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Kreis Augsburg

20.09.2017

Doppelmörder aus dem Nachbarhaus: Was geschah in Hirblingen?

Kurz vor Heiligabend 2016 entdeckten Polizisten bei einem Sucheinsatz die Leichen der beiden Opfer. Der Täter hatte sie neben dem Fluss Schmutter etwa einen Meter tief vergraben.
Bild: Marcus Merk

Waldemar N. soll in Hirblingen ein lesbisches Paar getötet haben. Am 4. Oktober startet der Prozess. Die Kripo hat viele Indizien gesammelt. Doch wichtige Fragen sind offen.

Auf seiner Facebook-Seite macht Waldemar N. den Eindruck eines normalen, braven, jungen Typen. Als seine Nichte geboren wird, postet er ein Foto aus dem Klinikum. Als ein Kumpel heiratet, zeigt er Bilder von der Hochzeit. Das letzte Foto vom 6. Dezember 2016 zeigt ihn spaßeshalber mit einer Spange im Haar. Danach gibt es keine Einträge mehr. Denn Mitte Dezember wurde Waldemar N. verhaftet.

Er soll seine Nachbarinnen im Gersthofer Ortsteil Hirblingen (Landkreis Augsburg) auf bestialische Weise getötet haben. Als Motiv vermuten die Ermittler Geldnot. Ab 4. Oktober – zwei Tage vor seinem 32. Geburtstag – wird sich N. vor dem Augsburger Schwurgericht wegen zweifachen Mordes verantworten müssen. Der Indizienprozess ist auf 16 Tage angesetzt. Verteidiger von Waldemar N. ist Walter Rubach, der zurzeit den ehemaligen Landtagsabgeordneten Linus Förster in dessen Sex-Prozess vertritt. Die Opferanwältin Marion Zech wird zwei Schwestern eines Opfers als Nebenklägerinnen vertreten. Ein Urteil könnte am 6. Dezember fallen.

Die Indizien sind erdrückend

Die Indizien gegen N. sind erdrückend. Aber wichtige Fragen sind nicht letztgültig beantwortet: Hat tatsächlich Habgier den nicht vorbestraften Maschinenführer zu der Bluttat an den Nachbarinnen getrieben? Wie hat sich die Tat in der Wohnung des lesbischen Paares genau zugetragen?

Doppelmörder aus dem Nachbarhaus: Was geschah in Hirblingen?

Beate N. und Elke W. verschwanden am 9. Dezember 2016. Eine große Öffentlichkeitsfahndung nach den beiden Frauen wurde gestartet. Schon nach wenigen Tagen ging die Polizei davon aus, dass das Paar einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist. Eine Sonderkommission aus 35 Beamten wurde eingesetzt. Eine Woche später nahm die Kripo den in Kasachstan geborenen Waldemar N. fest, obwohl zu jenem Zeitpunkt die Leichen der beiden Frauen noch nicht gefunden waren. Kurz vor Heiligabend stießen Polizisten bei einem großen Sucheinsatz auf die Leichen der Opfer. Der Täter hatte sie neben dem Flüsschen Schmutter etwa einen Meter tief vergraben, zweieinhalb Kilometer von ihrem Wohnhaus entfernt.

Die Augsburger Kriminalpolizei hat seitdem eine Unmenge von Spuren gesammelt, die N. schwer belasten. Es gibt Überwachungsfotos von Geldautomaten im Raum Augsburg und in Prag, die nach Ansicht der Polizei N. dabei zeigen, wie er Bargeld von Konten der Frauen abhebt. Die EC-Karten und die Geheimnummern soll er sich im Haus der Opfer beschafft haben. Insgesamt hat N. laut Anklage 5020 Euro abgehoben. In seinem aufgemotzten weißen 3er BMW wurden dazu passend Bargeld-Bündel unter der Fußmatte gefunden.

War Habgier das Motiv?

Neben dem Erdgrab der Frauen fanden die Ermittler einen Spaten. Genau einen solchen Spaten hatte N. am Abend nach dem Verschwinden der Frauen gekauft. Die Quittung aus dem Baumarkt lag noch in seinem BMW. Und es gibt nach Recherchen unserer Zeitung weitere schwerwiegende Indizien. So wurden neben dem Leichen-Fundort an der Schmutter persönliche Gegenstände von Waldemar N. gefunden. Zudem haben die Spurensucher seinen genetischen Fingerabdruck an den Leichen der beiden getöteten Frauen gesichert. Seine DNA-Spuren wurden auch am braunen Peugeot der Opfer entdeckt. Die Ermittler gehen davon aus, dass er die toten Frauen in Schlafsäcke eingewickelt und mit deren eigenem Auto abtransportiert hat. Blutspuren der Opfer fanden sich im Kofferraum.

Als Motiv für den Doppelmord sehen Kripo und Staatsanwaltschaft Geldnot. Waldemar N. soll rund 130.000 Euro Schulden gehabt und über seine Verhältnisse gelebt haben. Seinen Dispo-Kredit von 5000 Euro reizte er laut Anklage jeden Monat komplett aus. Doch dramatisch war die finanzielle Lage des Angeklagten nicht. Und immerhin gehörte ihm das Haus, in dem er mit seiner Mutter lebte, teilweise. Ist also Habgier wirklich das Motiv?

Der Angeklagte schweigt

Und was geschah im Haus der Frauen? Die Ermittler rekonstruieren die Tat so: N. soll am Morgen des 9. Dezember nach seiner Nachtschicht hinübergegangen sein. Den Schlüssel zum Nachbarhaus hatte seine Mutter, sie verstand sich gut mit dem lesbischen Paar. Waldemar N. soll die völlig überraschte Beate N. heftig ins Gesicht geschlagen haben, um an die Geheimzahlen der Bankkonten zu kommen. Dann fügte er der Frau eine Vielzahl von Stichverletzungen zu, manche bis zu 25 Zentimeter tief. Ob er Elke W. zuvor oder danach erstach, können die Ermittler nicht sagen. Eine Erklärung, warum N. seine Nachbarinnen so hinmetzelte, gibt es auch nicht. Ein derartiges „Übertöten“ kennen Ermittler eigentlich nur von Beziehungstaten, wenn starke Emotionen im Spiel sind. Der Einzige, der Antworten geben könnte, ist Waldemar N. Doch der schweigt seit seiner Verhaftung. Und so wird es wohl auch im Prozess bleiben.

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