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Diebe in Kirchen
18.06.2015

Sie stehlen wie der Teufel

Polizei im Einsatz: Hundertfach werden die Beamten in Bayern pro Jahr zu Einbrüchen und Diebstählen in Kirchen gerufen.
Foto: Malte Christians, dpa

Jedes Jahr registriert die Polizei hunderte Diebstähle aus Kirchen. LKA-Fahnder Franz Weber weiß, welche Kirchen gefährdet sind und warum die Täter anders vorgehen als früher.

„Die Tür der Kirche steht jedem offen“ – auch Dieben, Herr Weber?

Franz Weber: Allerdings. Jedes Jahr verzeichnen wir in Bayern einige hundert Fälle von Diebstählen aus Kirchen. Auf dem Land kommt das natürlich öfter vor als in der Stadt. Der Dieb nutzt die Möglichkeit, dass er dort oft die einzige Person in der Kirche ist und sich in Ruhe bewegen kann. In der Münchner Frauenkirche zum Beispiel ist das anders: Dort wird immer jemand da sein, der etwas bemerken könnte.

Was stehlen die Diebe?

Weber: Das hat sich im Lauf der Jahrzehnte geändert. In den Siebzigerjahren, als unsere Abteilung im Landeskriminalamt angesiedelt wurde, gab es noch häufig Kunstdiebstähle. Heute stehlen die Täter nicht mehr den Heiligen Josef, sondern brechen vor allem Opferstöcke auf. Ich würde sagen, 80 Prozent der Diebstähle in Kirchen entfallen auf Opferstöcke.

Warum ist es heute anders als damals?

Weber: Heute gibt es nicht mehr den Wunsch der Menschen, sich einen Heiligen ins Wohnzimmer zu stellen. Die Nachfrage war lange eine Motivation für Diebe. Sie haben die Gegenstände verkauft, um an Geld zu kommen. Entsprechend der Nachfrage war das gestohlene Stück auch mehr wert. Ein Monatslohn ließ sich mit dem Verkauf schon erzielen. Heute lohnt sich das nicht mehr.

Welcher Heilige war besonders gefährdet, gestohlen zu werden?

Weber: Das war eine bunte Mischung. Aber eine Statue mit 1,80 Metern Höhe können sie nur schwer unbemerkt aus einer Kirche herausschaffen. Deshalb nehmen die Täter noch heute meistens kleinere Figuren mit.

Wird das Allerheiligste einer Kirche, der Tabernakel, auch aufgebrochen?

Weber: Nein, das habe ich noch nie erlebt. Ich erinnere mich aber an einen alten Fall, in dem gewissermaßen das Herz einer Kirche zum Opfer von Dieben wurde: Die Täter stahlen die Volkacher Madonna von Tilman Riemenschneider. 1962 hatten sie sie unbemerkt auf einem Pritschenwagen fortgeschafft. Fünf Jahre später nahm die Kripo Bamberg sie fest.

Und die Opferstockdiebe – wie gehen sie vor?

Weber: Die Täter brechen wenn nötig die Kirchentür und dann den Opferstock auf, stehlen Geldstücke und Scheine. Oder sie ziehen das Geld aus den Schlitzen. Petrus und die Heilige Anna lassen sie zurück. Aber viele haben es zusätzlich auf das Buntmetall der Weihwasserkessel abgesehen.

Nach dem Motto „Ach, wenn ich schon einmal da bin...“?

Weber: In etwa, ja. Sie entwenden sogar Feuerlöscher oder klauen Kupferrohre.

Mit knapp einem Drittel aller Fälle ist die Aufklärungsquote bei Kirchendiebstählen relativ gering.

Weber: Das liegt daran, dass die Aufklärung bei Einzelfällen generell schwieriger ist, als wenn sie es mit einer Serie zu tun haben. Außerdem lassen sich die Spuren, zum Beispiel an Opferstöcken, oft nicht klassifizieren.

Sind Kirchen heute mehr auf Sicherheit bedacht als früher?

Weber: Die Kirchen haben in den letzten Jahrzehnten massiv nachgerüstet, was die Sicherheit betrifft. Man will nicht einfach die Tür zusperren. Das Ziel ist, die Kirchen für Gläubige auch außerhalb der Gottesdienstzeiten offen zu halten.

Wie aber schützen sich die Kirchen dann?

Weber: Zunächst einmal wurden die sakralen Gegenstände in bayerischen Kirchen nach und nach fotografisch inventarisiert. Früher kam es manchmal vor, dass es wochenlang niemand bemerkt hat, wenn eine Heiligenfigur verschwunden war. Manche Kirchen ziehen eine eiserne Wand vor dem Altarbereich ein. Andere haben ihre Figuren mit Draht festgemacht. Oft geht ein Alarmsignal los, wenn eine Figur angehoben wird. Das Problem aber ist, dass eine allzu aufwendige Sicherung in kleinen Kirchen oft zu teuer wäre.

Polizisten in Bayern haben jeden Tag hundertfach mit Einbrüchen und Diebstählen zu tun. Warum ist die Empörung immer noch besonders groß, wenn Kirchen betroffen sind?

Weber: Auch wenn die Religion heute eine weitaus geringere Rolle spielt als noch vor vierzig Jahren, gilt die Kirche als religiöses und künstlerisches Zentrum. Das Mitgefühl ist größer. Für viele Menschen hat die Kirche mehr Schutz verdient als zum Beispiel ein Kaufhaus.

Interview: Sarah Ritschel

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