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Judentum

26.01.2021

Die älteste süddeutsche Thorarolle wird im Bundestag geehrt

So sieht eine Thorarolle aus. Diese hier stammt aus Prag.
Foto: Deml Ondej, CTK/dpa (Symbolfoto)

Plus Beim Shoa-Gedenken im Bundestag wird die älteste süddeutsche hebräische Thorarolle vollendet. Wie sie entstand und welche Gefahren sie überdauerte.

Sie ist die älteste in Süddeutschland. Sie überstand 1822 einen Stadtbrand und dann die dunklen Jahre des Nationalsozialismus. Nun kommt die Thorarolle, die 1793 für die neue Synagoge im Oberpfälzer Sulzbach geschrieben wurde, zu höchsten Ehren. Beim Festakt am heutigen Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag wird diese Thorarolle nach ihrer Restaurierung zeremoniell fertiggestellt.

Ehrung der Thorarolle: Eine Verpflichtung, jüdisches Leben in Deutschland zu schützen

Ein Thoraschreiber wird die letzten acht Buchstaben der hebräischen Bibel mit dem Gänsekiel und koscherer Tinte eintragen – vor den Repräsentanten aller fünf deutschen Verfassungsorgane. Vom Bundespräsidenten über die Kanzlerin, die Präsidenten von Bundestag und Bundesrat bis zum Bundesverfassungsgericht verpflichten sie sich damit, jüdisches Leben in Deutschland zu schützen und dauerhaft zu ermöglichen.

Für Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, ist die Thorarolle „Ausdruck der Kontinuität jüdischen Lebens in Deutschland“. Sie symbolisiere auch die einstige Blüte der jüdischen Gemeinden in Bayern, erklärte der Würzburger Arzt. In Amberg siedelten Juden seit 1666. Erstmals für Bayern ist eine jüdische Gemeinde im Jahr 981 im mittelalterlichen Regensburg bezeugt. Für Köln erlaubte der römische Kaiser Konstantin sogar schon im Jahr 321, dass Juden städtische Ämter übernehmen dürfen. Deshalb wird heuer das Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ begangen.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bekundete, es erfülle ihn „mit Demut und Dankbarkeit“, dabei sein zu können, wenn diese alte, gerettete Thorarolle vollendet werde. Die Thora umfasst die fünf Bücher Mose, sie ist Lehre und Gesetz, das Wort Gottes und Kernstück jüdischer Religion. Nach ihrer Fertigstellung wird der Amberger Rabbiner Elias Dray sie künftig im Gottesdienst verwenden.

Wie die älteste Thorarolle Süddeutschlands die Nazizeit überdauerte

Unerkannt hatte sie jahrelang im Schrein seiner Synagoge gestanden, bevor Dray das kostbare Stück 2015 entdeckte. Sie trägt die Inschrift „Sulzbach“ und die Jahreszahl ihrer Entstehung. Schalom, der Thoraschreiber aus Baiersdorf, hatte sie im Jahr 5553 (1793) vollendet.

Sie besteht aus 30 Tierhäuten, ist 24 Meter lang und 65 Zentimeter hoch. Die Tinte war verblasst und bröckelte zum Teil ab, auch das Pergament musste restauriert werden. Israelische Spezialisten aus Bnei Brak, die Elias Dray zurate zog, hatten sich in mühevoller Kleinarbeit ans Werk gemacht. Die Bundesrepublik übernahm den Großteil der Kosten für die Restaurierung des wertvollen Relikts.

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Führung durch die neue Synagoge in Ulm
Foto: Alexander Kaya

Beschädigt darf eine Thorarolle nicht mehr im Gottesdienst verwendet werden. Sie müsste auf einem Friedhof bestattet werden. Streng sind die Anforderungen an den „Sofer“, den Schreiber: Er betet vor jeder Arbeitssitzung. Kein Buchstabe darf fehlen, keiner den anderen berühren, geschrieben wird von rechts nach links.

Warum die Kultusgemeinde finanzielle Unterstützung bei der Finanzierung brauchte

Als 1934 die Sulzbacher jüdische Gemeinde aufgelöst wurde, kamen die Thorarolle und andere Ritualgegenstände nach Amberg. Gemeindevorstand Leopold Godlewsky konnte sie rechtzeitig vor der Pogromnacht im November 1938, als auch die Amberger Synagoge in Flammen aufging, dem Leiter des Heimatmuseums, Oberlehrer Georg Döppl, zur heimlichen Verwahrung anvertrauen. Nach dem Krieg entstand wieder eine kleine jüdische Gemeinde in Amberg und die Sulzbacher Thorarolle wurde ihr zurückgegeben. Allerdings geriet sie dort in Vergessenheit.

Schon bald nach der Auffindung war die Thorarolle ab April 2016 in Sulzbach ausgestellt. Allerdings schien ihre Restaurierung der Kultusgemeinde bei geschätzten 50.000 Euro Kosten unmöglich. Auf Vermittlung der örtlichen Abgeordneten sprang der Bund schließlich ein – und die älteste süddeutsche Thora wird nun in gutem Zustand der Öffentlichkeit präsentiert.

Die Gedenkfeier im Bundestag beginnt am Mittwoch, 27. Januar, um 11 Uhr und wird hier live übertragen.

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