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Ein Allgäuer Förster ist sicher: So muss der Wald der Zukunft aussehen

Bild: Ralf Lienert

Bayerns Staatsregierung verspricht Großes, um den Wald zu retten. Wie groß sind die Pläne wirklich? Förster Hermann S. Walter gibt erstaunliche Einblicke.

Da steht er, der Wald. Und der Laie sieht vor lauter Bäumen nicht, was hier los ist. „Schauen Sie jetzt mal hier rechts und da vorne links“, sagt Forstdirektor Hermann S. Walter, „sehen Sie das?“ Nun gut. Der Laie sieht erst mal nur Bäume. Rechts ist es oben heller. Es fällt Licht durch die Fichtenkronen. Und unten drunter wachsen junge Buchen und Fichten, vereinzelt auch Eichen und anderes Gehölz wild durcheinander. Vorne links ist es ziemlich finster. Kaum ein Sonnenstrahl dringt bis zum Boden durch. Und zwischen den mächtigen alten Stämmen herrscht gähnende Leere.

Was der Leiter des Forstbetriebs Ottobeuren hier im Staatsforstdistrikt „Hochfirst“ bei Stetten im Landkreis Unterallgäu demonstriert, betrifft eine Angelegenheit, die zu einem hochbrisanten Politikum geworden ist. Es geht um die Frage, wie der Wald klimafest gemacht oder – sollte man sogar sagen? – gerettet werden kann.

Hermann S. Walter ist Forstbetriebsleiter im Unterallgäu.
Bild: Ralf Lienert

Das heute sogenannte „Waldsterben 1.0“, das Deutschland Anfang der 80er Jahre in helle Aufregung versetzte und den Grünen den Weg in die Parlamente ebnete, konnte durch einen politischen Kraftakt abgewendet werden: Rauchgasentschwefelung für Kohlekraftwerke, verbindliche EU-Abgaswerte für Autos, Luftreinhaltepläne und Katalysatoren gegen den „sauren Regen“ retteten tatsächlich den Wald. Ein Jahrzehnt später war das Waldsterben – Schlagwort: „Erst stirbt der Wald, dann stirbt der Mensch“ – kein Thema mehr. Spötter lästerten sogar über „Landschaftsverdunkelung“.

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Das große Problem mit dem „Waldsterben 2.0“

Dem „Waldsterben 2.0“ wirksam zu begegnen, wird wahrscheinlich ungleich schwieriger sein. Es wird durch den Klimawandel verursacht. Heftigere Wetterereignisse, längere Hitzeperioden und ausgedehnte Phasen extremer Trockenheit bereiten den Wäldern Stress und machen die Bäume anfälliger für Schädlingsbefall. Für Monokulturen – Fichte, Kiefer und neuerdings in einigen Regionen auch Buche – gilt das ganz besonders. Gleichzeitig ist klar, dass ein gesunder, widerstandsfähiger Mischwald als Kohlenstoffspeicher und Sauerstoffproduzent einen unverzichtbaren Beitrag zum Klimaschutz leistet, weil er der Atmosphäre das Klimagas CO2 entzieht. Das schreit förmlich nach einem neuerlichen politischen Kraftakt.

Ein neuer Trieb wächst aus dem Unterallgäuer Waldboden.
Bild: Ralf Lienert

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU), zugleich oberster Dienstherr der Bayerischen Staatsforsten, hat diesen Ruf gehört. Medienwirksam ließ er sein Kabinett Mitte Juli unter freiem Himmel hinter der Staatskanzlei gemeinsam mit Wissenschaftlern tagen. Dann verkündete er unter den Platanen im Hofgarten seinen „Klimafahrplan“. Im Mittelpunkt dieses Plans stehen die rund 760.000 Hektar Staatswald, die den Freistaat Bayern zum größten Waldbesitzer in ganz Deutschland machen.

