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Erfahrungsbericht
27.12.2018

Eine Frau erzählt, wie sie ohne Qual über 30 Kilo abnahm

Redakteurin Claudia Goetting hat sich durch die Abnahme nicht nur äußerlich verändert. Sie hat auch ihre Freizeitgestaltung und ihr Verhalten angepasst. Bergwanderungen (wie hier im Spätsommer 2018 zum Hahnenköpfle im Kleinwalsertal) und flotte Spaziergänge (oft auch in der Mittagspause) gehören mittlerweile dazu.
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Redakteurin Claudia Goetting hat sich durch die Abnahme nicht nur äußerlich verändert. Sie hat auch ihre Freizeitgestaltung und ihr Verhalten angepasst. Bergwanderungen (wie hier im Spätsommer 2018 zum Hahnenköpfle im Kleinwalsertal) und flotte Spaziergänge (oft auch in der Mittagspause) gehören mittlerweile dazu.
Foto: Claudia Goetting

Abnehmen ist nicht einfach – vor allem, wenn man gerne isst, in alten Mustern gefangen und ein Sportmuffel ist. Doch es geht – ohne Programm, Shakes, Pillen.

In einem Jahr über 30 Kilogramm abnehmen? Ohne Qual? Ohne von außen aufgedrücktes Ernährungs- oder Sportprogramm? Ohne Personal Trainer, wie ihn manche Promis haben? Ohne Pillen und Shakes? Ohne Verbote? Nie und nimmer – habe vermutlich nicht nur ich (Claudia Goetting, 41 Jahre alt, zweifache Mutter, Redakteurin bei der Allgäuer Zeitung) immer gedacht. Heute sage ich: Doch, das geht! Aber ich bin überzeugt davon, dass jeder seinen eigenen Weg finden und gehen muss – angepasst an seinen Lebenswandel, seine Vorlieben und Abneigungen. Zugegeben, den Weg zu finden, ist nicht ganz einfach. Aber sobald man mal unterwegs ist, läuft’s. So geht’s zumindest mir.

Ausgangslage Schlank war ich nie – außer als Kind. Bereits in der Pubertät nahm ich zu. Mit Anfang 20 war ich mollig, später wurde es noch ein bisschen mehr – und zwar nicht durch zwei Schwangerschaften. Da habe ich sogar jeweils ein bisschen abgenommen, weil mir ziemlich lange übel war und ich keine Heißhungerattacken hatte. Auch sonst hatte ich nie Anfälle, bei denen ich unkontrolliert Essen in mich hineingestopft habe. Nein, ich esse einfach gerne – der Satz ist ganz bewusst in der Gegenwart formuliert. Denn: Ich esse auch heute noch sehr gerne – und mit Genuss. Früher habe ich aber oft aus bestimmten (falschen) Gründen gegessen – aus Frust, Gewohnheit oder Langeweile, vor Wut oder Freude, zur Belohnung... Frühstück zu Hause, eine Leberkässemmel als zweites Frühstück, Mittagessen im Büro, ein Stück Kuchen oder Schokolade am Nachmittag (das oft die Kollegen mitgebracht und herumgereicht haben) und Abendessen zu Hause. Wenn man wie ich dann keinen sportlichen Ausgleich hat, geht’s mit dem Gewicht nur in eine Richtung: immer weiter nach oben.

Vorher: unvorteilhafter Schnappschuss beim Familientreffen in der Oberpfalz – Ostern 2017.
Foto: Claudia Goetting

Berühmter Klick So landete ich bei über 110 Kilogramm – bei einer Größe von 1,65 Meter. Viele Freunde, Kollegen und Bekannte sagen, dass sie mir das Gewicht nie angesehen haben. Kleidergröße 50 und die Zahl auf der Waage lügen aber nicht. Und das Vorher-Foto – ja, es ist aus einer ungünstigen Perspektive aufgenommen – auch nicht. Wenn ich mir das heute anschaue, kann ich es immer noch nicht fassen. Bin ich das wirklich? Wie konnte ich das so lange ignorieren? Warum auch immer – es gab keinen konkreten Anlass – habe ich vor einem Jahr beschlossen, dass es so nicht weitergeht. Es war der berühmte Klick und die Erkenntnis: Weder die Pubertät meiner Kinder, noch teure Autoreparaturen, Alltagsstress oder Reibereien im Beruf werden auch nur ein bisschen leichter, wenn ich zum Trost oder Frust esse.

