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Freizeit

29.05.2020

Ein Urlaubstag im Allgäu: Ist hier alles schon wie immer?

Auch auf der Alpe Neugreuth ist seit Corona alles anders.
Bild: Doris Wegner

Plus Pünktlich zu Pfingsten soll auch im Allgäu wieder so etwas wie Ferien-Alltag einkehren. Nur: Wie normal kann so ein Urlaubstag in Corona-Zeiten sein?

Fröhlich hüpft das Kind durch eine Blumenwiese voller Margeriten einen Hang hinunter. Bis zu den Buchenegger Wasserfällen ist es nicht mehr weit. Das Wetter hält. Besser könnten die Bedingungen für einen Urlaubstag im Allgäu nicht sein. Am Abend vorher schon den Rucksack gepackt. Brotzeit, Trinkflaschen, warme Jacken, Pflaster. Und weil sich in den letzten Wochen das Leben verändert hat, Mundschutz und Desinfektionsmittel griffbereit im Rucksackdeckel. Eigentlich liegen dort immer die Gummibärchen.

Wie fühlt sich ein Urlaubstag an in diesen Corona-Zeiten? Macht sich nun alles locker nach dem Lockdown? Keine fünf Minuten hat es gedauert, bis das Kind an den Wasserfällen in seinen Bergstiefeln durch das tiefe Wasser gewatet ist und dann über eiskalte Füße geklagt hat. In solchen Momenten fühlt sich so ein Urlaubstag sehr, sehr normal an. Als ob alles wie immer wäre. Aber das ist es nicht.

Tourismusgebiete erwachen aus dem Tiefschlaf

Direkt am Wasserfall sitzt Silke Petzold auf einem großen Stein und genießt mit ihrem Partner die paar ruhigen Minuten, die noch bleiben. Hinter ihnen rauscht die Weißach in weißen Gischtfontänen in die Tiefe.

Ein Urlaubstag im Allgäu: Ist hier alles schon wie immer?

Viel Zeit hat sie hier in den letzten Wochen verbracht, die Ruhe genossen, die es an den Buchenegger Wasserfällen eigentlich nicht mehr gibt, erzählt die 52-Jährige. Die Runde hierhin, egal ob von Steibis, Buchenegg oder Oberstaufen aus, ist die Familienwanderung schlechthin. Eine Rennstrecke – mit Alpe auf dem Rückweg. Hier kommt jeder her.

Für die Oberstaufenerin war es in den vergangenen Wochen etwas Besonderes, die Natur noch einmal neu wahrzunehmen. In aller Stille. Ohne den üblichen Trubel.

Jetzt ist es damit vorbei. Tourismusgebiete wie das Allgäu erwachen in diesen Tagen aus ihrem erzwungenen Tiefschlaf. Ab dem Pfingstwochenende dürfen Hotels und Pensionen wieder Gäste beherbergen. Und seit die Corona-Vorschriften gelockert wurden, hat es viele Tagesausflügler in die Gegend gezogen. Schon werden die Parkplätze rar. Silke Petzold ist deswegen an diesem Morgen früh aufgebrochen. "Mich hat es überrascht, wie schnell die Menschen wieder da waren..." Ihrem Gefühl nach seien 80 Prozent des normalen Tourismus schon wieder erreicht – zumindest hier an den Wasserfällen. Also alles wie immer? "Nein", sagt sie. Bei Begegnungen auf den Wanderwegen mache jeder einen großen Bogen um die Menschen, als ob vom anderen automatisch Gefahr ausgehen würde. "Es ist schade, was das Virus mit uns allen gemacht hat."

In den letzten Wochen haben Silke Petzold und ihr Partner aus Oberstaufen die Ruhe an den Wasserfällen genossen.
Bild: Doris Wegner

Langsam wird es voll auf der relativ schmalen Kiesfläche. Kinder klettern über die Felsen oder werfen Steine ins klare Wasser. Paare, Familien und Freunde sitzen in Grüppchen auf den größeren Steinen. Wenn noch mehr kommen, wird Abstand halten schwierig. Noch geht es. Gerade so. Ein Familienvater wagt ein Bad in der Gumpe unterhalb des Wasserfalls. Er ist gleich wieder da. Mit Zeigefinger und Daumen zeigt er an, wie kalt das Wasser ist. Sehr kalt also!

Wie sieht der neue Hüttenalltag aus?

Schmale Waldwege führen zurück nach Steibis. Manchmal helfen Treppen und Stege, Höhenunterschiede zu überbrücken. Da wird es eng. Eltern drücken sich mit ihren Kindern an den Wegesrand, damit Entgegenkommende passieren können. Man schlängelt sich aneinander vorbei. Einige machen Witzchen über Abstandsregeln. Andere schauen stur zu Boden, vermeiden sogar Blickkontakt.

Das ist es also, was Silke Petzold meinte. Entspannt ist anders.

