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Bad Hindelang

21.02.2021

Ein Allgäuer Bergbauer nimmt Abschied von seiner großen Liebe

„Alle hier im Stall sind ganz Liebe. Wann immer ich Zeit habe, ratsche ich mit ihnen“: Kaspar Weber im Stall mit zwei seiner drei verbliebenen Milchkühe.
Bild: Ralf Lienert

Plus Bergbauer Kaspar Weber, 87, will seine letzten Milchkühe verkaufen. Die Landwirtschaft lohne sich nicht mehr, sagt er. Eine Geschichte über Tradition, Trotz und auch ein paar Tränen.

Die Schwielen an den Fingern stammen von harter Arbeit. Doch noch immer verfügen die faltigen Hände über jenes Feingefühl, das einen alten Allgäuer Bergbauern auszeichnet. Behutsam streicht Kaspar Weber seiner Kuh Marli im Holzstall seines Bauernhofes in Bad Hindelang (Oberallgäu) über den Kopf. „Ruhig“, raunt er ihr ins Ohr. „Ganz ruhig.“

Zufrieden schnaubt Marli aus und senkt die Hörner. Es gibt keinen Menschen, dem sie mehr vertraut als dem 87 Jahre alten Landwirt, der sich in seinem Stallhäs – kariertes Hemd, blauer Pullunder, verwaschene Hose, große Pantoffeln – an sie schmiegt. „Die Marli“, sagt Kaspar Weber, „ist eine ganz Liebe“. Dann macht er eine kurze Pause und hebt mit einem verschmitzten Lächeln den Kopf. „Alle hier im Stall sind ganz Liebe. Wann immer ich Zeit habe, ratsche ich mit ihnen.“

Der alte Mann mit dem von der Arbeit krummen Rücken wird sie vermissen. Im Herbst will Kaspar Weber schweren Herzens seine drei Milchkühe Marli, Lily und Tanja verkaufen. Schon vorher werden die Kälbchen Susi und Christkindle (geboren am 25. Dezember 2020) den Stall verlassen. Damit verschwinden die letzten Rinder auf seinem mehr als 380 Jahre alten Bauernhof und es bleiben nur noch sieben Katzen übrig. „Die Landwirtschaft“, sagt Weber resigniert, „rentiert sich für mich einfach nicht mehr“.

Der Bauernhof des Allgäuer Bergbauern ist mehr als 380 Jahre alt.
Bild: Ralf Lienert

Jeweils zehn Liter Milch geben seine drei Kühe jeden Abend. Nach dem Melken gehen von den drei gefüllten Kübeln zwei an die hungrigen Kälber. Da bleibt nicht mehr viel übrig für den Milchlaster, der alle zwei Tage den von Bergen umgebenen Hof an der Ostrach ansteuert. Wenn Kaspar Weber, dessen zwei Söhne andere Berufe ergriffen haben, mit seiner zweiten Ehefrau Marika, 66, den Stall aufgibt, stirbt ein weiteres Stück Allgäuer Geschichte.

Warum Bergbauern im Allgäu nicht einfach nur Bauern sind

In seiner Jugend, so erinnert sich der frühere Vorsitzende der Wald- und Weidegenossenschaft Bruck, gab es allein im Hindelanger Ortsteil Hinterstein 52 Bergbauern. Heute seien es nur noch sechs. Man kann das als Verdrängungswettbewerb betrachten, wie er in zig Branchen stattfindet.

Andererseits haben die Bergbauern im Allgäu eine besondere Funktion, die weit über die Viehhaltung hinausgeht. Sie erhalten und pflegen die Landschaft, an der sich Einheimische und um die vier Millionen Touristen im Jahr erfreuen. „Wenn wir Bergbauern nicht mehr sind, verbuschen unsere schönen Bergwiesen und die Artenvielfalt geht zurück“, gibt Weber zu Bedenken.

