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22.08.2012

Die Zigarettenmafia vom Balkan

Durch Zigarettenschmuggel über den Balkan entgingen westeuropäischen Staaten viele Milliarden Steuern. Ein mutmaßlicher Drahtzieher der illegalen Geschäfte soll schon bald nach Deutschland ausgeliefert werden.
Bild: Christian Charisius, dpa

Der Augsburger Staatsanwalt Hans-Jürgen Kolb hat jahrelang Schmuggler gejagt. An die Hintermänner kam er nie ran. Nun soll ein Drahtzieher ausgeliefert werden.

Es  war Ende 2002,  als der Augsburger Oberstaatsanwalt Hans-Jürgen Kolb die Gewissheit hatte: Er ist nicht nur ein paar windigen Zigarettenschmugglern auf der Spur, sondern einer internationalen Mafia mit besten politischen Verbindungen auf dem Balkan. In der Schweiz waren die Häuser mutmaßlicher Schmuggelbosse durchsucht worden. Die Ermittler fanden zwei Dossiers. Sie enthielten Fotos, Anschriften, persönliche Daten und Zeitungsausschnitte über Kolb und den Lindauer Zollfahnder Günther Herrmann. Solche Mappen legt die Mafia über Leute an, die aus dem Weg geräumt werden sollen.

An die Hintermänner kamen sie nie ran

Kolb und Herrmann waren damals bereits zehn Jahre lang hinter der Zigarettenmafia her. Sie erwischten ein paar Kriminelle am unteren Ende der Kette. An die Drahtzieher kamen sie nie ran. Wahrscheinlich, weil sie von serbischen und montenegrinischen Politikern gedeckt wurden. Das haben die Ermittler immer öffentlich beklagt. Inzwischen sind die beiden Beamten seit Jahren im Ruhestand. Und jetzt soll, völlig überraschend, eine Schlüsselfigur des internationalen Zigarettenschmuggels in den nächsten Tagen nach Deutschland ausgeliefert werden. Der 57 Jahre alte Srecko Kestner sitzt seit Ende Juli in Auslieferungshaft in Sarajevo (Bosnien-Herzegowina). Das bestätigen Sicherheitskreise des Landes.

Deutsche Behörden geben keinerlei Auskünfte

Es wäre ein sehr später Erfolg für das Ermittler-Duo. Doch wie immer im Zusammenhang mit den Schmugglergeschäften sind auch jetzt keine offiziellen Informationen zu erhalten. Die deutschen Behörden schweigen. Das Bundesinnenministerium verweist auf das Bundesjustizministerium. Dort heißt es: „Zu laufenden Auslieferungsverfahren geben wir keine Auskunft.“ Das Bundeskriminalamt in Wiesbaden lehnt jeden Kommentar ab, obwohl Kestner auf der deutschen Interpol-Fahndungsliste stand. Es ist nicht einmal zu erfahren, warum Kestner ausgeliefert werden soll. Das montenegrinische Nachrichtenmagazin Monitor berichtet, der Mann mit deutschem Vater und kroatischem Pass werde wegen Handelsvergehen gesucht. Bei der Augsburger Staatsanwaltschaft weiß man nichts von aktuellen Ermittlungen gegen Kestner, sagt der Leitende Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz.

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Sind bekannte Balkan-Politiker mit verstrickt?

Warum ist die bevorstehende Auslieferung Kestners eine geheime Kommandosache? Liegt es an der Verstrickung bekannter Balkan-Politiker? So steht der 2010 zurückgetretene Premierminister Montenegros, Milo Djukanovic, seit Jahren im Verdacht, an dem Zigarettenschmuggel mitverdient zu haben. Srecko Kestner behauptete schon vor Jahren, Djukanovic habe säckeweise Geld aus dem Geschäft erhalten. Djukanovic selbst sprach lediglich von „Transitgebühren“, die in die Staatskasse gewandert seien.

