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Schule

02.05.2019

Eine Mutter aus Krumbach kämpft gegen das Übertrittszeugnis

Natalie Tews hat eine Petition für den sogenannten Elternwillen gestartet.
Bild: Peter Bauer

Plus In Bayern legen Noten fest, auf welche Schule Viertklässler wechseln. Natalie Tews hat gesehen, wie ihr Sohn darunter litt – und will das anderen Kindern ersparen.

Ihr Sohn hat es geschafft. Der Zehnjährige hat am Donnerstag sein Übertrittszeugnis erhalten und der Notenschnitt reicht fürs Gymnasium. Trotzdem können sich weder Natalie Tews noch der Junge wirklich freuen. „Die Wochen vor dem Zeugnis waren für uns die Hölle“, sagt die 40-Jährige aus Krumbach. Lernen, lernen, lernen. Ihr Sohn hatte Kopfschmerzen, immer wieder Bauchweh. „Er hat den Stoff nur für die Proben gelernt. Nichts ist hängen geblieben“, erinnert sich Tews. Diesen Stress will sie anderen Kindern ersparen.

Die dreifache Mutter hat eine Petition gestartet und will, dass Eltern allein über die Schullaufbahn ihres Kindes entscheiden. Im Titel der Unterschriftenaktion auf der Plattform change.org hat Tews ihre Forderungen zusammengefasst: „Gerechtigkeit für Kinder – freie Schulwahl jetzt – Freigabe des Elternwillens beim Übertritt“, heißt sie.

Wie der Sohn der Verwaltungsfachangestellten haben in Bayern am Donnerstag mehr als 100.000 weitere Viertklässler ihr Übertrittszeugnis erhalten. In den vergangenen Schulmonaten haben sie 22 Proben geschrieben. Wer in Mathematik, Deutsch sowie im Heimat- und Sachunterricht einen Schnitt von 2,33 erreicht, bekommt von der Schule eine Empfehlung fürs Gymnasium. Ein 2,66er-Schnitt reicht für die Realschule. Jedes Kind mit schlechteren Noten kann am Probeunterricht für die gewünschte Schulart teilnehmen. Er umfasst die Fächer Deutsch und Mathematik. Bestanden hat, wer mindestens die Noten Drei und Vier bekommt. Aber ist das fair? Wüssten nicht die Eltern viel besser, auf welcher Schulart ihr Kind richtig aufgehoben ist?

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Das Übertrittszeugnis höchst umstritten - seit Jahren

Der Widerstand gegen das Übertrittszeugnis ist größer denn je. Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband fordert seit Jahren die Abschaffung. Die SPD will jetzt einen Runden Tisch, um die „sich zuspitzende Situation“ zu klären. Auch die Eltern bündeln ihre Kräfte: Natalie Tews Petition hatten bis Donnerstagabend mehr als 800 Menschen unterzeichnet.

In Oberbayern hat sich die „Bürgerinitiative für die Abschaffung der verbindlichen Schulempfehlung in Bayern“ gegründet. Dahinter steht die Ilona Zehetleitner aus Rapperszell im Kreis Eichstätt, die fünf Kinder hat. „Mein zweiter Sohn hatte selbst eine sehr schwierige Übertrittsphase“, sagt sie. Vor allem seelisch sei der ständige Lerndruck eine Qual gewesen. Zehetleitner findet das Verfahren auch überhaupt nicht gerecht. Heute berät sie Eltern, die die Noten ihres Kindes nicht nachvollziehen können. „Die Unterschiede zwischen den Lehrern sind riesig“, sagt sie.

Grundschullehrer entscheiden zum Beispiel selbst, ob und wie viele mündliche Noten in der Klasse gemacht werden – und welche Leistungen damit ins Übertrittszeugnis einfließen. Das System mache Eltern und Lehrer zu Feinden, sagt die Gründerin der Bürgerinitiative. Tatsächlich ist das Übertrittszeugnis einer der Hauptgründe dafür, dass Eltern gegen Lehrer klagen.