 

Das Leben in und mit der Allgäuer Natur ist für ihn der Grundstein zum Glück. Weber war Förderer und Vordenker für das heutige Projekt „Hindelang Natur und Kultur“. Mehr als 60 Bergbauern bewirtschaften ihre alpinen Wiesen nach strengen ökologischen Richtlinien. Dazu gehört der Verzicht auf Kunstdünger sowie die Beschränkung auf maximal eine Kuh pro Hektar. Darüber hinaus werden 90 Prozent des benötigten Futters innerhalb des Gemeindegebiets selbst erzeugt. Auf Gentechnik wird komplett verzichtet.

Obwohl Kaspar Weber, der sich seit seiner Jugend mit Naturheilkunde beschäftigt, die ökologische Landwirtschaft am Herzen liegt, bereitet ihm auch die generelle Entwicklung in der bayerischen Landwirtschaft Sorge. Ende 2020 gab es laut Statistischem Landesamt nur noch 84.600 Höfe.

Es gibt immer weniger Bauernhöfe in Bayern

Zehn Jahre zuvor waren es über 100.000 gewesen, zur Jahrtausendwende sogar noch 150.000. Aufgegeben haben in den vergangenen zehn Jahren vor allem hauptberufliche Bauern – mehr als 12.000. Mittlerweile wird mehr als die Hälfte der verbliebenen bayerischen Bauernhöfe von ihren Besitzern im Nebenerwerb geführt.

Der Milchpreis, der im Vorjahr im Freistaat durchschnittlich bei 34,30 Cent pro Kilo für konventionelle Milch lag, trägt zur Beschleunigung des Höfesterbens bei, meint Weber: „Die Bauern bräuchten mindestens 50 Cent! So traurig es ist: Ich versteh jeden Jungen, der unter diesen Umständen nicht mehr weitermachen will.“

Marika, die Ehefrau von Kaspar Weber, bei der Stallarbeit.
Bild: Ralf Lienert

Als Jungbauer konnte Kaspar Weber mit rund 25 Milchkühen und Kälbern eine Familie ernähren. Doch im Laufe der Jahrzehnte wendete sich das Blatt – zugunsten der Großlandwirtschaft, die an steilen Bergwiesen wie im Oberallgäu nahezu unmöglich ist. Weber war schlau genug, um die Zeichen der Zeit zu erkennen.

Nach und nach baute er das Anwesen seiner Familie um. Vier Ferienwohnungen auf dem Bauernhof sichern ihm heute seine Existenz. Die Anpassung an die wirtschaftliche Realität und an den Bedarf des Tourismus ist das eine. Auf der anderen Seite ist er tief verwurzelt in der Tradition der Vorfahren, die seit jeher Bergbauern waren und sich um die saftigen Hänge ihrer Heimat kümmerten.

Kaspar Weber ist ein Universal-Genie

In einer globalisierten Welt erinnert Webers Schicksal ein wenig an einen betagten Mittelmeer-Fischer. Notgedrungen vermietet er ein paar Zimmer in seinem Häuschen am Strand und kann sich dennoch nichts schöneres vorstellen, als im Morgengrauen, wenn alle Gäste schlafen, allein mit seinem Kutter aufs offene Meer zu schippern.

Ob der Vergleich stimmt, vermag Kaspar Weber nicht zu sagen. Er war noch nie am Mittelmeer. „Groß Urlaub hat man als Bergbauer nicht“, sagt er schmunzelnd. Obwohl er nur selten über seine Heimatregion hinausgekommen ist, gilt er vielen dennoch als Allgäuer Universal-Genie aussterbender Gattung. Wer kann denn heutzutage noch einen Stadel selbst bauen, all seine Maschinen reparieren, das Wetter lesen, das Vieh verstehen, heimische Heilkräuter erkennen, imkern, schnitzen, sensen, dengeln, am Tisch in der Stube über Gott und die Welt philosophieren? Und das Ganze ohne Handy, Laptop oder Google. Der Weber Kaspar kann’s.