Betrug und Steuerhinterziehung

Zollfahnder Herrmann dagegen bezichtigt Djukanovic der glatten Lüge: „Was da gelaufen ist, ist Betrug und Steuerhinterziehung in Milliardenhöhe.“ Die Ermittler beziffern den Steuerschaden für westeuropäische Staaten auf mindestens zehn Milliarden Euro. Gut möglich, dass die Summe zehnmal so hoch ist. „Djukanovic und seine Leute haben den Schmugglern Montenegro als Operationsbasis zur Verfügung gestellt und dafür sehr viel Geld bekommen“, sagt Herrmann. Warum wurde Djukanovic dafür nie belangt? Eine gängige Version lautet heute: Westeuropa wollte den montenegrinischen Staatschef dabei unterstützen, sich von Serbien zu lösen und ein demokratisches Land aufzubauen. Djukanovic hatte sich gerade noch rechtzeitig vom berüchtigten Serbenführer Slobodan Milosevic losgesagt. Dass auch der Krieg der Serben unter Milosevic zum Teil über den Zigarettenschmuggel finanziert wurde, gilt heute als Fakt.

Über Scheinfirmen nach Montenegro geliefert

Auch der spätere Serbenpremier Zoran Djindjic, der als Liebling des Westens galt, stand lange unter dem Verdacht, mit Geldern aus dem Zigarettenschmuggel an die Macht gekommen zu sein. Djindjic wurde 2003 erschossen. In derartige Dimensionen stießen Staatsanwalt Kolb und Zollfahnder Herrmann im Laufe ihrer Ermittlungen vor, die Anfang der 90er Jahre begannen. Ende Mai 1992 hatte der UN-Sicherheitsrat Wirtschaftssanktionen gegen Restjugoslawien, also Serbien und Montenegro, verhängt. Die Zöllner am Grenzübergang Lindau-Hörbranz bemerkten, dass immer mehr Zigaretten über Scheinfirmen nach Montenegro geliefert wurden. Ende 1993 wurde der Augsburger Oberstaatsanwalt Kolb unterrichtet. Der Zollübergang Lindau-Hörbranz liegt im Zuständigkeitsbereich der Augsburger Anklagebehörde.

Tabaksteuer, Zoll und Mehrwertsteuer umgangen

Kolb und Herrmann verbissen sich über Jahre hinweg regelrecht in das Thema. Am Ende waren sie sicher, den internationalen Schmuggel „lückenlos“ beweisen zu können. Der Ablauf war recht einfach, ermittelten sie: Die Tarnfirmen der Schmuggler kauften Unmengen von Zigaretten mit dem Hinweis, sie seien für Montenegro bestimmt. Weil das angebliche Zielland nicht zur EU gehörte, wurden die Zigaretten nicht wie üblich mit hoher Tabaksteuer, Zoll und Mehrwertsteuer belastet, die sonst den größten Teil des Endpreises ausmachen.

Die Tabakkonzerne haben mitverdient

So gelangten Zigaretten aus aller Welt unverzollt und unbesteuert nach Montenegro. Dort erhob die Regierung eine „Transitgebühr“, dann wurden die Glimmstängel mit Schnellbooten der italienischen Mafia über Italien auf die Schwarzmärkte der EU gebracht. Große Tabakkonzerne sollen von den illegalen Geschäften gewusst haben, aber nicht eingeschritten sein, weil sie kräftig mitverdienten.

Lukrativer als Drogenhandel

So wurden Milliarden verdient. Der Zigarettenschmuggel brachte mehr ein als der Drogenhandel. Und Srecko Kestner soll einer der Drahtzieher gewesen sein. In seinem Profil auf der Internet-Plattform Xing bezeichnet er sich als Manager bei „Walford Tobacco“ in Dubai, seit etwa drei Jahren sein angeblich legales Standbein. Weiter heißt es: „Branche: Import & Export. Ich biete: Cigarettes. Ich suche: Sale Cigarettes. Interessen: Tobacco.“

Milo Djukanovic, der nach seinem Rücktritt zuletzt nur im Hintergrund die Strippen zog, hat sich vor kurzem überraschend wieder für vorgezogene Parlamentswahlen nominieren lassen. Viele rätseln, warum. Eine mögliche Erklärung: Wenn Kestner vor einem deutschen Gericht auspackt und Djukanovic belastet, wäre es günstig für Montenegros dominierenden Politiker, wenn er als Staatspräsident oder Premierminister wieder Immunität genießen würde.

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