"Statt verdienen wollen wir erhalten"
Markus Söder

Bisher ging es bei den Staatsforsten vorrangig um Geld. Das Unternehmen wurde 2005 vor allem deshalb gegründet, um aus der Forstverwaltung eine wirtschaftlich effektive Einheit zu machen. Von nun an soll laut Söder die Ökologie im Vordergrund stehen. 30 Millionen Bäume, so kündigte er an, sollen in den nächsten fünf Jahren gepflanzt werden – fünf Millionen mehr als bisher geplant. Außerdem sollen 100 weitere Windräder im Staatswald errichtet werden. „Das Ziel ist nicht mehr die Gewinnabführung“, sagte Söder und versprach: „Aus dem reinen Wirtschaftswald soll ein Klimawald werden. Statt verdienen wollen wir erhalten.“

Martin Neumeyer, der Vorstandsvorsitzende der Staatsforsten, unterstützt seinen Dienstherrn und zeigt sich höchst erfreut. „Für den Wald ist das, was der Ministerpräsident angekündigt hat, ein Riesenfortschritt“, sagt Neumeyer. „Dass unsere Gewinne – in den vergangenen 14 Jahren waren es immerhin 600 Millionen Euro – künftig vorrangig in den Waldumbau investiert werden, ist ein echter Paradigmenwechsel.“ Das Ziel der Staatsforsten seien „strukturreiche, mehrschichtige Wälder mit viel Verjüngung unter dem Altbestand“.

Die Opposition spricht von „Etikettenschwindel“

Im krassen Gegensatz dazu stehen die Kommentare aus den Reihen der Opposition im Landtag. „Aus dem Wald in den Wald“ zu investieren, so sagt SPD-Fraktionschef Horst Arnold, fordere die SPD schon seit Jahren. Söder betreibe „in gewisser Weise einen Etikettenschwindel“. Aktuell sei es keine große Kunst, auf Gewinne zu verzichten, weil auf dem darnieder liegenden Holzmarkt im Moment ohnehin nicht viel zu holen sei. Und dass eine Million Bäume mehr pro Jahr gepflanzt werden sollen, laufe unter dem Gesichtspunkt des Klimaschutzes auf ein „Nullsummenspiel“ hinaus. Mehr Fläche nämlich stehe im Staatswald nicht zur Verfügung.

Der Wald wird sich in Zukunft verändern, da sind sich Experten sicher.
Bild: Ralf Lienert

Auch bei den Grünen hält sich die Begeisterung über die grünen Ambitionen des Ministerpräsidenten in engen Grenzen. „Momentan wird der Wald für gute Schlagzeilen fast schon vergewaltigt“, sagt ihr forstpolitischer Sprecher Hans Urban. Bereits 1954 habe man in Bayern das Ziel formuliert, einen klimatoleranten Mischwald zu schaffen. „Aber wir müssen feststellen, dass wir auf der Stelle treten.“ Die Hauptschuld dafür gibt er dem Einfluss der Jägerschaft auf die Politik. „Diese Staatsregierung ist von Jägern geprägt“, sagt Urban. Solange der Abschuss nicht stimme, funktioniere der Waldumbau nicht. „Die Politik kann sich nicht dazu durchringen, sich anständig hinter die Förster und Waldbesitzer zu stellen.“

Forstdirektor Walter kennt diese politischen Debatten, aber er hält sich ans Fachliche. Er ist Förster aus Leidenschaft. Für ihn ist es „der schönste Beruf der Welt“. In dem knapp 500 Hektar großen Distrikt „Hochfirst“ zeigt er mit einigem Stolz, wie weit die Förster mit dem Umbau des Staatswaldes hier schon sind. Überall dort, wo unter dem alten Fichtenwald schon ein neuer Mischwald nach oben drängt, ist die Hauptaufgabe schon erledigt. „Ein Traum!“, sagt Walter.

Nebenan, wo es unter den Fichten finster ist und leer, hat Walter nix zu sagen. Es ist ein Privatwald, der noch auf klassische Weise bewirtschaftet wird: Kahlschlag, Fläche räumen, neue Bäume pflanzen, wachsen lassen und pflegen bis zum nächsten Kahlschlag. Walter sagt, er wolle nicht darüber urteilen, wie andere mit ihrem Eigentum umgehen. Aber es gefällt ihm sichtlich nicht.

"Wir jagen scharf, aber sauber"
Hermann S. Walter

Die Staatsforsten setzen schon lange auf Naturverjüngung. Statt ganze Flächen abzuholzen, wird nur ein Teil der Bäume entnommen. Dadurch erreicht genügend Licht den Boden, um jungen Trieben eine Chance zu geben. Den Rest erledigt die Natur selbst. Die Förster müssen nur noch pflegend eingreifen, damit die Mischung stimmt. Mindestens vier Baumarten soll es in einem Mischwald idealerweise geben. Das alles klappt nach Aussage Walters aber nur dann, wenn gleichzeitig eine konsequente Bejagung stattfindet, um den Verbiss in Grenzen zu halten. Im Forstbereich Ottobeuren gelinge das. „Wir jagen scharf, aber sauber“, sagt Walter.