An der Alpe Neugreuth empfangen Hinweisschilder die Wanderer. 1,5 Meter Abstand halten! Mundschutzpflicht! Auf einem Ständer eine Art Anwesenheitsbuch. Das Kind trägt sich begeistert ein. Wegner, 12.27 Uhr, Handynummer. Die kann jetzt jeder sehen. Datenschutzverordnung war früher.

Mundschutz auf. Ein Platz in der Ecke. Die Brille beschlägt. Schnell Käsekuchen bestellt, dazu ein Paar Wienerle mit Ketchup, die Hüttenwirtin Anja unter einer dezent angebrachten Plastikscheibe durchreicht. An den sechs Tischen sitzt jeweils entweder eine Familie oder maximal zwei Paare. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Mundschutzmasken liegen manchmal wie bunte Accessoires auf den Biertischen. Und immer wieder saust Anja ganz schnell aus der Hütte, um flink Tische und Bänke zu desinfizieren. Der neue Hüttenalltag!

Sarah und Sven aus Ulm setzen sich dazu, auf die andere Seite des Biertischs. Sie sind mit dem Wohnmobil hierher ins Allgäu gekommen. Sie wollten mal wieder raus, was unternehmen. Knallvoll sei der Wohnmobilparkplatz übrigens. Den Sommerurlaub hätten sie auch schon klargemacht. Sie seien ohnehin Deutschlandurlauber. "Wir mögen das", sagt Sarah, während sie das Griebenschmalzbrot in zwei Hälften teilt. "Die Müritz etwa. Wunderschön!" Ein kurzer Plausch mit entspannten Menschen – ein Urlaubsmoment.

Name, Datum, Handynummer: Sven und Sarah hinterlassen ihre Daten.
Bild: Doris Wegner

Die meisten Gäste halten sich an die Regeln

Die Berge um Steibis. Auch wunderschön! Ein Halbkreis grüner, sanftgeschwungener Gipfel. Das ist der Ausblick von der Alpe Neugreuth. "Schau, deswegen mache ich das", sagt Hubi, der Hüttenwirt, während einer Zigarettenpause. "Und weil ich einfach gerne Hüttenwirt bin". Seit vier Jahren hat der gelernte Koch – verschmitztes Lächeln, grauer Vollbart, orangene Outdoor-Hose zur grauen Fleecejacke – die Alpe Neugreuth gepachtet. Für seine Gäste macht er gerne etwas Besonderes, Schafskäse mit Linsen etwa. Jetzt in diesen ersten Wochen, seit er wieder öffnen darf, tastet er sich mühsam an den neuen Alltag auf der Alp heran. "Es ist alles anders", sagt der 51-Jährige. Keine Leichtigkeit mehr auf der Höh’. Im Gegenteil, er ist um jeden Tag froh, den er wieder geschafft hat, an dem alles gut gegangen ist und die Leute Verständnis hatten, dass es eben nicht mehr für alle immer einen Platz geben kann.

Mehr als 60 Sitzplätze hat Hubi normalerweise vor seiner Hütte. Jetzt sind es nicht mal mehr die Hälfte. Mit einem Umsatzausfall von 40 bis 50 Prozent rechnet Hubi in diesem Sommer. Existenzängste habe er gehabt, weil er eine Zeit lang fürchtete, seine Hütte in diesem Sommer gar nicht öffnen zu dürfen. Als er dann hörte, dass er wieder aufsperren darf, habe er gejubelt. "Als ich dann die Auflagen gelesen habe, war ich total frustriert." Nach zwei Wochen Corona-Hüttenalltag kann er sagen: "Die meisten Gäste halten sich an die Auflagen, aber einige sind einfach ignorant." Wie die 18 Männer in Feierlaune, die am Vatertag kamen und behaupteten, sie seien eine Wohngemeinschaft...

Ja, vieles hat sich inzwischen eingespielt, aber das Hüttenleben ein Stück von seinem Charme verloren. "Früher", sagt Hubi und dann hält er inne, "also letztes Jahr noch", hat er sich auch gerne zu den Wanderern an die Tische gesetzt. "Das mache ich jetzt halt nicht mehr."

Und ihm ist bange, wenn nun auch noch die Urlauber kommen und nicht nur die Tagesgäste, für die dann auf der Neugreuth vielleicht kein Platz ist. Denn auch das hat der Hüttenwirt festgestellt: "Der Nachholbedarf bei den Leuten ist riesig.

Die Hüttenwirte Hubi und Anja sind froh um jeden Tag, an dem alles gut geht und die Leute sich an die Regeln halten.
Bild: Doris Wegner

Geschäftsleute versuchen sich zu arrangieren

Das Kind hat seine Schuhe ausgezogen und kleine Buchenegger Wasserfälle herausfließen lassen. Und im Rucksack sind keine trockenen Socken. Im Sportmarkt in Oberstaufen nehmen alle Kunden ein gelbes Einkaufskörbchen als automatische Einlasskontrolle. "Hier ist immer viel los", sagt die Verkäuferin an der Kasse. Doch in Oberstaufen ist es an diesem Tag außergewöhnlich ruhig.

