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Ammersee

15.02.2018

Eine Schule kämpft ums Überleben

Eltern, Schüler und Mitarbeiter der Sudbury-Schule treffen sich immer noch regelmäßig.
Bild: Julian Leitenstorfer

An der Sudbury-Schule entscheidet jedes Kind selbst, was es lernen will. Aber ist das genug? Die Behörden haben Zweifel - und schließen das Haus. Doch Eltern und Schüler wehren sich.

Seit eineinhalb Jahren ist es ruhig im Gebäude der Sudbury-Schule am Ammersee. Die Rollläden sind meistens heruntergelassen. Vor den Sommerferien im Jahr 2016 wurde die freie Schule in Ludenhausen (Kreis Landsberg) geschlossen. Die Regierung von Oberbayern hat ihr die Genehmigung entzogen, weil ihr der Nachweis fehlte, dass die 45 Kinder zwischen fünf und 18 Jahren dort das lernen, was sie lernen sollen. Das nämlich, was im bayerischen Lehrplan steht. Nach dem Sudbury-Konzept entscheidet jedes Kind selbst, was und wie es lernen möchte. Feste Klassen, einen Stundenplan und verpflichtende Prüfungen gibt es nicht. Die Stimme eines Schülers zählt genauso viel wie die des Lehrers.

„Für viele Eltern und vor allem für viele Schüler war die Schließung eine Katastrophe“, sagte Sudbury-Sprecherin Simone Kosog nach der Entscheidung unserer Zeitung. „Manche unserer Schüler konnten hier zum ersten Mal entspannt lernen.“ Zehn Eltern weigerten sich im Jahr nach der Schließung, ihr Kind auf eine andere Schule zu schicken. Doch in Bayern besteht für jedes Kind bis zwölf Jahre Schulpflicht. Folglich verhängte das Landratsamt Landsberg am Lech Bußgelder. Heute widersetzt sich nach Angaben der Behörde nur noch ein Schüler der Schulpflicht, seine Eltern haben Beschwerde gegen das einmalige Bußgeld über 150 Euro eingelegt.

An eine Regelschule wollen viele Schüler nicht mehr

Viele der früheren Sudbury-Schüler lernen heute an der Montessori-Schule Kaufering. Eine Regelschule kommt für die meisten von ihnen nicht (mehr) in Frage. Manche hatten es dort schon einmal versucht, berichten von Kopf- und Bauchschmerzen, psychischen Problemen im notenbasierten System der Regelschule. Die zwölfjährige Chiara zum Beispiel sagte nach der Schließung ihrer Wunsch-Schule: „Laufen und Sprechen haben wir ja auch einfach so gelernt. Warum sollte es mit Mathe anders sein? In der Regelschule wird alles so kompliziert gemacht.“

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Wenn es um die Rechtmäßigkeit der Schließung geht, wird es schnell ideologisch: Die staatliche Seite kommt zu dem Schluss, dass die Sudbury-Schule nicht die Mindeststandards des bayerischen Lehrplans vermittelt. Lerninhalte und Ausbildungsstand der Schüler wurden demnach nicht dokumentiert, eine von der Regierung geforderte Leistungsprüfung sei nicht durchgeführt worden. Man habe Gespräche über eine etwaige Wiederaufnahme des Schulbetriebs geführt, heißt es aus einem Bericht des Kultusministeriums vom Dezember. Die Sudbury-Vertreter schrieben ein neues Konzeptpapier. Doch darin „war es nach wie vor der alleinigen Entscheidungshoheit der Schülerinnen und Schüler vorbehalten, ob und in welchem Umfang sie sich Bildung aneignen“. Keine Grundlage für eine neue Genehmigung also.

Im Moment findet im Haus der Sudbury-Schule kein Unterricht statt.
Bild: Thorsten Jordan

Genau diese selbstbestimmte Bildung sei doch die wichtigste Säule ihrer Schule, argumentieren die Sudbury-Vertreter dagegen. In einer Petition an den Landtag schreiben sie: „Privatschulen müssen den Regelschulen gleichwertig, aber keineswegs gleichartig sein.“ Trotz der wachsenden Bewegung weltweit sowie in Deutschland „verhindert der Freistaat Bayern demokratische Schulen“.

Der Landtag will auf das Gerichtsurteil zur Sudbury-Schule warten

Eigentlich war jetzt eine Diskussion im Bildungsausschuss des Landtags auf der Tagesordnung, sie wurde jedoch gleich vertagt. Noch steht ein Urteil des Verwaltungsgerichtshofs (VGH) aus, vor dem die Schulfamilie die Wiedereröffnung einklagen will. Vorübergehend hatte das Gericht der Regierung von Oberbayern recht gegeben. Der Träger der Schule, der Verein Sudbury München, habe nicht glaubhaft gemacht, dass die Genehmigungsvoraussetzungen vorliegen. Das Gericht signalisierte zudem, dass die Klage auch im Hauptverfahren nur geringe Erfolgsaussichten hat.

Für die Schüler und Eltern ist die Verzögerung ein Problem. Den Erhalt ihres Schulhauses und ihre Rettungsversuche finanzieren sie vor allem über Spenden. Alexander Wiedemann, selbst Vater und Sudbury-Anhänger, war im Bildungsausschuss dabei: „Je länger sich das ganze Verfahren nach hinten verschiebt, desto schwerer wird es für uns, finanziell zu überleben“, sagt er. Der Zusammenhalt in der Schulgemeinschaft sei aber weiter stark. Wiedemann ist sicher: „Viele Schüler würden sofort wiederkommen.“

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