte Teile sind in so einem Oldtimer-Modell zu verbauen. Es braucht eine gewisse Leidenschaft für solche Modelle. Leidenschaft und auch Zeit.

Es ist inzwischen bekannt, dass Hubert Haderthauer, Landgerichtsarzt in Ingolstadt und Ehemann von Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU), eine große Leidenschaft für diese Schmuckstücke auf Rädern hat. Und Roland S., 74, hat die Zeit, sie zu bauen. Der dreifach verurteilte psychisch kranke Mörder ist im Maßregelvollzug des Bezirksklinikums Straubing untergebracht. Er, der als sehr gefährlich gilt, und seine Mitarbeiter bauen die Modelle für Sapor Modelltechnik. Sie sind im Maßstab 1:8 und sollen teilweise für über 30.000 Euro gehandelt werden.

Auch Christine Haderthauer war an der Modellbaufirma beteiligt

Die Firma gehörte bis 2008 Hubert Haderthauer. Und davor, etwa bis 2001, jedenfalls „lange bevor sie richtig politisch aktiv wurde“, auch seiner Frau. Das sagte ihr Mann gestern gegenüber unserer Redaktion. Sie sei Teilhaberin mit 50 Prozent gewesen, sei aber nie nach außen aufgetreten, habe nie etwas gemacht, dafür könne er eine eidesstattliche Versicherung abgeben. Die Ministerin selbst lehnt eine Stellungnahme zu dieser Familienangelegenheit kategorisch ab.

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Ihr Mann hat, wie berichtet, seine Teilhabe an der Firma Sapor Modelltechnik seinem Dienstherren nicht mitgeteilt. Haderthauer ist seit fast 22 Jahren Leiter der Landgerichtsärztlichen Dienststelle am Landgericht Ingolstadt. Er ist Facharzt für Psychiatrie. In seiner Funktion als Landgerichtsarzt ist er dem Gesundheitsministerium unterstellt.

Die für ihn zuständige Personalbehörde ist die Regierung von Oberbayern. Die schrieb gestern, dass sie „Dr. Haderthauer bereits schriftlich zur Stellungnahme aufgefordert hat. Sobald uns diese vorliegt, werden wir die Angelegenheit beamtenrechtlich überprüfen.“ Neue Erkenntnisse über mögliche dienstliche Konsequenzen gebe es nicht. Dazu müsse erst die Antwort Haderthauers abgewartet werden.

Über das, was sich im Bezirksklinikum Ansbach von 1989 bis 2000 alles zugetragen haben soll, gibt es unterschiedliche Aussagen. So lange existierte die „Arbeitstherapie Modellbau“, in der die Modelle entstanden, mit denen Sapor Modelltechnik handelte. Haderthauer war von 1. April 1988 bis 30. September 1989 Arzt in der Forensik am Ansbacher Bezirksklinikum. Roland S. war dort sein Patient. Haderthauer hatte bereits gesagt und wiederholte gestern, dass er diese Arbeitstherapie nicht eingeführt habe.

Natürlich sei das alles lange her und er könne sich nicht mehr genau erinnern, aber: „Ich war Assistenzarzt. Glauben Sie, dass ein Assistenzarzt so etwas einführt?“ Wenn, dann sei für so etwas wohl eher der Chefarzt zuständig. Auf Anfrage unserer Redaktion schreibt Ariane Peine, Sprecherin der Bezirkskliniken Mittelfranken: „Nach unseren Unterlagen hat Herr Dr. Haderthauer die 'Arbeitsgruppe Modellbau' eingeführt.“

Wie kam Roland Ss an den Generalschlüssel?

Außerdem gibt es unterschiedliche Aussagen darüber, ob Roland S. auf Grund seiner Modellbau-Tätigkeit größere Freiheiten im Maßregelvollzug genossen haben soll als andere Patienten. Trotz Sicherheitsstufe eins, die für ihn galt.

Bei S. soll nach Informationen unserer Redaktion 1998 ein „Generalfensterschlüssel“ für alle Fenster des Krankenhauses im „Modellbaubereich“ sichergestellt worden sein. Er soll zudem einen Schlüssel zum Büro der Arbeitstherapiegruppe gehabt haben. Pakete für S. sollen von der Kontrolle ausgenommen gewesen sein.

Haderthauer sagte gestern: „Soviel ich weiß, ist er genauso behandelt worden wie andere Patienten auch. Dass er lockerer als andere behandelt wurde, ist nicht mein Eindruck gewesen.“ Von einem Schlüssel, den S. gehabt haben soll, wisse er nichts. „Mir ist vom Hörensagen kein Vorfall bekannt, bei dem es Probleme gegeben hätte.“

Es muss aber nach Unterlagen, die unserer Redaktin vorliegen, erhebliche Differenzen über die Sicherheit in der forensischen Abteilung gegeben haben. Eine Sachverständigen-Gruppe des Verbands der bayerischen Bezirke schrieb etwa im Jahr 1999: „Seit längerem schwelt im Bezirkskrankenhaus Ansbach ein massiver Konflikt zwischen ärztlicher und pflegerischer Leitung.“ Es wurde die Frage aufgeworfen, wie sicher die forensische Abteilung mit der Modellbauwerkstatt sei.

Darüber hinaus soll S. Freigang zu Modellbau-Recherchen gehabt haben, etwa in Museen. Hubert Haderthauer sagt: „Nach meiner Erinnerung konnte er in Begleitung raus, konnte mal einkaufen.“ Auch er, so Haderthauer, sei mit ihm unterwegs gewesen: „in irgendeiner Wirtschaft, mit Begleitperson“.

Haderthauer: "Für mich galten dieselben Kontrollen wie für jeden anderen auch"

Andererseits gibt es erneut unterschiedliche Aussagen dazu, ob Haderthauer noch nach seinem Wechsel nach Ingolstadt einen Sonderstatus als Besucher hatte. Haderthauer sagte gestern: „Ich kann beim besten Willen nicht mehr sagen, wann ich dort gewesen bin. Ich habe keine Schlüssel gehabt. Wenn ich dort war, ist mit Sicherheit immer einer vom Personal dabei gewesen. Für mich galten dieselben Kontrollen, wie für jeden anderen auch.“

Allerdings nahm nach Informationen unserer Redaktion die Pflegedienstleitung Ende der 1990er Jahre Anstoß daran, dass er als „Privat- und Geschäftsmann“ eine besondere Behandlung erfahren haben soll. Von ärztlicher Seite soll Haderthauer jedenfalls das Recht gehabt haben, S. in Haus 9 jederzeit besuchen zu können.

Fest steht: Die Konfliktsituation im Krankenhaus war ein Politikum im Bezirkstag von Mittelfranken. Auf Anfrage bestätigte die Pressestelle des Bezirks: Die Thematik Modellbau in der Arbeitstherapie war 1999 Gegenstand mehrerer nicht öffentlicher Sitzungen. Im Jahr 2000 wurde Roland S. nach Straubing verlegt – genauso übrigens wie die Gruppe „Arbeitstherapie Modellbau“.

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