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Tagebuch

16.12.2020

Ein Tag im Leben einer Erzieherin: der normale Wahnsinn im Kindergarten

Die Corona-Pandemie hat das Berufsleben der Erzieherinnen und Erzieher stark verändert. Davon berichtet in diesem Text auch eine Erzieherin aus dem Großraum Augsburg.
Bild: Jens Büttner, dpa (Symbolbild)

Vom ganz normalen Alltag zwischen Kinderbetreuung, CO2-Melder und Corona-Hygienekonzept erzählt hier eine Erzieherin aus dem Großraum Augsburg.

Inspiriert vom Quarantäne-Tagebuch zweier Kollegen hat eine Erzieherin aus dem Großraum Augsburg diesen Corona-Tagebuch-Eintrag verfasst, in dem sie Einblicke in ihren Berufsalltag in Corona-Zeiten gibt. Um den Datenschutz der Kinder aus dem Kindergarten zu gewährleisten, möchte die Erzieherin lieber anonym bleiben. Ihr Name ist der Redaktion bekannt.

Dienstag, 1. Dezember 2020:

6 Uhr: Beim morgendlichen Blick aus dem Fenster ein Staunen und Freuen: Pünktlich zum ersten Dezember und dem ersten Türchen des Adventskalenders hat sich die Landschaft unter einer weißen Decke versteckt und leise rieselt der Schnee… Sofort beginnen meine Überlegungen: Wie kann ich den Kindergartentag umgestalten, um den Kiddies möglichst frühzeitig die Bewegung im unberührten Schnee zu ermöglichen?

7.30 Uhr: Gerne möchte ich mich mit meiner Kollegin austauschen, wie wir den Tag am besten gestalten, aber schon bereits zu dieser frühen Stunde fehlt die Zeit: Rasch die Weihnachtsbeleuchtung eingesteckt, den Raum einladend hergerichtet, die Getränke und das Obst angerichtet. Es läutet in kurzen Abständen und wir machen uns abwechselnd auf den Weg, die Kinder aufgrund des Betretungsverbotes für die Eltern in Corona-Zeiten an der Türe abzuholen und liebevoll in Empfang zu nehmen. Ein kurzes Tür-und-Angelgespräch, um wichtige Informationen auszutauschen und die Kontakte zu pflegen! Wir nehmen Tüten mit Schneeanzügen, Handschuhen und Mützen entgegen, um sie gegen die nun zu kalten Matschhosen an der Garderobe auszuwechseln.

Jeder Schnupfen ist verdächtig

Die Eltern stehen warm eingepackt draußen, während wir jedes Mal eine Menge kalter Luft abbekommen. Wir tragen bereits keinen Mantel mehr, denn sonst schwitzen wir innerhalb der Kita und sind auch etwas unbeweglich. Nur nicht krank werden, jeder Schnupfen ist verdächtig und fehlende Kollegen sind schwer zu ersetzen. Zurück zur Garderobe, die Kleidung zugeordnet, die Matschsachen in der Tüte verstaut, um sie den Eltern beim Abholen mitzugeben. Das Kind bei Bedarf beim Ausziehen unterstützt und zum gründlichen Händewaschen angehalten. Freundliche Worte, herzliches Willkommen. Das Telefon läutet, die Türglocke auch, der Co2 Melder piept. Wir bleiben in Bewegung, verbrauchen Kalorien - man kann allem etwas Positives abgewinnen. Dazwischen das Freispiel angeregt, manchen Kinderpopo geputzt, die ersten Hungrigen machen bereits Brotzeit. Wir unterstützen noch rasch das eine oder andere Kind beim selbständigen Aufwischen von Verschüttetem. Oh du stade Zeit….

8.50 Uhr: Die meisten Kinder sind inzwischen eingetrudelt, es beginnt das Aufräumen von Spielsachen und Brotzeittisch, noch schnell die Absprache innerhalb des Gruppenteams: Nun wie üblich der Morgenkreis? Adventlich möchten wir ihn gestalten, mit täglichen Ritualen wie dem Anzünden (der Kerze) des Adventskranzes, dem Singen mit Gitarrenbegleitung (natürlich bei geöffneter Terrassentür, um den Hygienemaßnahmen Rechnung zu tragen, denn eigentlich sollen wir nach Möglichkeit im Freien singen, aber das mag meine Gitarre überhaupt nicht!) und dem Weg zur Krippe, welchen wir jeden Tag ein Stückchen weiter gehen – wunderschön (und zeitintensiv). Wenn wir danach erst Frühstücken (die Brotzeit darf nicht zu spät stattfinden, damit die Kinder beim Mittagessen wieder hungrig sind), dann ist der Schnee vielleicht schon geschmolzen… Also besser andersrum? Und wo bleibt das Basteln?