Effektivität Als berufstätige zweifache Mutter in Vollzeit bleibt nicht viel Zeit für komplizierte Konstrukte. Das Wort Diät existiert für mich nicht. Es musste so einfach wie möglich in den Alltagstrubel integrierbar sein. Ich wollte weder eines der unzähligen großartige Erfolge versprechende Abnehmprogramme noch ein Abo im Fitnessstudio.

Ernährung Alles, was ich esse, muss mir schmecken und mich satt machen. Pülverchen und Shakes als Ersatzmahlzeit kommen nicht in Frage. Und auch nicht Haferschleim mit Magerjoghurt oder Wasweißich, weil es ja sooooo gut beim Abnehmen helfen soll, wie einem die Werbung oder auch Freunde und Nachbarn oft erklären. Ich bin eher der deftige Typ. Auf Schokolade und Kuchen zu verzichten, ist also das geringste Problem. Eine Herausforderung ist für mich eher, dem Duft einer warmen Leberkässemmel zu widerstehen. Positiv ist, dass ich Obst und Gemüse regelrecht liebe und gar nicht genug davon bekommen kann. Was ich an einem normalen Tag so esse, lesen Sie in der folgenden Textgalerie.

Trinken Wasser ist gesund. Schmeckt aber nach nichts. Im Sommer oder wenn ich mich bewege, ist es trotzdem okay. Ansonsten trinke ich täglich zwei bis drei Liter ungesüßte Tees. Ab und zu gibt’s zur Abwechslung dünne Saftschorle im Verhältnis etwa 1:6 und als Genuss – zum Beispiel zum Mittagessen – Cola light. Ich weiß, die ist nicht gesund, aber man will und soll sich ja nicht alles verkneifen.

Bewegung Ich hatte in meiner Familie keine sportlichen Vorbilder. Und so kam es wohl, dass auch ich als Entspannung nach einem stressigen Arbeitstag die Couch bevorzugte – sei es mit einem Buch, Gesellschaftsspielen mit den Kindern oder der Glotze ... Sport verband ich mit zusätzlichem Stress. Jetzt auch noch bewegen? Ich bin schon seit 14 Stunden auf den Beinen. Echten Sport treibe ich immer noch nicht. Alles, was ich mache, ist ohne teure Ausrüstung in Alltagskleidung (Jogginghose, Jeans, T-Shirt, günstigen Sportschuhen) möglich. Im Schlafzimmer (mit Sicht zum Fernseher) steht schon seit Jahren ein Crosstrainer, der lange als Kleiderstange missbraucht wurde. Inzwischen nutze ich das Gerät mehr oder weniger regelmäßig. 30 Minuten am Abend oder teilweise auch vor der Arbeit sind gut zu bewältigen – nebenbei laufen Nachrichten, die Lieblingssendung oder fetzige Musik. Auf den Crosser kann man eigentlich immer – auch wenn’s draußen dunkel oder nass ist. Und er ist effektiv. Mann muss keine Trainingstasche packen, nicht zum Studio fahren, was ja alles auch Zeit und Überwindung kostet. Außerdem habe ich entdeckt, dass mir flott gehen (ohne Stöcke) wirklich gefällt und gut tut – und das funktioniert wunderbar in der Mittagspause oder am Wochenende. So kam es, dass ich in diesem Jahr zum ersten Mal Bergwandern war. Ohne Seilbahn. Mehrmals. Herrlich! Und das sage ich, die bisher jede noch so kleine Steigung gemieden und die Berge nur von der Ferne gesehen hat. Den Familienbesuch im Freibad habe ich für 20 Bahnen gemächliches Schwimmen genutzt – und laue Sommerabende für kleine Radtouren. Und ich wiederhole mich: Das ist für mich kein Sport, ich kurble nur den Stoffwechsel damit an.

