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Tourismus

23.06.2019

Ein Jahr nach dem Forggensee-Drama: Ist jetzt alles wieder gut?

Der leere Forggensee im Sommer 2018 beim Weiler Tiefental in der Nähe von Roßhaupten.
Bild: Benedikt Siegert

Plus Im Sommer 2018 war der Forggensee nurmehr ein braunes Brachland. Das Wasser war weg. Tourismus-Betriebe bangten ums Geschäft. So ist die Lage heute.

Wasser. Und Wellen und Wind. Wie ein kornblumenblaues Seidennachthemd liegt der Forggensee an diesem Sommermorgen da. Wiesen und Wälder schmiegen sich an das Ufer. Auf den Gipfeln der Berge, die sich im klaren Wasser spiegeln, glänzt der Schnee wie Baiser auf einem Sahnetörtchen. Dieser See also, der nun so friedlich wirkt, dieser See hat den Menschen im vergangenen Jahr einige Sorgen bereitet. Denn ihm fehlte etwas, das einen See eben zu einem See macht: Wasser.

Der Sommer 2018 war in vielerlei Hinsicht ein besonderer. Deutschland erlebte eine historische WM-Pleite, es war so heiß und trocken wie selten zuvor und das Land staunte über die längste Mondfinsternis des 21. Jahrhunderts. Und dann gab es da noch das Drama um den Forggensee. Weil ein Damm in die Jahre gekommen, undicht war und saniert werden musste, wurde der Stausee nicht wie üblich Anfang Juni geflutet. Was blieb, war eine matschige Pfütze. Vielerorts sogar nur mehr braunes Brachland.

Die Geschichte dahinter ist die: 1954 wurde der Lech gezähmt und künstlich aufgestaut, um Strom zu erzeugen. Jeden Winter liegt die Ebene trocken, um im Frühsommer die Schneeschmelze aufnehmen zu können. Der Forggensee dient vielen Gemeinden so als Hochwasserschutz – und Gästen aus aller Welt als Badesee. Nur eben nicht im vergangenen Jahr. Und das hatte Folgen: Urlauber waren entsetzt. Hoteliers, Wirtsleute und Bootsverleiher fürchteten um ihr Geschäft. Die Zeitungen waren voll mit tristen Bildern, die eher an eine Mondlandschaft als einen Badesee erinnerten.

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Nun, ein Jahr später, fragt man sich: Wie schlimm war das damals? Für die Touristen, aber auch für die Menschen, die am und vom See leben? Sind die Bauarbeiten nun fertig? Und: Wie wird er in diesem Jahr eigentlich werden, der Sommer am See?

Eine sagt: Das war schon eine Ausnahmesituation

Das Westufer. Der kleine Ort Rieden. Es ist kurz nach elf in der Früh. Ulrike Schnöller sitzt auf der Terrasse ihres Hotels. In der Hand eine Zigarette, vor sich auf dem Holztisch eine Tasse Milchkaffee. Sie nimmt einen Schluck, dreht sich nach rechts und blickt hinaus auf den See. Wenige Meter neben ihr beginnt das Ufer. Urlauber dösen in der trägen, heißen Mittagshitze, ein Tretboot fährt vorbei, man hört das Lachen von Kindern, die im Wasser planschen. Dann wendet sie den Blick wieder ab vom gleißenden Blau, zieht an ihrer Zigarette und sagt: „Es war schon eine Ausnahmesituation im letzten Jahr.“

Und das, obwohl direkt vor ihrem Hotel noch ein bisschen Wasser übrig war, eine Art überdimensionale Lache, in der man tatsächlich noch baden konnte – wenngleich die Urlauber danach über und über mit Schlamm bedeckt waren und die Flure im Hotel so oft geputzt werden mussten wie nie zuvor.