Bäume zu pflanzen oder Saatgut auszubringen, ist nach seinen Worten nur dort nötig, wo es unmittelbare Schäden gibt, etwa durch Schneebruch, Schädlingsbefall oder Sturm, oder wo gezielt „weniger konkurrenzfähigen“ Baumarten wie der Tanne geholfen werden soll. Dennoch hält er Söders Zielvorgabe, pro Jahr eine Million Bäume mehr zu pflanzen, für realistisch. „20 Prozent mehr, das geht. Viel mehr würde allerdings keinen Sinn machen.“

Gleichzeitig Geld verdienen und den Wald umbauen, ist für Walter kein Zielkonflikt. Was Söder angekündigt hat, so sagt er, „ist nach meinem Verständnis für uns keine neue Rolle. Aber es ist aus forstlicher Sicht eine durchaus willkommene Verstärkung“. Mit anderen Worten: Die Förster machen nicht viel anders als bisher, aber sie können es künftig schneller machen. Vorstandschef Neumeyer, einst Regierungssprecher unter Edmund Stoiber und zuletzt Amtschef im Landwirtschaftsministerium, formuliert es so: „Etwa drei Viertel der neuen Mischwälder entstehen bei uns im Staatswald durch natürliche Verjüngung, aber es freut uns, dass zusätzliche Pflanzungen möglich gemacht werden. Das beschleunigt den Waldumbau.“

Mein Freund, der Baum: Ministerpräsident Markus Söder im Juli bei der Präsentation seines „Klimafahrplans“.
Bild: Peter Kneffel, dpa

Im Kern also ist das, was Söder jetzt groß verkündet hat, längst im Gange. Seit einer großen Bestandsaufnahme im Jahr 2008 wurden bereits 70.000 Hektar Wald „vorausverjüngt“. Weitere 132.000 Hektar – eine Fläche ungefähr neun Mal so groß wie Augsburg – sollen folgen. Ursprünglich sollte das bis zum Jahr 2035 erreicht werden. Mit mehr Geld soll es jetzt etwas schneller gehen. Einen Termin nennen die Staatsforsten allerdings nicht.

Und dann ist da die Sache mit den Windrädern

Kritiker der staatlichen Forstpolitik wie der SPD-Fraktionschef im Landtag zweifeln an der Ernsthaftigkeit dieser Absichten. Arnold verweist vor allem auf den jahrelangen Personalabbau bei den Staatsforsten, der sich weiter fortsetzen werde. Der Landesverband Bayern des Bundes deutscher Forstleute fordere nicht ohne Grund mehr qualifiziertes Personal. Auch der Grünen-Politiker Urban kann keinen Kurswechsel erkennen. Nach wie vor sei im Haushalt eingeplant, dass die Staatsforsten zehn Millionen Euro Gewinn an den Freistaat abzuführen haben. Außerdem werde der Privatwald in Söders „Klimafahrplan“ vernachlässigt. „Im Privatwaldbereich“, so Urban, „sieht es noch viel schlimmer aus.“

Wenn Wald für Windräder weichen muss, gibt es stets viel Kritik.
Bild: Ralf Lienert

Und dann ist da noch die Sache mit den Windrädern. Für Urban ist es ein Widerspruch, „dass Windräder ausgerechnet dort errichtet werden sollen, wo wir die höchste Artenvielfalt haben“. Er hält das Ziel, 100 neue Anlagen zu bauen, schon aus Mangel an möglichen Standorten nicht für realistisch.

Staatsforsten-Chef Neumeyer widerspricht. „Selbstverständlich haben wir Platz“, sagt er. „Die windgünstigsten Standorte sind grundsätzlich schon bekannt.“ Nun würden Experten beauftragt, „den gesamten Staatswald im Hinblick auf die 10-H-Regelung und Naturschutzauflagen auf mögliche Standorte zu untersuchen“.

Was das mit dem Umbau des Waldes in einen „Klimawald“ zu tun hat, leuchtet wiederum dem SPD-Politiker Arnold nicht ein. Windräder in den Wald zu stellen, sei „ein Eingriff in die eigene Substanz. Da geht es doch wieder nur um Gewinn“.

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