Geübte Handgriffe: Aber die Landwirtschaft, sagt Kaspar Weber, lohne sich nicht mehr.
Bild: Ralf Lienert

Er ist ein „Mächlar“ der alten Schule – ein Macher. Einer, der mit den selbst ernannten Experten und Theoretikern in Ministerien, Verwaltung und Verbänden nicht viel anfangen kann. „Wenn alle bloß noch studieren und einem heute dies und morgen das vorschreiben“, sagt Kaspar Weber und fuchtelt plötzlich aufgeregt mit der Heugabel im Stall, „wer bleibt dann übrig, um die Arbeit zu machen?“

Vermutlich nicht mehr viele, wenn der Herrgott altgediente Schaffer von seinem Schlag eines Tages zu sich ruft. Menschen, die um 5.25 Uhr aufstehen und als erstes, noch vor dem Frühstück, das Vieh im Stall versorgen – und die trotz der vielen Arbeit zufrieden sind. „Ich hab ein reines Herz und bin zu jeder Schandtat bereit“, beschreibt der gelernte Maurer und frühere Ansager auf Heimatabenden und in Festzelten sein Lebensmotto.

Vor zwei Jahren hatte der Bergbauer einen schlimmen Arbeitsunfall

Ihm graut einzig und allein vor dem Tag, an dem er seine letzte Kuh abgeben wird. „Die Tiere sind mir ans Herz gewachsen. Das sind Lebewesen und keine Sachen. Einen Stock gibt’s in meinem Stall nicht.“ Wie sehr er mit ihnen fühlt, zeigte sich bei der Geburt von Kälble Christkindle. Die Mutterkuh Emma erlitt dabei schwere innere Verletzungen und musste eingeschläfert werden. „Das war ein Abschied mit Tränen“, gesteht der zähe Bergbauer wehmütig.

Die Stallarbeit wird auf dem Hof von Kaspar Weber bald der Vergangenheit angehören.
Bild: Ralf Lienert

Damit kein falscher Eindruck entsteht, fügt er sicherheitshalber an: „Ein Weichei bin ich, bei Gott, aber nicht.“ Das bewies er vor zwei Jahren bei einem schlimmen Arbeitsunfall. Über drei Meter stürzte er durch eine Luke in der Futterkammer in die Tiefe. Kaspar zog sich einen Wirbelbruch und mehrere Rippenbrüche zu. Dennoch schaffte es der alte Mann, sich vom Stallgebäude in die Wohnung zu schleppen. Dort fand ihn seine Frau schwer verletzt auf dem Canapé. Wenig später kam ein Rettungshubschrauber. Die anschließende Operation hat er zum Erstaunen der Ärzte trotz seines Alters gut verkraftet. „Unkraut rostet nicht“, sagt er zur Begründung.

Seine erstaunliche Fitness führt er auf seinen „Drei-B-Merksatz“ zurück: täglich Bienenhonig, keinen Bohnenkaffee und viel Bewegung. Das soll auch so bleiben, wenn Kaspar Weber, der am 4. April 88 Jahre alt wird, sein Vieh abgegeben hat. „Natürlich werden mir meine Küh’ und Kälble fehlen. Das spür ich jetzt schon.“ Dann sagt er, wie um sich selbst zu trösten: „Aber wenn ich will, hab ich noch immer Arbeit gefunden.“

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21.02.2021

Schade, aber Landwirtschaft ist ein Hartes Brot, vor allen wenn man nichts oder Wenig mit Maschinen machen kann. Ich Wünsche den Bauern alles gute, aber die Zeit steht auf Landwirtschafts- Industrie. Das sich das mal wieder ändert ist wohl eher Unwahrscheinlich. Nun er war ein Fleißiger Mann im Schweiße seines Angesichts.

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