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Zahl der Neuinfektionen steigt im Vergleich zur Vorwoche leicht an
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Corona-Pandemie

21.12.2020

"Es war die Hölle": Menschen berichten von ihrer Corona-Infektion

In den Kliniken ist die Situation angespannt. Die Zahl der verzeichneten Todesfälle in Zusammenhang mit dem Coronavirus ist sprunghaft gestiegen.
Bild: Jean-Christophe Bott, Keystone, dpa (Symbolbild)

Plus Jeden Tag gibt es tausende neue Corona-Infektionen. Und jeden Tag sterben Menschen. Wie drei Infizierte die Krankheit erlebt haben und wie sie auf Weihnachten blicken.

Wenn man so will, dann ist es ein Weihnachtswunder, dass Roland Schmieder in diesem Jahr mit seiner Familie unter dem Christbaum sitzen wird. Denn dass er diesen Tag erleben würde, war lange nicht klar. Schmieder hatte sich mit dem Coronavirus infiziert. Und es gab Tage, an denen er dem Tod näher war als dem Leben.

Fast 290.000 Menschen haben sich in Bayern bislang mit dem Coronavirus infiziert. Über 5600 sind gestorben – im Schnitt passiert das alle 20 Minuten. Zu den guten Nachrichten dieses an positiven Meldungen so armen Jahres indes gehört auch: Über 218.000 Menschen im Freistaat gelten wieder als genesen. Für viele von ihnen, vor allem für die, die einen schweren Verlauf hatten, wird es wohl ein ganz besonderes Weihnachtsfest werden.

Die Sauerstoffsättigung im Blut war komplett im Keller

Ein bisschen bricht Roland Schmieder die Stimme weg, als er über Heiligabend spricht. "Ich habe ein zweites Leben geschenkt bekommen. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich habe eine tolle Familie, mit der ich Weihnachten verbringen werde. Ich freue mich auch, dass ich meine 85-jährige Mutter sehen werde. Es hätte alles auch ganz anders laufen können."

Rückblick. Freitag, der 16. Oktober. Roland Schmieder, der als Bauleiter arbeitet, macht einen Corona-Test. Ein Arbeiter auf der Baustelle war krank geworden und Schmieder wurde geraten, sich auch testen zu lassen. "Am Sonntag bekam ich dann das positive Testergebnis", sagt der 63-jährige Augsburger. Zunächst geht es ihm gut, am Dienstag dann spürt er erste Symptome, er bekommt Gliederschmerzen und Fieber. Ein paar Tage später ist das Fieber deutlich gestiegen, Schmieder hustet jetzt auch. Seine Frau besteht darauf, dass er sofort ins Krankenhaus gebracht wird – mit ihrer Vehemenz hat sie ihm wahrscheinlich das Leben gerettet. "Acht Stunden später wäre ich vielleicht tot gewesen", sagt Schmieder. Die Sauerstoffsättigung im Blut ist zu diesem Zeitpunkt komplett im Keller.

Roland Schmieder lag lange im Krankenhaus.
Bild: Schmieder

Im Augsburger Uniklinikum kommt Schmieder sofort auf die Intensivstation. "Ich bin allen Menschen, die sich auf Station 1.1 um mich gekümmert haben, unendlich dankbar, etwa dem Stationsarzt Dr. Braun", sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion. "Die Pfleger und Ärzte sind die wahren Engel unserer Zeit", fügt er hinzu. Drei Wochen liegt Schmieder auf der Intensivstation, sechs Tage davon im Koma. Seine Frau wird von den Ärzten jeden Tag über den Zustand ihres Mannes informiert – ob er überleben würde, war lange nicht klar. Rückblickend sagt Schmieder: "Es war die Hölle, ich war zwischen Leben und Tod."

20 Kilo durch die Corona-Infektion verloren

Nach drei Wochen versucht er das erste Mal, aufzustehen. Es klappt nicht, die Muskeln sind zu schwach. Insgesamt hat Schmieder 20 Kilo verloren. "Ich war eigentlich immer recht sportlich, habe Tennis und Golf gespielt", erzählt er. Allerdings habe er auch ein paar gesundheitliche Probleme wie Diabetes und einen zu hohen Blutdruck. Dass es ihn aber so sehr erwischen würde, dass er um sein Leben würde kämpfen müssen, das hätte er sich nie vorstellen können.

