Urlaub mit Maske: Touristen an der Marienbrücke bei Schloss Neuschwanstein – nebst digitaler Besucher-Zählsäule.

Eine Reise durch die Region: So fühlt sich der Corona-Sommer an

Bild: Fabian Huber

Im März reisten wir durch Bayern und erlebten ein Land im Leerlauf. Jetzt fuhren wir dieselbe Route wieder ab – und entdeckten kleine Freuden des neuen Alltags.

Der Sommer war doch schon abgeschrieben. Die Kroatien-Reise storniert, die Hochzeit verschoben, Bürgerfeste abgesagt. Die Welt – eine andere. Und die Meisterschaft des FC Bayern wirkte vor leeren Rängen noch ein wenig selbstverständlicher und emotionsgedrosselter als ohnehin schon. 2020, ein echtes Seuchenjahr.

Der deutsche Wohnwagen, der sich auf dem Schotterstreifen der Planseestraße in Tirol breitgemacht hat, mag da nicht so recht ins Bild passen. Es ist der schönste Platz am Gewässer. Vor der Bergkulisse glänzt das Wasser im Farbton eines Blue-Curacao-Drinks. Reisewarnung war gestern. Oder besser: vor zwei Wochen noch.

Tirol und Bayern verschmelzen wieder, hier in den Ammergauer Alpen. Rennradler quälen sich die Serpentinen hinauf. Im Grenztunnel, noch wenige Meter bis Bayern, kommen Memminger mit Fahrradträger und Holländer mit Dachboxen entgegen. An der Grenze winken fünf Bundespolizisten wortlos durch. Hinein in ein Land, das nach harten Corona-Wochen wieder freier atmen kann – wenn auch unter Baumwollmasken.

Vor ziemlich genau 15 Wochen, Mitte März, begann eine Reportage an dieser Stelle schon einmal am Grenzübergang bei Füssen. Damals musste der Reporter peniblen Polizeibeamten minutenlang glaubhaft machen, für eine Zeitung unterwegs zu sein. Rasten am Plansee war unmöglich, die deutsch-österreichische Grenze war für jeden, der nicht pendelte oder lieferte, geschlossen worden.

Es war eine Fahrt durch das gähnende Nichts

Es war der Auftakt einer Reise durch das gähnende Nichts. Durch Bayern zu Beginn des Lockdowns. Von der Grenze bis hinauf nach Ingolstadt. 7156 Covid-19-Fälle und zwölf Tote gab es zu diesem Zeitpunkt in Deutschland.

Seitdem ist viel passiert. Ministerpräsident Markus Söder verhängte wenig später eine Ausgangsbeschränkung, die nicht wenige an Kriegszeiten erinnerte. Die Länder stritten um die beste Corona-Exit-Strategie. Der Bund bewilligte ein Konjunkturpaket in nie da gewesener Höhe. Nun, Anfang Juli, gelten fast 180.000 Deutsche als von Corona genesen, fast anderthalb Mal Ingolstadt, wenn man so will. Etwa 9000 Menschen sind gestorben.

Und trotzdem hat Deutschland die Kurve bekommen, lockert sich der Griff des Staats wieder. Wie fühlt sich die wiedergewonnene Freiheit an, dort, wo im März das Leben stillstand? Wie geht es den Leuten, die ihre Läden zusperren mussten und nicht wussten, für wie lange, jetzt, gut drei Monate später?

Vergangener Donnerstag, Hohenschwangau. Neuschwanstein darf jetzt wieder Traumschloss sein. Für diejenigen zumindest, die früh planen. Seit die Tore Anfang Juni geöffnet haben, ist die Zahl der Besucher auf pro Tag nur etwa zehn Prozent der Normalkapazität gedrosselt. Führungen sind für die nächsten sechs Tage ausgebucht, abgelehnte Touristen stehen ein wenig verdutzt am Ticketschalter.

„Nur Deutsche“, schimpft der Souvenirhändler

Wer sich dem Schloss von der Marienbrücke aus nähern will, darf 40 Minuten anstehen für mindestens dreimal so viele Instagram-Likes. Eine digitale Zählsäule blinkt bei über 30 Personen auf der Plattform. Eine Angestellte kontrolliert die Maskenpflicht.

Eine digitale Zählsäule blinkt bei über 30 Personen auf der Plattform.
Bild: Fabian Huber

Auch wenn es nichts vom Geschiebe vorviraler Zeiten hat – der Ort lebt wieder. Im März noch konnte man sein Auto halb legal am Fuße Neuschwansteins parken. Kein Tourist weit und breit. Anwohner freuten sich über die Ruhe. Heute freut sich die Rezeptionistin im Hotel Müller über „gut belegte Zimmer“. Nur Ausländer und große Reisegruppen, die würden fehlen. Tatsächlich: keine großen Busse, Hochdeutsch statt Mandarin. „So ruhig hier! Und nur Deutsche“, schimpft ein Souvenirhändler.

