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Japan

17.03.2011

Eine kleine Stadt hilft in der großen Not

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Eine Oase der Ruhe und ein Geschenk der japanischen Partnerstädte an die Stadt Augsburg zu deren 2000-jährigem Jubiläum 1985: der Japanische Garten, ein Teil des Botanischen Gartens.
Bild: Foto: Christina Bleier

Wie sich Stadtbergen für die Menschen in der Region Fukushima einsetzt

Augsburg Es ist ein Gefühl der Ohnmacht, das sich in Christoph Schmid breitmacht. „Man versucht sein Bestes zu geben – und es ist doch viel zu wenig“, sagt der Mann, der im Kulturamt von Stadtbergen arbeitet. Um kulturelle Veranstaltungen muss sich Schmid zurzeit nicht kümmern. Von Mitarbeitern weitgehend entlastet koordiniert der 31-Jährige Hilfsangebote für Japan – genauer für die Region um die Stadt Fukushima, ungefähr 70 Kilometer vom zerstörten Atomkraftwerk entfernt. Seit 37 Jahren ist die 15000-Einwohner-Stadt vor den Toren Augsburgs mit der Provinz in Japan freundschaftlich verbunden.

Inzwischen verzichtet Schmid darauf, sich permanent aus dem Internet und dem Fernsehen über die Katastrophe zu informieren. „Ich kann mir die Live-Bilder nicht mehr ansehen“, sagt er. Im Augenblick kommt er ohnehin kaum mehr vom Telefon los. „Stadtbergen hilft“ heißt die zu Beginn der Woche ins Leben gerufene Aktion. Mehr als 40 Angebote aus allen Teilen Bayerns und aus Baden-Württemberg sind bereits eingetroffen. Meistens wollen die Menschen Japaner aufnehmen. „Das reicht von einer bis zu sieben Personen, für die die Gastgeber ihr Ferienhäuschen zur Verfügung stellen.“ Die Angebote werden gesammelt und „wenn es nötig wird auf sie zurückgegriffen“. Daneben hat eine Englich-Übersetzerin ihre Dienste zugesagt, falls sie gebraucht wird. Ein Chefarzt des Augsburger Klinikums würde sich starkmachen, dass verletzte Erdbebenopfer behandelt werden. Und Taiko-Trommler aus Augsburg schlugen vor, Kraniche aus Papier zu falten und gegen eine Spende abzugeben. Die Origami-Kraniche erinnern an die japanische Legende, nach der die Götter denjenigen einen Wunsch erfüllen, die 1000 solcher Papiervögel gefaltet haben. Auch sonst ist Stadtbergen eine der rührigsten Städte in Bayern, die ihre Verbundenheit aktiv ausdrückt. Ein Spendenkonto ist eingerichtet, für den 22. Mai wird ein Benefizkonzert geplant. Und am Sonntagabend findet in der katholischen Kirche ein Gedenkgottesdienst für die Opfer statt.

Dabei hat Stadtbergen gar keine offizielle Städtepartnerschaft. „Freundschaft und Partnerschaft gehen ineinander über“, sagt Bürgermeister Ludwig Fink. „Eine Partnerschaft mit regelmäßigen Delegations-Besuchen würde uns bei dieser Entfernung überfordern“, spielt er auch auf die Größe an: Die Stadt Fukushima hat rund 250000 Einwohner, in der ganzen Provinz leben mehr als zwei Millionen Menschen.

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Neun bayerische Städte haben eine besiegelte Partnerschaft mit Schwesterstädten im Land der aufgehenden Sonne. Aus zweierlei Hinsicht nimmt Augsburg dabei eine Sonderstellung ein. Sie hat als einzige Stadt im Freistaat mit Amagasaki (Provinz Hyogo) und Nagahama (Provinz Shiga) zwei japanische Partner. Die Verbindung rührt von der wirtschaftlichen Beziehung eines japanischen Industriellen her, der Dieselmotoren produzierte, und der Firma MAN. Aus Dankbarkeit stiftete Magokichi Yamaoka einen Rudolf-Diesel-Gedächtnishain und setzte sich mit Erfolg für die ersten deutsch-japanischen Städtepartnerschaften ein. „Von der Katastrophenregion sind unsere Partnerstädte zum Glück Hunderte Kilometer entfernt“, sagt der Sprecher der Stadt Augsburg, Ulrich Müllegger. Mit Amagasaki und Nagahama sei man telefonisch und schriftlich in Kontakt. Die Auswirkungen des Desasters spürten die Bürger dieser japanischen Städte bislang nur etwa durch die Aufforderung, Strom zu sparen. Konkrete Hilfe sei nicht notwendig, sagt auch Rainer Irlsperger, der seit 1980 auf Augsburger Seite die Städtepartnerschaften koordiniert. Unklar ist, ob eine Jugenddelegation aus der Fuggerstadt im Herbst nach Japan reisen oder ob der Besuch aufgeschoben wird.

„Riesiges Engagement“ bescheinigt die stellvertretende japanische Generalkonsulin Yoshie Funaki ihren Mitarbeitern in München – trotz oder wegen der Hiobsbotschaften, genau weiß sie das nicht. „Wir können nicht nur traurig sein, wir müssen für die Zukunft arbeiten“, sagt sie und nennt Aufgaben, die ähnlich gelagert sind wie in Stadtbergen. Funaki empfiehlt Spenden an das Rote Kreuz. Wer will, kann Geld oder Schecks auch zu den Öffnungszeiten direkt im Generalkonsulat (Karl-Scharnagl-Ring 7) abgeben.

Dass ausgerechnet Christoph Schmid die Japanhilfe in Stadtbergen koordiniert, hat einen ganz persönlichen Hintergrund. Ohne freundschaftliche Beziehungen zur Provinz Fukushima gäbe es ihn heute nicht. Schmids Vater ist Deutscher, seine Mutter Japanerin.

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