Wade Murphy fühlt sich auch heute, mehrere Wochen nach der Infektion, noch nicht fit.
Bild: Murphy

Der Kampf, den Schmieder beschreibt, findet derzeit jeden Tag statt. Zwischen 20.000 und 30.000 Neuinfektionen werden derzeit pro Tag in Deutschland gemeldet – und täglich hunderte Tote. Wade Murphy, der in Aindling im Landkreis Aichach-Friedberg ein Transportunternehmen betreibt, hätte den Kampf gegen das Virus fast verloren. Anfang September bekommt er plötzlich starke Schweißausbrüche. Er schleppt sich nach Hause, glaubt, sich eine heftige Erkältung eingefangen zu haben. Über das Wochenende steigt das Fieber aber immer weiter, teils über 40 Grad. Murphy geht zum Arzt, der schickt ihn ins Krankenhaus. Der Corona-Test fällt positiv aus – und Murphy, der als US-Soldat im Vietnamkrieg war, weiß jetzt, mit welchem Feind in seinem Körper er es zu tun hat.

Sein Zustand verschlechtert sich schnell. Er muss auf die Intensivstation, wird beatmet. "Ich war insgesamt fünf Wochen im Krankenhaus", sagt Murphy. Davon drei Wochen auf der Intensivstation. Zwei Wochen im Koma.

Auch Wochen nach der Infektion ist der 74-Jährige noch nicht fit

Fit ist er heute noch längst nicht. "Als ich aus dem Koma aufgewacht bin, konnte ich nur die Augen bewegen, ein paar Tage später die Zehen, nach einer Woche meine Beine. Meine Muskeln sind noch immer schwach, ich habe zehn Kilo abgenommen", erzählt der 74-Jährige. "Ich habe außerdem meinen Geruchssinn verloren, vieles schmeckt einfach holzig", sagt er.

Nach den schrecklichen Wochen, die Murphy hinter sich hat, freut er sich nun umso mehr auf Weihnachten. Mit seiner Frau, seiner Tochter und seinen Enkelkindern. "Das wird ein wunderbares Fest. Ich bin so dankbar, dass ich überlebt habe." Als er im Koma lag, habe er oft mit Gott gesprochen, fährt er fort. "Ich habe ihn gebeten, mich nicht allein zu lassen." Als Murphy endlich aufwacht, ist er nicht allein. Seine Frau sitzt an seinem Bett.

Fieber, Durchfall, kein Geruchssinn mehr

Eine Infektion verläuft natürlich nicht immer so dramatisch wie bei Wade Murphy oder Roland Schmieder. Viele Menschen haben leichtere Symptome – aber auch sie sind nachhaltig geprägt. So wie Maria Welser.

Maria Welser hatte einen leichten Verlauf. Dass viele die Krankheit nicht ernst nehmen, kann sie trotzdem nicht verstehen.
Bild: Welser

Die 63-Jährige arbeitet in Kirchheim im Unterallgäu im Sozialzentrum. "Ich habe mich vermutlich bei einem Bewohner angesteckt", erzählt sie. Ende Oktober wird Welser krank. "Ich bin an einem Samstagmorgen aufgewacht und habe bemerkt, dass ich Fieber habe. Die Vermutung, dass es Covid-19 ist, lag nahe." In den kommenden zweieinhalb Wochen geht das Fieber kaum runter, Welser hat zudem Bauchschmerzen und Durchfälle. "Nach den ersten Tagen kam der Husten hinzu. Atemnot hatte ich aber nicht." Trotzdem geht es ihr schlecht, sie ist schlapp, müde, verliert ihren Geruchssinn. "Drei Wochen ging das so", erzählt Welser im Gespräch mit unserer Redaktion. "Jetzt bin ich zum Glück wieder fit." Welser freut sich nach den vergangenen turbulenten Wochen auf Weihnachten mit der Familie. Wie das genau aussehen wird, weiß sie aber noch nicht.

Die 63-Jährige ist in diesen Tagen oft nachdenklich. Weil sie den Eindruck hat, dass viele die Erkrankung nicht ernst nehmen. "Ich kenne viele, die sich nicht impfen lassen wollen. Das kann ich überhaupt nicht verstehen. Und das obwohl ich einen leichten Verlauf hatte."