Alle Kinder wollen SOFORT in den Schnee - aber das Hygienekonzept!

Partizipatorisch die Kinder gefragt: Was ist euch am Wichtigsten? Diesmal erübrigt sich das Abstimmen, ausnahmslos alle möchten zuerst in den Garten. Also rasch mit Brotzeit gestärkt, bevor wir ins Kalte gehen. Als Gruppenleitung noch geschwind ins Büro zum Blitzteam: Wir besprechen schnell den Tagesablauf, organisatorische Notwendigkeiten, Raumabsprachen, interne Vertretungen und natürlich: Wer kann wann in den Garten? Nein, heute möchten wir uns nicht, wie sonst, zeitlich abwechseln, damit sich die Gruppen auch im Garten nicht begegnen (um die Infektionsketten nachverfolgen zu können). Alle Kinder möchten SOFORT in den Schnee! (Was heißt da, alle Kinder? Das Kind in mir schon auch! Der erste Schnee weckt jedes Jahr auch in mir eine Riesenfreude!) In guter Kollegialität wird der Garten in unterschiedliche Areale unterteilt, so dass alle Gruppen gleichzeitig das kalte Weiß genießen können!

9.45 Uhr: Die logistische Meisterleistung des Tages: Wer fertig gegessen hat, räumt den Platz auf und geht auf die Toilette, bevor wir in den Schneeanzug schlüpfen! Die Letzten essen noch, die Ersten suchen schon den zweiten Schuh, die Dritten finden die Mütze nicht und die ganz Schnellen stehen schon angezogen bereit! Wir unterstützen auf der Toilette, im Gruppenraum und in der Garderobe!

27 Kinder haben 270 Finger - das ist ein Handschuhproblem

„Ich kann meine Handschuhe nicht alleine anziehen!“ Während wir geduldig einzelne Finger in einzelne Fingerhandschuhöffnungen dirigieren (27 Kinder haben zusammen 270 Finger – liebe Eltern, haben Sie berücksichtigt, wie zeitintensiv dies für die geduldigsten Erzieher ist?), freuen wir uns über alle Selbständigkeit und jedes Paar Fäustlinge! Wir Pädagogen teilen uns auf: Zwei mit nach draußen, der Dritte (an guten Tagen sind wir drei!) stellt den Stuhlkreis, damit wir nach dem Toben im Schnee sofort in die adventliche Besinnung starten können!

10.00 Uhr: Groß und Klein und alle drei Gruppen unserer Kita genießen den Schnee. Herrlich ist es draußen! Zwar ist der Erste bereits wieder nass und der Zweite muss doch nochmal aufs Klo, aber gemeinsam haben wir viel Freude an der Schneeballschlacht und dem Schneemannbau! Es wird zwar nur ein kleiner Schneemann, aber die Kinder helfen zusammen, unterstützen sich gegenseitig und haben Spaß am gemeinsamen Tun! Die Nase bleibt einfach nicht im Schneemanngesicht! Zum Glück gibt sich eine Kollegin als Schneemannexpertin zu erkennen, welche diverse Tipps und Tricks auf Lager hat – wir ernennen sie sogleich zur offiziellen Schneemannbeauftragten! Und in welcher Pracht unser Schneemann dann vor uns steht! Mit Augen und Knöpfen aus vergoldeten Eicheln und goldenen Walnussschalen! Rasch wird das Ganze mit dem Fotoapparat fürs Portfolio festgehalten! Und - Verzeihung – es handelt sich nicht um einen Schneemann, sondern eine Schneefrau: Selbige beginnt bereits, sich in leichter Schieflage schlafen zu legen! Das ist gar kein Problem, völlig nachvollziehbar für die Kids: Selbst eine Schneefrau darf mal müde sein!

Ein Tag im Leben einer Erzieherin: der normale Wahnsinn im Kindergarten
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Und trotzdem: ein toller Beruf

Während ich tief die kalte, frische Luft inhaliere, Nasen putze, tröste, verarzte und Streit selbständig zu lösen anleite, freue ich mich: Was habe ich doch für einen tollen Beruf! Statt um diese Tageszeit im Büro oder Homeoffice oder wo auch immer am Arbeitsplatz drinnen zu sitzen oder zu stehen, darf ich bereits den Vormittag im Garten verbringen und mich an der Kreativität der Kinder freuen!