Konzept Einen Namen möchte ich meinem Programm nicht geben. Es ist eine Mischung aus ziemlich vielen Konzepten. Zum Beispiel Volumetrics – also bevorzugt Nahrungsmittel mit großem Volumen aber geringer Energiedichte essen (Suppen, Salate, bestimmte Obstsorten, Gemüse); Intervallfasten – ich halte zwar fast nie die empfohlene 16-Stunden-Pause ein, aber ich versuche, drei Hauptmahlzeiten zu mir zu nehmen – und dazwischen nichts; Low Carb – üppige Kohlenhydrat-Mahlzeiten (Spaghetti Bolognese, Pizza, Cordon bleu mit Pommes) gibt es natürlich, aber nicht werktags am Abend, sondern am Wochenende mittags, sodass ich dann mit einem leichteren Abendessen ausgleichen kann. Ich esse Wurst und Käse – und zwar nicht die fettreduzierte Variante. Die Menge macht’s. Und unter den Honig kommt Butter. Aber nicht zentimeterdick und nicht jeden Tag.

Nachher: um 60 Pfund ärmer und einen Schwung neue Klamotten reicher – Dezember 2018.
Foto: Mathias Wild

Struktur Ich bin ein organisierter Mensch. Ich habe mir eine App aufs Handy geholt, in der ich Pi mal Daumen mein Essen eintrage, ohne es grammgenau abzuwiegen. Da sieht man auf den ersten Blick, wo es hapert. Ich entscheide, wann es Ausnahmen gibt – und nicht mein Umfeld. Sonst gäbe es nämlich ständig Ausnahmen. Wenn zum Beispiel jetzt ein Kollege überraschenderweise Kuchen oder Kekse im Büro verteilt, habe ich inzwischen kein Problem mehr damit, dankend abzulehnen. Das habe ich früher, aus falscher Höflichkeit und weil’s mir natürlich auch geschmeckt hat, nicht gemacht. Wenn der Azubi ankündigt, zum Abschied Kuchen mitzubringen, baue ich ihn als Mittagessen – in Kombination mit Obst – in meinen Plan ein.

Wiegen Als ich angefangen habe, mein Essens- und Bewegungsverhalten umzustellen, hatte ich keine konkreten Ziele – weder eine Kleidergröße noch ein Gewicht und schon gar keinen Zeitrahmen. Ich wusste ja nicht, wie mein Körper reagiert. Ich stelle mich nur jeden 1. des Monats auf die Waage und trage das Ergebnis in eine Liste ein. So vermeide ich, dass mich normale Schwankungen, wie durch Wassereinlagerungen, verunsichern oder gar demotivieren. Stattdessen bin ich ab und zu in eine Hose geschlüpft, die mir zu klein war, um zu sehen, wie sich mein Körper verändert. Inzwischen rutscht mir die Hose mit geschlossenem Knopf von der Hüfte. Weggeworfen habe ich sie nicht. Sie bleibt als abschreckendes Beispiel im Schrank – im Gegensatz zu vielen anderen Klamotten, die ich rigoros entsorgt habe.

Erfolge Ich habe in elf Monaten über 30 Kilogramm abgenommen. Anfangs vier Kilo im Monat, später hat es sich bei einem bis zwei Kilo eingependelt – trotz Strandurlaub, Stress, Geburtstagsmarathon. Ich bin immer noch übergewichtig (Prä-Adipositas, BMI 29). Vorher hieß die Diagnose Adipositas III (BMI über 40). Inzwischen trage ich Größe 44. Wobei Kleidung ja so unterschiedlich ausfällt, dass das kein echter Anhaltspunkt ist.

Ziele Mein Ziel ist es, meinen neuen Lebensstil fortzusetzen. Wenn noch einmal fünf Kilo runtergehen, wäre das toll, wenn nicht, ist es auch okay. Denn ich habe insgesamt viel Positives gewonnen. Mein Leben hat sich verändert. Ich bin nicht nur aktiver und ausgeglichener, sondern ich gehe jetzt auch meistens entspannter mit dem ganz normalen Wahnsinn (beruflich und privat) um – und ich (fr)esse nicht mehr alles in mich hinein.

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