Auch Roland Schmieder aus Augsburg kann nicht verstehen, dass es viele Menschen gibt, die das Coronavirus auf die leichte Schulter nehmen. "Im Zimmer neben mir lag ein 30-Jähriger, bei dem man einen Luftröhrenschnitt machen musste", sagt er. "Man muss sich immer im Klaren sein, dass man an diesem Virus sterben kann."

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Die Diskussion ist geschlossen.

21.12.2020

Ich möchte mit niemanden tauschen, der unter einer Corona Infektion leidet oder gelitten hat. Ich möchte auch nicht die möglichen Gefahren klein reden.
Aber wenn man über die schweren Verläufe berichtet, dann sollte man auch über die weniger schweren Verläufe berichten, von denen es faktisch mehr gibt (das soll nicht heißen, dass deswegen keine Gefahr von Covid ausgeht). Insgesamt finde ich es verantwortungslos von Politik und Presse solche Ängste zu schüren - das verhindert meiner Meinung nach eine öffentliche, freie und objektive Diskussionskultur. Und ohne diese wird die Gesellschaft gespalten - auch in Hinblick auf Maßnahmen: Der Teil, der sich in keiner offenen Diskussion wieder findet, wird sich abspalten und keine Maßnahmen befolgen (ob sinnvoll oder nicht, spielt hier erstmal keine Rolle).

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21.12.2020

>>Aber wenn man über die schweren Verläufe berichtet, dann sollte man auch über die weniger schweren Verläufe berichten, <<

Das steht doch im Artikel.

Sie fordern eine objektive Diskussionskultur. Dann schauen Sie sich doch bitte die Todeszahlen und die Zahlen der "Übersterblichkeit" an. https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/coronavirus-echtzeit-karte-deutschland-landkreise-infektionen-ausbreitung

Krankheit, Lebensgefahr und Tod gehen aber weit über vermeintlich "Objektives" hinaus. Sie berühren unsere Sorgen und Ängste. Lösen auch Verdrängen aus. Und dieses Subjektive beeinflusst uns sehr.

Raimund Kamm

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21.12.2020

"-das verhindert meiner Meinung nach eine öffentliche, freie und objektive Diskussionskultur."

Es gibt nicht mehr viel zu diskutieren, denn die Zahl auf Intensivstationen steigt bedrohlich.

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21.12.2020

Auch ich gehöre zur Risiko-Gruppe ( Alter und Diabetes) ich werde mich nicht mit einem RNA-Impfstoff impfen lassen der noch nicht lange erforscht ist. Ich bin kein Impfgegner aber diese Notzulassung des völlig neuartigen Impfstoff lehne ich persönlich ab bis Erfahrungswerte vorliegen. Niemand weiß heute welche mittelfristigen Nebenwirkungen oder gar Langzeitschäden diese neue Impftechnik verursacht.

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21.12.2020

Das ist allein Ihre Sache. Da bleibt nur zu hoffen, dass Sie bei einer schweren Erkrankung nicht ein Intensivbett und ein Beatmungsgerät blockieren, das ein vernünftigerer Mensch als Sie dringend benötigt. Und falls Sie nach einer Infektion andere anstecken, sind es ggfs. Sie, der mit den Folgen leben muss.

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21.12.2020

In Europa haben wir keine Notfall-Zulassung. Die gibt es in Großbritannien, Russland oder den USA.
In Europa haben wir eine "bedingte Marktzulassung" für ein Jahr. Und dafür hat die Prüfung wohl auch ein paar Tage länger gedauert.

Bei der Prüfung geht es letztlich um die Frage: Sind die Vorteile der Impfung deutlich größer als die Nebenwirkungen und mögliche Risiken.

https://www.zdf.de/nachrichten/politik/corona-ema-zulassung-impfstoff-100.html
13.12.20 https://www.spektrum.de/news/die-wichtigsten-antworten-zu-den-corona-impfstoffen/1806929

Raimund Kamm

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21.12.2020

Die Erfahrungswerte sollen wieder mal andere liefern. Wenn alle so denken, dann ziehen auch sie kürzeren.

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