Zehntausende Grundschüler erhalten jährlich Anfang Mai ihr Übertrittszeugnis.
Bild: Marcus Merk

Kultusministerium will Übertrittszeugnis behalten

Das bayerische Kultusministerium will es trotz aller Kritik nicht abschaffen. Schulminister Michael Piazolo (Freie Wähler) betont: „Ich habe Vertrauen in unsere Lehrkräfte, die gut einschätzen können, welcher Bildungsweg für ein Kind nach der Grundschule am besten ist.“ Und die Eltern würden ja in die Entscheidung einbezogen. Der bayerische Philologenverband stimmt ihm zu und fürchtet, dass bei einer Freigabe des Elternwillens „insbesondere Akademikereltern ihre Kinder auf das Gymnasium schicken, auch wenn diese vielleicht an einer anderen Schulart besser aufgehoben wären. Umgekehrt scheuen Eltern aus bildungsfernen Familien das vermeintlich zu schwere Gymnasium.“

Die Lehrer selbst hingegen argumentieren oft, dass es vor allem die Eltern sind, die ihre Kinder unter Druck setzen. Natalie Tews widerspricht: „Natürlich gibt es solche Eltern. Aber ich habe meinem Sohn nie gesagt, dass er aufs Gymnasium muss. Das wollte er selbst, hat gesagt, dass man dann alle Berufe wählen kann.“ Das ständige Lernenmüssen für Proben verursache ganz automatisch Leistungsdruck. Damit sich das ändert, hofft sie, „dass noch ein paar tausend Eltern die Petition unterschreiben. Ich finde, das ist jetzt einfach mal nötig.“

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Die Diskussion ist geschlossen.

04.05.2019

Wo kommt der Druck her, dass ein 10-jähriger Bauchweh und was noch alles hat?
Sicher nicht aus seinem großen Ehrgeiz und dem pessimistischen Lebens-Weitblick, dass ohne ein glatt durchlaufenes Gymnasium, das Leben versaut ist?
Dieser Druck wird in der Regel von den Eltern-Erwartungen aufgebaut.
Darum sieht das Klima in der Arbeitswelt heute so aus, wie es aussieht!

Warum läuft es in skandinavischen Ländern etwas gelassener ab und es werden die Kinder mehr gefördert, statt "aussortiert".

Es ist vermutlich schon ein Plan hinter unserem gegliederten Schulsystem, das noch aus der Kaiserzeit stammt?
Es sollen ja statistisch mehr Kinder von Beamten den Übertritt schaffen als von "normalen" Volk?
Was man mit mündlichen Testen alles steuern kann?
Steht ja nichts zur Nachprüfung auf Papier?
https://www.focus.de/politik/deutschland/bildung-eltern-im-schulstress_aid_152230.html

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03.05.2019

>> Ihr Sohn hatte Kopfschmerzen, immer wieder Bauchweh. „Er hat den Stoff nur für die Proben gelernt. Nichts ist hängen geblieben“ <<

Und er wird auf dem Gymi wieder Kopfschmerzen und Bauchweh haben...

>> „Natürlich gibt es solche Eltern. Aber ich habe meinem Sohn nie gesagt, dass er aufs Gymnasium muss. Das wollte er selbst, hat gesagt, dass man dann alle Berufe wählen kann.“ <<

Und meinem Sohn habe ich gesagt, dass er mit dem 2,0 Übertrittsschnitt auch mit 6 Jahren Realschule noch alle Berufe wählen kann.

Die hsl. Frage bleibt, ob ein Kind den Vokabeldruck von 2 Fremdsprachen aushält oder nicht.

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03.05.2019

Die Karriere-Eltern sind meisten nicht objektiv und sind nicht in der Lage solche Beurteilungen abzugeben. Ein Lehrer kann das besser beurteilen und deshalb sollte die aktuelle Praxis so belassen werden.