11.00 Uhr: Wir haben uns ausgetobt und freuen uns auf unseren warmen und gemütlichen Gruppenraum. Wir bringen das Chaos des Ausziehens und Händewaschens hinter uns und finden zu Ruhe und Besinnung im Adventskreis. Wen stört es, das uns das Singen als Erzieher hinter der Maske schwer wird, weil mancher Ton eher geschluckt wird?! Oder das der Co2-Melder uns durch sein beharrliches Piepen schon wieder zum Lüften auffordert? Kein Problem, wir haben auch hierfür längst die Lösung parat: Zwei Kinder erledigen zuverlässig und selbständig den Lüftungsdienst!

11.30 Uhr: Die Tische werden gedeckt und wir bereiten uns auf unser leckeres Mittagessen vor. Unsere Kinder sind sehr gute Esser! Frische Luft macht aber auch hungrig! Mal sehen, wer heute unser Salatkönig wird!

12.15 Uhr: Der Gruppenraum wird nach dem Mittagessen aufgeräumt und dann haben die Kinder heute die Wahl, ob sie spielen oder ein Bastelangebot wahrnehmen möchten. An manch anderen Tagen nutzen wir diese Phase des Tages als „stille Zeit“, in welcher die Kids durch verschiedene Tätigkeiten zur Ruhe finden, um anschließend mit neuer Kraft in den Nachmittag zu starten.

Das Abholen gestaltet sich im Moment anstrengend

Ab 14.00 Uhr: Unsere Gruppe startet langsam das Abholen der Kinder, welches sich in diesen Zeiten für Eltern und Erzieher anstrengend gestaltet: Wenn es läutet, sausen wir Großen zur Haustüre, schauen, wer abgeholt ist, sausen zurück, leiten das betreffende Kind zum Aufräumen und Anziehen an, während die Eltern je nach Tempo des Sprösslings mal kürzer und mal länger in der Kälte warten müssen. Bei der Übergabe des Kindes wieder Austausch von Infos und Kleidungsstücken, frierende Erzieher in der Tür, frierende Eltern vor der Tür! Schön war`s! Ein ganz normaler, turbulenter und fröhlicher Kindergartentag neigt sich langsam dem Ende zu!

15:00 Uhr: Mein Arbeitstag ist abgeschlossen. Nur noch rasch zur Grippeschutzimpfung, zum Einkaufen, dann ein paar Plätzchen gebacken, ein bisschen Wäsche gewaschen, aufgeräumt – das bisschen Haushalt eben – und für den eigenen, inzwischen erwachsenen Nachwuchs Nikolauspäckchen gepackt und zur Post gebracht! Für manches werden Kinder eben nie zu alt!

Mein Resümee des Tages:

1. Mein Rücken schmerzt ganz gewaltig! Als vorbildlicher Arbeitnehmer nehme ich üblicherweise zweimal wöchentlich (medizinisches) Rücken- und Krafttraining wahr! Das hilft wunderbar! Aber leider ist dies derzeit nicht möglich und die Folgen spüre ich im Moment schmerzhaft!

2. Erzieher sein - für mich Beruf und Berufung! Herausforderung und Geschenk! Mit der klischeehaften Vorstellung vom „ den ganzen Tag ein bisschen Spielen und Kaffee Trinken“ hat er allerdings wenig zu tun! Er kostet Kraft – körperlich und nervlich!

3. Ein ganz normaler Kindergartentag ohne besondere Vorkommnisse! Es gibt ganz andere Tage!!!

23:00 Uhr: Die letzten Gedanken vor dem Einschlafen drehen sich um die Dinge, für die ich heute dankbar bin: Für meine Familie, für meinen schönen Beruf, für unsere Gesundheit und den Frieden in unserem Land! (Diesen zu erhalten, ist die große Herausforderung an uns alle in diesen Zeiten!) Dankbar dafür, sich freuen zu können! Es gibt so vieles… Danke, Herr!

Hinweis: Haben Sie auch einen spannenden Beruf und möchten mal anonym aus dem Nähkästchen plaudern? Dann melden Sie sich bei uns unter online-redaktion@augsburger-allgemeine.de.

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