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Bayerischer Rundfunk

20.01.2021

Eine Bilanz über zehn Jahre: Abschied von BR-Intendant Ulrich Wilhelm

BR-Intendant Wilhelm war von 2018 bis Ende 2019 auch ARD-Vorsitzender – und kämpfte unter anderem für eine Erhöhung des Rundfunkbeitrags.
Bild: Peter Kneffel, dpa

Intendant Ulrich Wilhelm verlässt den Bayerischen Rundfunk nach zehn Jahren. In dieser Zeit veränderte er den Sender stark. Warum er mit einer Niederlage und einer Erfolgsmeldung geht.

Als Ulrich Wilhelm vor zehn Jahren Intendant des Bayerischen Rundfunks wurde, war der BR, eine der größten Landesrundfunkanstalten Deutschlands mit heute mehr als 3000 Festangestellten, noch ein anderer. Das betont auch Wilhelm: Der BR sei ein anderer Sender gewesen, sagt er – und das ist keine Banalität. Das „anders“ bezieht er vor allem auf den Ruf des Senders und auf dessen Struktur.

Warum Ulrich Wilhelm es seinen Kritikern nicht leicht machte

Beides hat Wilhelm, dessen Zeit als Sender-Chef Ende des Monats ausläuft, maßgeblich verändert: Lange haftete dem BR das ja keineswegs unbegründete Image eines CSU-nahen „Schwarzfunks“ an. Der Münchner Wilhelm selbst passte vermeintlich gut in dieses Bild – als Regierungssprecher von Kanzlerin Merkel (CDU) und Pressesprecher des einstigen bayerischen Ministerpräsidenten Stoiber (CSU).

BR-Intendant Wilhelm war von 2018 bis Ende 2019 auch ARD-Vorsitzender – und kämpfte unter anderem für eine Erhöhung des Rundfunkbeitrags.
Bild: Peter Kneffel, dpa

So leicht machte Wilhelm es Kritikern aber nicht. Zwar gab es immer wieder Vorfälle, die das „Schwarzfunk“-Image zu bestätigen schienen. 2015 zum Beispiel, als sich Markus Söder – damals nicht Ministerpräsident, sondern CSU-Finanz- und -Heimatminister – in der Soap „Dahoam is Dahoam“ in Szene setzen durfte.

Doch bereits Ende 2011 waren andere Töne zu vernehmen. Ausgerechnet die CSU-Parteizeitung Bayernkurier polterte, gerade der Hörfunk des BR habe sich zum „Rot-Grün-Funk“ entwickelt. In den folgenden Jahren stieß manche Entscheidung Wilhelms und die kritische BR-Berichterstattung, etwa 2013 über die „Verwandtenaffäre“ um Vetternwirtschaft von Landtagsabgeordneten, nicht nur CSU-Politikern auf. Das Wort „Schwarzfunk“ hörte man im Zusammenhang mit dem BR jedenfalls nicht mehr. Was auch an der Entscheidung lag, den redaktionellen Bereich der (investigativen und datenjournalistischen) Recherche auszubauen.

Was sich die BR-Mitarbeiter von Nachfolgerin Katja Wildermuth erhoffen

Was Wilhelm ebenfalls beschäftigte – und das weitaus stärker als jeder Vorwurf an den BR, einseitig zu berichten – war die auch bauliche Umgestaltung der Landesrundfunkanstalt zu einem modernen Medienhaus, in Zeiten eines tief greifenden digitalen Wandels. Die wahren Konkurrenten des beitragsfinanzierten Öffentlich-Rechtlichen sah er daher nicht in den Privatsendern, sondern in den US-Internetriesen Google, Facebook oder Youtube. Unbeirrt verfolgte Wilhelm die Idee einer demokratisch kontrollierten und gemeinwohlorientierten europäischen Plattform für Medien und Kultur als Gegengewicht: Europa müsse digital souverän werden.