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03.05.2019

Nicht die Schüler, sondern die Eltern wollen den Übertritt. Ich habe zwei Jungs, einer hat das Abi durchgezogen, der andere nach der 10. unterbrochen, weil er sich anders orientieren will. Der eine macht mit dem Abi eine Lehre, der andere weiß es noch nicht genau. Und was vergeben Sie sich? Nichts, Ja, es ist dämlich, dass es 16 verschiedene Schulsysteme in Deutschland gibt und jeder meint, seines ist das beste. Aber die Noten müssen am Schluss schon noch die Lehrer vergeben. Aber der Schulstoff ist nicht interessant. Wer braucht Stochastik (obwohl die Übersetzung: "Kunst des Vermutens" von unseren Politikern unzureichend ausgeübt wird)? Richtig schreiben kann keiner, aber das Versmaß soll er bestimmen.
Die Eltern mischen sich heute beim Arzt, in der Schule, in der Freizeit und überall ein. Sie denken, dass der Schulranzen zu schwer ist, die Bücher nicht mehr zeitgemäß, die Technik nicht ausreichend, können aber selbst nicht einmal eine Sprache vernünftig und grammatikalisch richtig sprechen: ("Isch gehe Stadt"). Belastung und Arbeitsverdichtung bekommt er im Betrieb noch früh genug zu spuren.

Lasst also die Notengebung bei den Schulen.., die Eltern sollen sich um die Kinder kümmern und zwar bis zur Schule und nicht vor die Glotze mit dem Zeichentrickfilm setzen und ihn mit 2,5 Jahren ein Smartphone in die Hand drücken, damit Mutter oder Vater in Ruhe selbst daddeln können.....Der Kindergarten und die Schule vermitteln Wissen und wir Eltern sind für die Erziehung verantwortlich und diese Verwantwortung müssen die Eltern wahrnehmen, und das braucht Aufmerksamkeit und Zeit und dies haben die Kinder verdient!!!.

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03.05.2019

Wenn ein Kind den Übertritt nur mit so einer hohen Belastung schafft, ist es fraglich wie es das Pensum am Gymnasium schafft. Dann wird der Stressfaktor ja noch höher. Hier wäre ja wohl die Vernunft der Eltern gefragt, die ihrem Kind klarmachen, welche beruflichen Möglichkeiten die einzelnen Schulformen bieten. Oft können diese dann auf dem zweiten Bildungsweg sogar mit weniger Stress das Abi nachholen. Auch gibt es nach der Realschule noch die Möglichkeit das Abi nach zu holen. Unter Umständen ist für ein Kind es noch traumatischer nach der Probezeit das Gymnasium wieder verlassen zu müssen. Manchmal tut auch 1 Jahr auf der Mittelschule noch sein übriges und der Übertritt gelingt leichter.

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03.05.2019

Es wird ja immer noch schöner, wenn die Eltern bestimmen, wann und wohin ihre Sprösslinge zur "Weiterbildung" gehen. Brauchen wir dann noch Lehrer? Diese sind dann absolut überflüssig und ihr Urteil erst recht, welches klar die vorhandenen Defizite aufzeigt.
Sind die weiterführenden Schulen nicht schon von jeder Menge Kindern besetzt, die sich lieber ein oder zwei Stufen niederer begnügen sollten als sich gerade so mit Ach und Krach über das Schuljahr zu hangeln? Wenn die Intelligenz reicht gibt es heutzutage Möglichkeiten genug in der schulischen bzw. beruflichen Hierarchie aufzusteigen.
Wenn ich mir das Tagespensum von einigen Schülern betrachte, frage ich mich, wann er oder sie Zeit haben sich intensiv mit der Schule zu beschäftigen. Das wäre vordringliche Aufgabe und Sache der Eltern, dafür zu sorgen, dass das Kind nicht mit allerlei ausserschulischem Nonsens und Unnützem überfrachtet wird - dafür wird Zeit ohne Ende investiert und die Kinder auf hübsch hohem Stresslevel gehalten!

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