Die Geschäftsleute versuchen sich zu arrangieren. Das Eiscafé Soravia etwa hat aus Pflanztrögen eine Einbahnstraße für die Kunden gebaut. In den Käseladen fast gegenüber dürfen nur drei Leute gleichzeitig. Den zwölf Monate alten Bergkäse mal probieren? "Das geht leider nicht mehr", sagt die Verkäuferin. Nicht weit entfernt steht eine Ladenbesitzerin auf der Straße, als ob sie nach Kunden Ausschau halten wollte. "So habe ich Oberstaufen noch nie erlebt", sagt die ältere Dame. Seit 52 Jahren lebt sie in dem Ort, seit 30 Jahren hat sie hier ihre Boutique. "Jetzt dürfen wir wieder öffnen, aber es ist trotzdem nichts los." Mit Ungeduld sieht sie nun dem Pfingstwochenende entgegen: "Wenn die Hotels wieder öffnen dürfen, geht es uns wieder gut."

Tourismusdirektor Sigbert Pretzel kennt die Probleme nur zu gut. "Der Lockdown war für Oberstaufen die Höchststrafe", sagt er. Dabei sei die Buchungslage für dieses Jahr wieder "ausgezeichnet" gewesen, erneut hoffte man in Oberstaufen auf ein Rekordjahr. 2019 zählte der Ort erstmals 1,4 Millionen Übernachtungen und ist damit neben Oberstdorf und Füssen einer der touristischen Kraftprotze im Allgäu.

Doch dann kam Corona. Der 16. März, an dem die Hoteliers binnen zwei Tagen ihre Gäste allesamt nach Hause schicken mussten. In Oberstaufen herrschte auf einmal "gespenstische Ruhe", erzählt Pretzel. Jetzt erlebt man hier eine Mischung aus Stornierungen und Buchungen. Weil die einen nur auf die Corona-Lockerungen gewartet hätten, die anderen aber absagen, da sie Hallenbäder und Wellness nicht nutzen können. Pretzel denkt dennoch positiv: Wenn 80 Prozent des Vorjahres erreicht würden, wäre das super. Das wäre dann der Stand vom Jahr 2008. "Aber wahrscheinlich bleiben wir drunter."

In Thalkirchdorf entstand mit viel Eigeninitiative ein Heimatmuseum

Ein Schild am Wegesrand: Zum Huimatle. Ein spontaner Abstecher nach links. Stopp vor einem uralten Bauernhaus. Die Tür steht offen und schon kommt Luise Berg heraus. Mit viel Eigeninitiative hat der Heimatverein Thalkirchdorf aus dem verfallenen Bauernhaus ein Heimatmuseum geschaffen. Luise Berg arbeitet gerade mit ihrer Tochter am Hygienekonzept, hängt Hinweisschilder auf und klebt grüne Fußspuren auf den alten dunkelbraunen Dielenboden. "Fußdapperle", sagt die ehemalige Wirtin von Thalkirchdorf. Das Kind wird flugs zur Testperson. Ja, man erkenne, in welche Richtung man durch die Stube und das Schlafzimmer in die Scheune laufen müsse. Das Haus ist fast im Rundlauf zu besichtigen, als ob die Bauherren von einst die Corona-Auflagen von heute vorausgesehen hätten.

Von wegen nichts los: Schon vor einigen Tagen drängten sich die Ausflügler an den Buchenegger Wasserfällen.
Bild: Doris Wegner

Luise Berg will vorsichtig sein. Maximal zehn Leute gleichzeitig sollen das Holzhaus im Ortsteil Knechtenhofen betreten dürfen. Normalerweise können etwa 30 rein. Führungen wird sie wohl nicht mehr anbieten. "Ich zähle in meinem Alter schließlich zur Risikogruppe." Dabei gäbe es über die kuriosen Ausstellungsgegenstände so viel zu erzählen. Über das Maulwurfschießgerät etwa. Die erste Pistenwalze von Thalkirchdorf. Oder den Hornsteller, der den Kühen aufgesetzt wurde, damit die Hörner stolz nach oben wachsen.

Vielleicht könnte sie ja draußen an der frischen Luft den Besuchern ein paar erklärende Worte mitgeben. Da will sie einfach Erfahrungen sammeln, sagt Luise Berg. Sie ist froh, dass nun auch für das Huimatle die Zeit des Erwachens gekommen sei. Wie alt das Bauernhaus ist, wisse man übrigens gar nicht. 16. Jahrhundert, sagt Luise Berg. Zu Pestzeiten jedenfalls war es schon da.

"Das Huimatle war aber schön", sagt das Kind später im Auto und witzelt "Hui wie Huimatle". Also doch: Entdeckungen sind auch in diesem Corona-Sommer möglich.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Urlaub 2020: Der Sommer der Kompromisse

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