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Prozess in München

25.03.2020

Erschütternde Vorwürfe: Großvater soll hundertfach Kinder missbraucht haben

Das Gerichtsgebäude, in dem unter anderem das Amtsgericht, das Landgericht I und II in München untergebracht sind.
Bild: Matthias Balk, dpa

Einem Mann wird Missbrauch an Kindern vorgeworfen - über viele Jahre. In einem erschreckenden Prozess zeigt sich, wie Geschichte sich wiederholen kann.

Jahrelanger, hundertfacher Missbrauch - und die jüngsten Opfer waren erst fünf Jahre alt: Es sind entsetzliche Vorwürfe, mit denen das Landgericht München II sich von diesem Mittwoch an befassen muss. Ein 56 Jahre alter Mann aus dem Landkreis Starnberg soll seine Stief-Enkel und deren Freunde immer wieder auf massivste Art und Weise missbraucht haben. Ihm wird auch Vergewaltigung vorgeworfen.

Die Staatsanwaltschaft listet mehr als 700 Fälle auf. Laut Anklage erlitten die Kinder teils heftige Schmerzen. Einen Jungen soll der Angeklagte nicht nur zu Hause und im Wald, sondern auch in einer Kirche missbraucht haben, schreibt die Deutsche Presse-Agentur. Wenn sein Stief-Enkel nicht mitmachen wollte, habe er ihm gedroht, das Lieblingskuscheltier wegzunehmen, ihn zwei Tage in sein Zimmer einzusperren oder seiner Mutter wehzutun, so heißt es in der Anklage.

Der Angeklagte sagt, er habe niemanden zu etwas gezwungen

Von Zwang will der deutsche Angeklagte allerdings nichts wissen, wie er vor Gericht betont. "Ich hasse Gewalt", sagt er. "Ich habe auch die Kinder niemals geschlagen und niemals zu irgendwas gezwungen. Das ist eine freie Erfindung." Als der Staatsanwalt die Anklage verliest, schließt er die Augen und schüttelt immer wieder den Kopf. 

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Das, was er dann schildert, ist ebenso erschreckend wie das, was der Staatsanwalt in seiner Anklage verliest. Er selbst habe als Kind in verschiedenen Kinderheimen Gewalt erfahren, sagt der Angeklagte - und auch Missbrauch. "Alles, was mir vorgeworfen wird, ist mir da passiert", sagt er. "Ich hab' da keine Schmerzen gehabt. Ich hab' halt gedacht, der hat mich lieb - fertig." 

Mann wurde selbst als Heimkind häufig missbraucht

Er berichtet von massivem Missbrauch durch mehrere Erzieher, und auch eine Nonne habe sich an ihm vergangen. Seine erste sexuelle Erfahrung habe er mit elf Jahren mit einer Erzieherin gehabt - ganz freiwillig. "Ich bin halt auf sie gestanden." Er schildert "Sexpartys", zu denen die Erzieher Männer in das Kinderheim holten, damit sie sich dort an den Jungen vergehen konnten - und dass sie "zum Anschaffen nach München" gefahren worden seien. 

Als Gewalt habe er das alles aber nur selten empfunden, sagt der Angeklagte - eher als Zuneigung. "Ich hab mich halt geborgen gefühlt. Die waren nett zu mir, die haben mich in den Arm genommen und haben mir Sachen gegeben und versprochen." Trotzdem habe er schon in der Jugend mehrfach mit teils drastischen Mitteln versucht, sich das Leben zu nehmen, sagt der 56-Jährige. "Aber verreckt bin ich nicht."

Konkret äußert sich der Angeklagte nicht zu den Vorwürfen

Der Angeklagte beruft sich auch auf Erinnerungslücken. Er wolle aussagen - "so gut ich mich erinnern kann". Aus Sicht seiner Anwältin bestehen Zweifel daran, ob er verhandlungsfähig ist. Außerdem sei er ein Hochrisikopatient. Wegen des grassierenden Coronavirus erscheint der 56-Jährige mit Atemschutzmaske vor Gericht. Die Erinnerungen, die er teilt, fallen allerdings oft sogar sehr detailliert aus. 

Auch wenn der Angeklagte sich am ersten Prozesstag noch nicht konkret zu den Vorwürfen gegen ihn äußert und es anfangs nur um seine persönlichen Angaben gibt - in seiner Aussage deutet sich schon an, wie er das sieht, was er laut Anklage mit seiner Stief-Enkelin und seinem Stief-Enkel, die von ihrer Geburt an in seinem Haus lebten, und zwei etwa gleichaltrigen Freunden gemacht haben soll. Denn Zwang habe er Kindern nie angetan - die könnten ja auch schon früh entscheiden, was sie wollen und was nicht.

Einmal schildert er, wie seine Stieftochter, die Mutter seiner beiden mutmaßlichen Opfer, sich ihm anvertraute. Sie sei selbst von ihrem Stiefvater missbraucht worden, sagt der Angeklagte. Das mache ihr heute noch furchtbar zu schaffen - "weil es wirklich ungewollt war". (Britta Schultejans, dpa)

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25.03.2020

Schreckliche Verbrechen werden dem Mann zur Last gelegt. Vielleicht haben sie, wie der Artikel erzählt eine schreckliche Vorgeschichte.

Bezeichnend und erfreulich, dass hier keine Kommentare von den "üblichen rachelüsternden Foristen" kommen, die dem Angeklagten die schärfstmöglichen Strafen wünschen und unserer Justiz vorwerfen, weich zu sein und wegen "schwerer Kindheit" zu zu milden Urteilen zu kommen.

Raimund Kamm

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