Als klar war, dass der See kein Wasser haben würde, hätten ständig verunsicherte Touristen angerufen, erzählt Schnöller weiter. Einige fragten sogar nach einem Preisnachlass. Die Frau mit den blonden Haaren, die zu einem Zopf zusammengebunden sind, schüttelt den Kopf. „Man bekommt ja auch keinen Rabatt, wenn man im Skiurlaub keinen Schnee hat“, sagt sie und nimmt noch einen Schluck Kaffee. Insgesamt habe es nur wenige Stornierungen im „Seehotel Schnöller“ gegeben – und das seien alles Wassersportler gewesen, die nun mal auf einen See angewiesen sind. Und weil insgesamt viel weniger Menschen am See unterwegs waren, musste Schnöller den Café-Betrieb ihres Hauses gewaltig zurückfahren.

Die meisten Gäste akzeptierten die Situation

Die meisten Gäste hätten die Situation schließlich so akzeptiert, wie sie war. Ihre Cousine, erzählt Schnöller weiter, habe aber auch ganz andere Erfahrungen gemacht. „Da standen die Menschen heulend vor der Ferienwohnung, weil das Wasser weg war.“

Auch wenn sie keine allzu großen Probleme hatte – eines ärgert die Hotelbetreiberin heute noch: „Die Informationspolitik war unterm Hund“, sagt sie. Man sei lange im Unklaren gelassen worden, hätte nicht erfahren, wann und ob der See denn nun wieder aufgestaut würde. „Ich glaube, dass viele die Wertigkeit des Forggensees für den Tourismus total unterschätzt haben“, sagt Schnöller. „Aber an diesem See hängen Existenzen.“

Besonders große Probleme hatten Campingplätze, die damit werben, unmittelbar am See zu liegen. Zelten ganz nah am Wasser. Ein Naturerlebnis. „Wir hatten massive Einbrüche bei den Gästezahlen“, erzählt ein Betreiber. Seinen Namen will er nicht nennen, viele andere wollen sich zu dem Thema überhaupt nicht mehr äußern. Die Stimmung sei noch immer nicht die beste, sagt der Campingplatz-Betreiber. Man müsse sich im Dorf immer wieder anhören, dass das Luxusprobleme seien, man zu viel jammere.

Und dann ist da natürlich noch die Schifffahrt, die es hart getroffen hat. Der finanzielle Verlust beläuft sich auf etwa 800000 Euro. Die regulären Rundfahrten der Fahrgastschiffe sowie bereits gebuchte Sonderfahrten wurden gestrichen. Außerdem sollten eigentlich 15 Aufführungen des Musicals „Der Schwanenprinz“ auf einem Schiff stattfinden und durch Spielszenen an verschiedenen Stellen am Ufer ergänzt werden. Doch sämtliche Vorstellungen mussten abgesagt werden – mit allen finanziellen Konsequenzen für die Musical-Veranstalter.

In Füssen sind die Gästezahlen sogar gestiegen

Auch bei Anke Hiltensperger von der Füssener Tourismuszentrale haben sich im vergangenen Jahr mehrere Touristen gemeldet, einige wollten sich nur nach der Lage erkundigen, andere ihrem Ärger Luft machen. Dennoch: In Füssen sind die Gästezahlen nicht zurückgegangen. Im Gegenteil. Im gesamten Jahr 2018 konnte sogar ein Plus von 5,2 Prozent bei den Übernachtungen verzeichnet werden. „Grundsätzlich kommen unsere Sommergäste nicht nur wegen des Forggensees nach Füssen“, sagt Hiltensperger. „Wandern, Radeln oder Sightseeing gehören für sie genauso zum Füssen-Urlaub wie Baden und Wassersport.“ Und zudem gebe es ja in der Region viele schöne Seen, auf die die Gäste im vergangenen Sommer ausweichen konnten.