Einigen BR-Mitarbeitern war dieses Visionäre allerdings zu weit weg von ihrem Tagesgeschäft, Wilhelm ihnen – in seinem Büro mit dem fantastischen Blick auf München – nicht nahbar genug. Es ist eine Kritik, die jetzt wieder durchscheint, wenn sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Wilhelms Nachfolgerin Katja Wildermuth einen insgesamt kollegialeren Umgang und ein besseres Arbeitsklima wünschen. Ob Wilhelm der Unzufriedenheit immer richtig begegnete? Zumindest ist niemand zu hören, der nun nachtreten möchte.

Katja Wildermuth wird neue Intendantin des BR.
Bild: Steffen Junghans, MDR, dpa

Verborgen blieb ihm das Problem nicht. Insbesondere Anfang 2016 war die miese Stimmung im Bayerischen Rundfunk förmlich mit Händen zu greifen. Der Umbau von Redaktionen und Programm mit dem Ziel, die früher strikte Trennung der Bereiche Fernsehen, Hörfunk und Online aufzuheben und den Sender zu „verjüngen“, führte zu Diskussionen und Ängsten vor einem Arbeitsplatzverlust. Begleitet wurde dies 2016 von der öffentlich überaus emotional geführten Debatte über die Streichung der Volks- und Blasmusiksendungen des Radiosenders Bayern 1. Sie wurden ins Digitalradio BR Heimat verlagert.

Während BR-intern ein Teil am liebsten schneller voranschreiten wollte, zögerten und zauderten andere. Zugleich wuchs der – von der Öffentlichkeit wie von der unabhängigen Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) ausgeübte – Spar- und Effizienzdruck stetig.

Ulrich Wilhelm kann in vielerlei Hinsicht also eine positive Bilanz ziehen

Mehrfach drohte Wilhelm Einschnitte im Programm an, sollte die Erhöhung des Rundfunkbeitrags von 17,50 Euro auf 18,36 Euro (am liebsten wäre ihm mehr gewesen) pro Haushalt und Monat ab 2021 nicht kommen. Tatsächlich kam sie nicht, nachdem Sachsen-Anhalt als einziges Bundesland den entsprechenden Staatsvertrag Ende 2020 nicht anerkannt hatte. Eine schmerzliche Niederlage auch für Wilhelm, der als ARD-Vorsitzender (2018 bis 2020) für die Erhöhung kämpfte.

Im vergangenen Sommer erklärte er überraschend, nicht für eine dritte Amtszeit als Intendant zur Wahl zu stehen. Er wolle dem Haus „Mehltau und Verkrustungen“ ersparen. Im Herbst wurde mit Katja Wildermuth, zuvor Programmdirektorin des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR), erstmals in der BR-Geschichte eine Frau an die Senderspitze gewählt. Zu ihren Plänen hielt sich die 55-Jährige bislang bedeckt. Ihre wichtigsten Aufgaben sind jedoch offensichtlich: den sogenannten trimedialen Umbau des BR vorantreiben sowie intern und im Programm für frischen Wind sorgen. Das Ausbleiben der Beitragserhöhung wird ihr den Start erschweren – angesichts eines nach BR-Angaben möglichen zusätzlichen Fehlbetrags von rund 31,5 Millionen Euro allein dieses Jahr. Ihr erster Arbeitstag am 1. Februar sei ganz den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vorbehalten, heißt es. Offenbar weiß sie, wie wichtig es ist, diese „mitzunehmen“.

Wilhelm verabschiedete sich von ihnen in einem Weihnachtsbrief. In dem schrieb er, dass der „anstrengende Weg der Veränderungen“ Erfolg zeige: Der BR erreiche derzeit täglich 67 Prozent der über 14-Jährigen in Bayern, 2010 seien es 62,6 Prozent gewesen. Und: „Neue Strukturen sind kein Selbstzweck. Entscheidend ist der Kulturwandel, den wir vollzogen haben.“ Der digitale Volksmusiksender BR Heimat übrigens ist zum erfolgreichsten Digitalprogramm des BR geworden.

Wilhelm kann in vielerlei Hinsicht also eine positive Bilanz ziehen, zu der auch die Verpflichtung von Sir Simon Rattle Anfang Januar als künftiger Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters zählt. Wie es für Wilhelm weitergeht? Darüber habe er sich keine Gedanken gemacht, beteuert der 59-Jährige.

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