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Tragödie von Arnstein

24.10.2017

„Ein grausamer Schicksalsschlag“

Am zweiten Prozesstag äußern sich mehrere Eltern der sechs toten Jugendlichen – und zwar sehr unterschiedlich

Neun Monate ist es her, dass sechs junge Leute in einer Laube in Arnstein (Landkreis Main-Spessart) starben. Zwei ihrer Freunde hatten Glück. Sie waren auch zu der Party der 18-jährigen Rebecca P. eingeladen. Aber der eine wollte lieber in einen Klub gehen, der andere war so angeschlagen, dass er daheim blieb. Nun sind die beiden Zeugen im Prozess wegen fahrlässiger Tötung gegen den 52-jährigen Vater der Gastgeberin. Der Angeklagte hat den Generator in seinem Gartenhaus installiert, dessen giftige Abgase seine Tochter, seinen Sohn und vier ihrer Freunde töteten.

„Zum Gratulieren“ kam ein 17-Jähriger am Samstag, 28. Januar, gegen 21.20 Uhr zu der Laube, wo Rebecca P. ihren 18. Geburtstag feierte. „Es hat nach Pizzabrötchen gerochen“, erzählt er vor dem Landgericht Würzburg. Rene S., Rebeccas Freund, habe in der Küche gewerkelt, er habe die Stimmen der Gäste gehört, Musik – und einen Motor. „Ich wusste aber nicht, was für ein Gerät das ist.“ Offensichtlich war es der Generator, der im Technikraum der Hütte Strom für den Backofen und die Stereoanlage produzierte. Am frühen Sonntagmorgen ging der 17-Jährige noch mal zu dem Gartengrundstück. „Rebecca hatte gesagt, dass ich noch mal vorbeischauen sollte.“ Als er vom Tor aus sah, dass es in der Hütte dunkel war und still, drehte er um. Seine sechs Freunde waren da schon tot.

Ein 20-Jähriger kam erst gar nicht zu der Feier. Vor Gericht erzählt er aber von der Silvesterfeier in derselben Gartenhütte vier Wochen zuvor. Der Generator habe „die ganze Zeit gebrummt“, sagt er. Und es habe „leicht nach Abgasen“ gerochen. Aber keiner habe über Übelkeit geklagt. Ein Mädchen, das damals mitfeierte, erzählt dem Gericht, dass immer wieder mal ein Fenster geöffnet worden sei.

Es steht fest, dass die sechs jungen Leute an einer Kohlenmonoxid-Vergiftung gestorben sind. Das Gift sei geruchlos, sagt der sachverständige Rechtsmediziner. „Man merkt nicht, dass man in einer lebensgefährlichen Situation ist.“ Je höher der Giftgehalt in der Atemluft sei und je schneller er ansteige, umso schneller werde man bewusstlos. Ein technischer Sachverständiger des Landeskriminalamts hat die vom Angeklagten selbst konstruierte „Auspuffanlage“ in der Laube inspiziert. Sein Urteil ist eindeutig: „Die Konstruktion war nicht geeignet, Abgase abzuführen“, sagt er, sie sei nicht fest verbunden gewesen mit dem Generator, sondern nur aufgesteckt. Und im Übrigen sei der Generator ja auch nur für den Betrieb im Freien ausgelegt gewesen.

Während der Zeugenaussagen schlägt der Angeklagte immer wieder die Hände vor das Gesicht, wischt sich die Tränen ab. „Was da passiert ist, ist die größte Katastrophe meines Lebens“, hatte er am ersten Verhandlungstag gesagt. Jetzt, am zweiten Prozesstag, kommen auch die Eltern der anderen Getöteten zu Wort. Was sie verbindet, ist die Trauer um ihre Kinder; ihre Empfindungen für den Angeklagten sind unterschiedlich. Er spüre „nur noch Wut“, sagt ein Vater. Und dann bricht es aus ihm heraus: „So was stellt man nicht in ein Gartenhaus. Der hätte sich selbst vergasen können, aber nicht die Kinder.“

Eine Mutter wartet noch immer, dass die Tür aufgeht und ihr Sohn sagt: „Mama, ich bin da.“ Sie habe gehofft, dass der Angeklagte sich bei ihr entschuldigt. Aber das habe er nicht getan. Ihr Mann fragt, „wie dumm man sein“ müsse, um einen Generator in einer Laube aufzustellen. Der Angeklagte sei doch „Lkw-Fahrer, der weiß doch, was ein Verbrennungsmotor anrichten kann“.

Eine weitere Mutter konnte nach dem Tod ihres Sohnes drei Monate lang nicht arbeiten, ist noch heute in Behandlung. Dass der Angeklagte sich bei ihr entschuldigt, habe sie aber „nicht erwartet“, sagt sie. „Er hat doch selbst zwei Kinder verloren.“ Auch ein weiterer Vater macht dem 52-Jährigen keine Vorwürfe. „Für mich war das ein tragischer Unfall“, sagt der Mann. Seine Frau erzählt dem Gericht, dass sie regelmäßig Kontakt mit der Familie des Angeklagten habe. „Das war ein grausamer Schicksalsschlag, der uns alle getroffen hat.“ So sieht es auch ein weiteres Elternpaar.

Die Frau des Angeklagten, seit 20 Jahren mit ihm verheiratet, schildert ihren Mann als einen, „der keinen an sich ranlässt“. Er rede nicht über die Tragödie. Aber sie spüre, „wie sehr er mit sich selbst kämpft“.

Die Verhandlung soll am Donnerstag mit den Plädoyers fortgesetzt werden.

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