Der Bereich um Schloss Neuschwanstein lebt wieder.
Bild: Fabian Huber

Klar, die „originale“ Kuckucksuhr kommt in Ohio besser an als in Ostwestfalen. Ob er denkt, dass es noch wird? Der Verkäufer hebt die Hände, als würde er sich ergeben, und schüttelt den Kopf. Mehr will er nicht sagen.

Die Deutschen, ehemals Urlaubsweltmeister, inzwischen mit den drittmeisten Auslandsreisen nach den USA und China, entdecken ihr eigenes Land. Man könnte Listen führen über Geheimtipp-Listen im Internet. Im Lokalradio sprechen sie vom Run auf die Allgäuer Alpen.

Dann röhrt Whitesnake aus den Lautsprechern: „Here I go again on my own. Goin’ down the only road I’ve ever known“ – Hier gehe ich wieder alleine. Gehe die einzige Straße, die ich jemals gekannt habe. Mit dem Sound von Freiheit geht es nordwärts.

Die Schlagzeilen des Tages: Klar, Tönnies, Corona-Ausbruch, Gütersloh. Doch ganz oben auf den Titelseiten steht: „Wirecard stellt Antrag auf Insolvenzverfahren“. Oder: „Kurswechsel: Seehofer will taz-Autorin nicht anzeigen“. Es gibt jetzt auch wieder ein Leben neben Corona.

Peter Dumler ist der beste Beweis dafür. Der 52-jährige Bademeister im Jordan-Badepark in Kaufbeuren lehnt am Geländer seines Aussichtsturms, die Sportsonnenbrille auf die Stirn gezogen, die Augen so blau wie das Schwimmbecken. Vor ihm, am Sprungturm, ein lautes „Platsch!“. Dumler sagt: „Die Leute springen rum, es ist fast so wie immer. Wir spüren die Erleichterung. Der Kiosk hat auf, Pommes, Eis, Popcorn. Das merken die Leute. Die gehen auf wie eine dürre Blume, die wieder Wasser kriegt.“

So erlebt ein Bademeister die neue Situation

Seit zwei Wochen kriegen die Kaufbeurer wieder Wasser. In der ersten war die Besucherzahl auf 530 am Tag begrenzt, jetzt auf 1000. In normalen Sommern können bis zu 2000 Leute ins Bad. Aber was ist schon normal am Sommer 2020? Die kleine Rutsche ist wegen der Abstandsregeln noch gesperrt, in Innenräumen gilt Maskenpflicht, Dumler kontrolliert Grüppchenbildungen. „Die Leute haben Verständnis“, sagt er.

"Es ist fast wie immer": Bademeister Peter Dumler.
Bild: Fabian Huber

Beim ersten Besuch im März waren die Drehkreuze des Hallen- und Freibads noch zu. Das Wasser war draußen tümpelgrün wie oft zu dieser Jahreszeit. Dumler und die anderen Mitarbeiter nutzten die Zeit, um die etwas in die Jahre gekommene Anlage wieder in Schuss zu bringen. Isolieren, Streichen, Pflastern. Jetzt ist er wieder der Herr des Beckenrands.

Im Bordell „Mama Rosi“, direkt hinter der Hecke des Badeparks darf hingegen noch immer nicht verkehrt werden. Und im Corona Kinoplex am Stadtrand sind die Ticketschalter noch unbesetzt, die Bänke der Bar leer. Auf dem abgesperrten Parkplatz blickt man noch immer in die gestählten Augen von Daniel Craig alias James Bond. Titel des neuen Streifens: „Keine Zeit zu sterben“, Kinostart verschoben von Anfang April auf Mitte November. Auf dem Plakat der Hinweis: „Nach Corona im Corona…“ Aber links von Bond, im Nebenkasten, tut sich was. Das weiß Daniel Radcliffe, früher Harry Potter, heute ein Typ mit zwei Pistolen in der Hand („Guns Akimbo“). „Ab 2. Juli endlich wieder Kino!“, kündigt ein Zettel auf Höhe seiner Schulter an.

Im Corona Kinoplex sind die Ticketschalter noch unbesetzt.
Bild: Fabian Huber

Der Weg zurück ins Leben vollzog sich in kleinen Schritten. Und mit einem ernsten Blick von Markus Söder, der auf seinen zur Routine gewordenen Pressekonferenzen die neuesten Lockerungen verkündet. Erst öffneten Baumärkte, dann Schulen, dann war auch wieder ein Besuch im Pflegeheim möglich. Die Zahl der erlaubten Kontaktpersonen im öffentlichen Raum stieg von eins auf einen weiteren Haushalt auf nun zehn Personen aus mehreren Haushalten. Damit fiel der eigentliche Startschuss für den Sommer.

