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Unterricht mit Tigern und Bären

07.07.2010

Die Kombiklassen sind ein Erfolgsmodell

Kombiklassen sorgen bei Eltern für Unmut

Das Beispiel einer Augsburger Grundschule zeigt, wie jahrgangskombinierte Klassen zum Erfolgsmodell werden. Dabei sitzen zum Beispiel Erst- und Zweitklässler in einer Klasse. Von Ursula Ernst

Die Kinder kennen das schon. Immer wieder schauen Studenten oder Lehrer bei ihnen herein, um zu sehen, wie Elefanten mit Mäusen oder Tiger mit Bären zusammenarbeiten und lernen. Die Namen haben sich die Kinder selbst ausgesucht: Elefanten sind die ganz Kleinen, Mäuse die Zweitklässler, Tiger die Dritt- und Bären die Viertklässler. Die Volksschule im Augsburger Stadtteil Hochzoll-Süd ist seit Jahren Referenzschule für jahrgangskombinierte Klassen.

Auch gestern verteilte Schulleiter Jochen Mayr die 45 Teilnehmer eines Lehrer-Seminars auf die Klassen. Die 360 Schüler besuchen jeweils acht Kombiklassen der Jahrgangsstufen eins und zwei sowie drei und vier im schmucklosen Bau der ehemaligen Teilhauptschule, die heuer ihr 50-jähriges Bestehen feiert. Die Tiger und Bären der Klassleiterin Eva Lang beschäftigten sich während eines Zeitungsprojekts mit der aktuellen Ausgabe der Augsburger Allgemeinen. Jedes Kind interessierte sich für ein anderes Thema.

Wie die exotische Schlange von einer Touristin im Koffer versehentlich mitgebracht wurde (Bayern Seite 5), wie die Wale im immer lauter werdenden Meer miteinander kommunizieren, warum Jogi Löws blauer Glückspulli nicht mehr gewaschen werden darf (beides auf capito) - die Buben und Mädchen mussten mit ihren eigenen Worten die Geschichten nacherzählen und kommentieren. Ein Mädchen versuchte sich am Kreuzworträtsel ("war heute schwerer als gestern"), ein Bub studierte den Wetterbericht ganz genau ("gestern war es in Washington in den USA noch 40 Grad heiß, heute sind es nur noch 37 Grad").

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Dass in dieser Klasse Neunjährige wie Elfjährige an den Themen tüfteln, sieht der Außenstehende vor allem daran, dass einige deutlich größer als andere sind. Ansonsten achtet die Lehrerin Frau Lang darauf, dass bei der Gruppenarbeit Ältere mit Jüngeren, Bessere mit Schwächeren zusammengehen. "Die Kinder können sich sehr gut selbst einordnen", so Lang.

Dann beginnt die Übung. In Kleingruppen sollen sie eine Geschichte zu einem Thema erfinden, das sie sich aus Zeitungsüberschriften zusammen geschnitten haben. Eifrig diskutieren die Kinder, bis unter der Überschrift der Text entsteht. Auch der stille Bub, der mit zwei Mädchen auf dem Boden Platz genommen hat, muss seinen Beitrag leisten. Die Mädchen achten drauf.

Unvermittelt steht eine Kleine neben einer Besucherin und fragt: "Wie bitte schreibt man Syndrom?" Gleich darauf folgt die nächste Frage: "Wie wird Chaos geschrieben?" Sie brauchen diese Wörter, um das Chaos am See zu beschreiben und über das grässliche "Matheübungsbuch-Wissbegierigkeits-Syndrom", das Wissenschaftler befallen hat, zu berichten. Die Fantasie hat keine Grenzen.

Gegen Ende der ersten eineinhalb Stunden dieses Schultages werden die Arbeiten ausgetauscht und die Schüler bewerten sich gegenseitig. Frau Lang erinnert die Kinder daran, fair und konstruktiv zu kritisieren. Das funktioniert auch - fast überall. Aus Eva Langs "Klasse" werden etwa 30 Prozent nach der vierten Klasse die Hauptschule besuchen, die anderen verteilen sich auf Realschulen und Gymnasien. Die Zahlen entkräften die Bedenken der Eltern, dass die älteren und guten Schüler als Hilfslehrer missbraucht und selbst nicht ausreichend gefördert würden und dass die Kombiklasse nichts anderes sei als ein Sparmodell zulasten der Kinder.

Das wäre sicher so, gebe es noch den "Schichtunterricht" der alten Dorfschulen, sagt Mayr. Damals habe der Lehrer die eine Gruppe unterrichtet, während die andere mit einer stillen Arbeit beschäftigt war - und umgekehrt. Das pädagogische Modell der jahrgangskombinierten Klasse, so wie sie in Hochzoll-Süd praktiziert wird, hebt sich auch von den Kombiklassen zur Rettung der kleinen Schulen ab, die aus reiner Not entstanden sind, weil ihnen die Kinder wegblieben. Viele Eltern wissen das und versuchen ihre Kinder auch über Schulsprengelgrenzen im Augsburger Osten unterzubringen.

Im kommenden Schuljahr wird die Volksschule zu den 20 Modellschulen gehören, die die "flexible Grundschule" erproben. Für Jochen Mayr ist das keine Umstellung. Jeder Schüler lernt in seinem eigenen Tempo. Schon jetzt gebe es in den Kombiklassen keine Sitzenbleiber im klassischen Sinn. Wenn ein Kind freiwillig die Jahrgangsstufe wiederholt, dann tauche das nicht in der Schullaufbahn auf. Er vergleicht die Klassen mit einem Bus: "Wenn vorne die Bären (an weiterführende Schulen) aussteigen und hinten neue Tiger dazu kommen, fällt es kaum auf, wenn ein Kind noch ein Jahr länger braucht." Von Ursula Ernst

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