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Entführung
19.06.2015

Sohn des Milliardärs Würth muss Qualen ausgestanden haben

Der Sohn von Schrauben-Milliardär Reinhold Würth ist in Osthessen entführt worden, nach kurzer Zeit aber wieder freigekommen.
Foto: Uwe Zucchi (dpa)

In einem Wald bei Würzburg fand die Polizei den behinderten Sohn von Schraubenkönig Reinhold Würth - gefesselt an einem Baum. Er muss schreckliche Qualen ausgestanden haben.

Ob die Entführer von Markus Würth die Nerven verloren? Oder Mitleid bekamen mit dem behinderten Sohn des Unternehmers Reinhold Würth? Bisher rätseln die Ermittler noch. Die Entführer von Markus Würth hatten angeblich ein Lösegeld von drei Millionen Euro gefordert, nachdem sie den 50-Jährigen am Mittwoch gekidnappt hatten. Schließlich karrten sie ihr Opfer in der Nacht – vermutlich von der Autobahn kommend – bei Kist im Landkreis Würzburg in ein Waldstück nahe der A3.

Entführer fesselten den Würth-Sohn an einen Baum

Sie fesselten den Sohn des Milliardärs an einen Baum. Dann teilten sie die genauen Orts-Koordinaten mit, damit er auch gefunden werde. Am Morgen kreisen zwei Hubschrauber über der Stelle. Die Polizei ist mit Suchhunden im Einsatz. Das Gelände ist abgesperrt. Am Firmensitz im württembergischen Künzelsau, knapp 70 Kilometer südlich von Würzburg, atmet man auf, als die Nachricht kommt: Markus Würth ist gefunden und wohlauf.

Der knorrige Unternehmer Würth, einer der acht reichsten Unternehmer Deutschlands und ein großer Kunstmäzen, hat aus der Behinderung seines Sohnes durch einen Impfunfall im Kindesalter nie viel Aufhebens gemacht. „Das Schicksal macht keinen Unterschied zwischen Reich und Arm“, sagte der Schraubenkönig 2014 gewohnt unverblümt. „Der Markus sollte als Baby dreimal im Abstand von drei Wochen geimpft werden. Schon nach der ersten Impfung hatte er hohes Fieber. Nach der zweiten Impfung hatte Markus ein halbes Jahr Fieber. Als wir später mit Kinderärzten darüber sprachen, schlugen sie die Hände über dem Kopf zusammen.“

Reinhold Würth wurde bei einem Interview zu seinem 80. Geburtstag im vergangenen Jahr gefragt, ob sein christlicher Glaube durch das Schicksal des Sohnes noch stärker geworden sei. Er antwortete trocken: „Eigentlich nicht. Aber wenn ich etwas zu sagen hätte, würde ich es verbieten, dass Ärzte für Erwachsene Kleinkinder behandeln dürfen.“ Statt dem Stammhalter machte der eigenwillige Firmenpatriarch 2006 seine ältere Tochter Bettina zur Chefin – obwohl er in früheren Jahren erklärt hatte, dass Frauen sich um Küche und Kinder zu kümmern hätten und sich aus dem Geschäftsleben heraushalten sollten.

Der heute 50 Jahre alte Markus Würth war selten bei öffentlichen Auftritten der Familie zu sehen. Er lebte bislang unbehelligt im „Hofgut Sassen“, einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung im osthessischen Schlitz im Vogelsbergkreis. Getragen wird das dortige Therapiezentrum vom Verein „Lebensgemeinschaft“. Etwa 250 Frauen und Männer wohnen dort.

Würth lebt im "Hofgut Sassen" , einer Wohngemeinschaft für Behinderte.
Foto: Arne Dedert dpa

Nach Angaben der Einrichtung arbeiten die Menschen gemeinsam in Holz- und Keramikwerkstätten, einer Bäckerei und einer Gärtnerei. Zur Freizeitgestaltung gehören Orchester, Volkstanz, Malerei, Schwimmen und Gymnastik. Lebens-Grundlage sind die Lehren der Waldorf-Pädagogik. Die Mutter von Markus, Carmen Würth, hat in der Nähe eigens ein Haus gebaut, um näher bei ihrem Sohn zu sein.

Markus Würth kam nicht zum Essen

In der Einrichtung fiel am Mittwoch auf, dass Markus Würth nicht zum Essen kam. Er wurde als vermisst gemeldet, bestätigt die Staatsanwaltschaft Gießen. Wenig später soll am Firmensitz eine Lösegeldforderung eingegangen sein. Ob es zwei oder drei Millionen Euro waren, darüber gibt es unterschiedliche Angaben. Die Eltern Würth bekommen davon zunächst nichts mit. Nach Angaben des Südwest-Rundfunks befinden sich Reinhold Würth und seine Ehefrau auf einer Geschäftsreise in Griechenland.

Warum die Entführer den Sohn des Schraubenkönigs ausgerechnet im Wald bei Kist fesselten und die Geodaten des Standortes mitteilten, damit er gefunden wird, ist bisher rätselhaft. Hinweise, dass sie einen Bezug zur Region haben, gebe es nicht, hieß es. Die zuständige Staatsanwaltschaft Gießen teilte mit: „Zu einer Geldübergabe kam es indes nicht.“

In Kist, der 2500-Einwohner-Gemeinde unweit von Würzburg, hat man am Donnerstagmorgen kaum etwas von dem Polizeieinsatz mitbekommen. Bürgermeister Volker Faulhaber muss sich in der Mittagspause selbst erst einmal bei der Polizei kundig machen. „Es war wohl Zufall und der guten Verkehrsanbindung geschuldet, dass das Entführungsopfer an einen Baum auf Kister Gemarkung gebunden wurde“, sagt der Bürgermeister.

Kist ist von Wald umgeben. Der Guttenberger Forst ist ein beliebtes Naherholungsgebiet der Würzburger. Am Donnerstagmittag sind keine Spaziergänger unterwegs – erstmals seit Wochen hat es wieder geregnet. Lediglich Reste von Polizeiabsperrband deuten auf einen Einsatz hin. Reifenspuren hat der Regen größtenteils schon verwischt. Ein unwirklicher Ort, im dichten Buchenwald. Von der Zivilisation ist nichts zu sehen und zu hören. Markus Wirth muss schreckliche Qualen ausgestanden haben. (mit dpa) Wer ist Reinhold Würth?

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