Auf den neuen Bond (rechts) müssen Kino-Besucher noch bis November warten. Aber es gibt Alternativen – ab Donnerstag auch wieder im Corona-Kino in Kaufbeuren.
Bild: Fabian Huber

Es ist abends geworden. Am Horizont poppen die Wolken auf wie Popcorn. Biergartenzeit. Von Kaufbeuren geht es weiter durchs hügelige Allgäu in die Ortschaft Ummenhofen. Damals im März gartelte der Wirt der „Brauereistub’n Rössle“ gerade im Innenhof, um sich auf die Saison vorzubereiten. Wann auch immer das sein würde. An jenem Tag sperrte er ein vorerst letztes Mal seine Küche auf.

Gleich kommt das Schnitzel auf den Tisch

Drei Monate später sind die Tische unter dem Kastanienbaum gut besetzt – mit Sicherheitsabstand, versteht sich. Für das schnelle Helle steht ein Ausschankwagen im Hof. Aus der Küche hört man Wirt Jürgen Schnitzel klopfen. Zehn Minuten später landet es, zwei Hände groß, auf dem Teller.

Das Schnitzel kommt auch gleich: ein Biergarten in Ummenhofen.
Bild: Fabian Huber

„Wir haben überlebt!“, sagt der Chef. Acht Wochen war zu. Dann gab es Essen „to go“; Jürgen spricht es aus wie den afrikanischen Kleinstaat. „Das wurde wunderbar angenommen von den Ummenhofenern. Da muss man wirklich ‚Danke‘ sagen“, allgäuert er. Auch der Staat hat mitgeholfen. Wie hoch die Corona-Hilfen für den Betrieb waren, möchte Jürgen allerdings nicht verraten. Ist in dem Moment auch egal. Die Bayern haben ihre Biergärten wieder. Das ist, was zählt.

Im „Central“ in Aichach geht es ein wenig distinguierter zu. Es ist eines dieser Steak-und-Salat-Lokale, die Einrichtung ist loungemäßig dunkel gehalten. Sabine Finkenzeller, 33, lehnt sich zurück und blickt durch den vollen Raum. „Ich hätte nicht gedacht, dass das so schnell geht“, sagt sie. „In den ersten beiden Wochen lief es schleppend. Die Leute hatten noch Angst.“

Den Lieferdienst aus der Lockdown-Zeit betreibt die Inhaberin noch immer nebenbei. Denn die Wahrheit ist auch: Noch sind die Mitarbeiter in Kurzarbeit. Drei haben gar aufgehört, weil sie nicht mit Maske arbeiten wollten. Die Tischkapazität ist eingeschränkt, Gruppenreservierungen von 20 Leuten sind noch nicht möglich. Auf nur 20 bis 30 Prozent Umsatz kam Finkenzeller während der Schließung.

Die Fältchen unter den Augen verraten ein Lächeln

Und was, wenn die zweite Welle kommt? Wenn Söder wieder zusperren lässt? Corona ist nicht vom Tisch gewischt wie ein Staubfilm. Erst kürzlich überschritt die weltweite Infiziertenzahl zehn Millionen. Das sind dann schon 70 Mal Ingolstadt oder ganz Schweden. Ein bisschen Angst vor einem zweiten Lockdown habe er schon, hat Wirt Jürgen in Ummenhofen gesagt. Aber auch wieder diesen bedeutungsschweren Satz: „Wir überleben das.“

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Nächster Tag, letzte Station. Im Westpark in Ingolstadt brennt jetzt wieder in allen 146 Geschäften Licht. Mitte März waren hier nur 14 Läden geöffnet – die systemrelevanten. Ganze Bereiche wurden mit Rolltoren abgeriegelt, einzelne Supermarktregale waren leer gekauft. Endzeitstimmung. Und kein Vergleich zu heute.

Im Westpark in Ingolstadt brennt jetzt wieder in allen 146 Geschäften Licht.
Bild: Fabian Huber

Im Fitnessstudio wird wieder gestrampelt, vor der Bäcker-Kasse ums Vordrängeln gestritten. Voll sind die Gänge nicht, was an der shoppingcenterunfreundlichen Hitze draußen liegen mag. Doch, so sagt der Verkäufer im Sneaker-Laden: „Die Leute kommen wieder!“ Die Fältchen unter den Augen verraten ein Lächeln hinter der Maske.

Auch in den Westpark in Ingolstadt ist die Normalität zurückgekehrt.
Bild: Fabian Huber

Es sind die kleinen Dinge, die auffallen und doch Teil des Lebens geworden sind. Getrennte Ein- und Ausgänge. Klebestreifen davor für den Fall, dass zu viele Kunden im Laden sind. Spuckschutz an der Kasse, wo jetzt nicht Kaugummis, sondern Masken verkauft werden. Die Kassiererin, die das Wechselgeld vorsichtig in die Hand des Kunden plumpsen lässt. Konserven und Nudeln kann sie jetzt wieder zu Genüge verkaufen. Das Klopapierregal steht sogar über.

Es ist, das bleibt von dieser Reise, ein Sommer mit Abstrichen, aber immerhin ein Sommer. Vor einem Ledergeschäft plaudert eine Angestellte mit einer Bekannten, wie lästig diese Maskenpflicht doch sei. Dann verabreden sie sich auf ein Eis.

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Von  Fabian Huber