Und so schön sieht der Forggensee jetzt wieder aus, hier bei Dietringen in der Nähe von Rieden.
Bild: Benedikt Siegert

Und in diesem Jahr? Die Buchungssituation unterscheide sich nicht von der in den Vorjahren, heißt es von der Füssener Tourismuszentrale. Rike Döring hat indes andere Erfahrungen gemacht. Die Gäste seien beim Buchen vorsichtiger geworden, sagt Döring, die drei Ferienwohnungen am Nordufer vermietet. Döring sitzt an diesem Sommernachmittag unter einem Sonnenschirm im Garten ihres Hauses und krault das sandfarbene Fell ihres Hundes. „Ich glaube, viele haben in diesem Jahr noch abgewartet“, meint sie. Normalerweise seien ihre Wohnungen schon im Winter ausgebucht – nun gibt es sogar jetzt noch freie Plätze für die Sommersaison im „Seehaus am Forggensee“.

Döring nimmt einen Schluck Wasser und blickt hinüber zu ihrem Seerosenteich, in dem sich ein paar Goldfische tummeln. Dann sagt sie: „Und die Straße über den Damm müsste auch endlich mal fertig werden.“ Für Radfahrer sei es schwierig, weil die Ausweichstrecke, die über mehrere Treppen führt, nicht für jedermann geeignet sei. „Ich hoffe, dass die da bald fertig werden“, sagt Döring.

Die Saison 2019 soll verlängert werden

Allzu lange soll es nicht mehr dauern, verspricht Theodoros Reumschüssel, Sprecher von Uniper, dem Betreiber des Kraftwerks bei Roßhaupten. Er sagt: „Ende Juli wird die Straße wieder eröffnet.“ Reumschüssel, gelber Bauarbeiterhelm, hellblaues Hemd, grau melierte Haare, steht unterhalb des Staudamms und deutet nach oben. Eine gigantische Erdbetonschlitzwand wurde dort in den Boden eingelassen, allein die hat 20 Millionen Euro gekostet. Die komplette Damm-Sanierung verschlang 30 Millionen. „Diese neue Wand dichtet den Damm komplett ab. Die Betriebssicherheit ist für die nächsten 50 bis 60 Jahre hergestellt.“ Reumschüssel weiß, dass die Stimmung im vergangenen Jahr nicht die allerbeste war – und deswegen versucht Uniper nun wohl auch, die Wogen ein bisschen zu glätten. „Wir wollen den See in diesem Jahr auch in den bayerischen Herbstferien noch voll lassen“, sagt er und rückt seinen Helm zurecht. „Wir wollen die Saison damit verlängern.“

„Wir wollen den See in diesem Jahr auch in den Herbstferien noch voll lassen“: Theodoros Reumschüssel, Sprecher des Kraftwerk-Betreibers Uniper.
Bild: Benedikt Siegert

Am See ist es später Nachmittag geworden. Eine schwere Schwüle liegt über dem Wasser, Mücken surren in der Luft, Spaziergänger erholen sich auf schattigen Bänkchen von der Hitze. Christa und Jörg Stein-Wiese schlendern durch Schwangau. Seit vielen Jahren verbringen sie ihren Urlaub am Forggensee, meist auf dem Campingplatz, in diesem Jahr gönnen sie sich ein Hotel. Auch im letzten Sommer waren sie da. „Das war ein Erlebnis, man konnte durch den See radeln und wandern, hat Ausgrabungen und vieles mehr gesehen“, sagt Jörg Stein-Wiese und fügt dann noch hinzu: „Aber hätte ich vorher gewusst, dass kein Wasser im See ist, wären wir wohl woanders hingefahren.“

Dann verabschieden sie sich, sie wollen weiter. Zum See. Zu jenem See, der im vergangenen Jahr vielen Menschen Sorgen bereitet hat – und der nun so still und friedlich daliegt. Die Gipfel der Berge spiegeln sich im Wasser, müde Wellen schwappen ans Ufer. Alles wie immer. Als wäre nie etwas gewesen.

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