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Fall Ursula Herrmann: Serie zum Prozess
13.02.2009

Der mutmaßliche Entführer will es nicht gewesen sein

ursula
Foto: dpa

Die Entführung und der Tod der zehnjährigen Ursula Herrmann vom Ammersee im Jahr 1981 erschütterte ganz Deutschland. 27 Jahre lang blieb der Fall ungelöst, dann wurde Werner M. verhaftet. Nun beginnt der Prozess gegen ihn.

Von Holger Sabinsky

Eching/Augsburg Der Indizienprozess beginnt mit einem Paukenschlag: Werner M., der mutmaßliche Entführer der kleinen Ursula Herrmann vom Ammersee, wird vor Gericht nicht schweigen. "Er will eine lange Erklärung abgeben und sagen: Ich war es nicht", berichtet sein Augsburger Verteidiger Walter Rubach.

Das ist sehr ungewöhnlich. Meist äußern sich Angeklagte in Indizienverfahren überhaupt nicht. Sie wollen erst gar nicht in Gefahr geraten, sich in Widersprüche zu verwickeln. Doch der Prozess um das spektakuläre Verbrechen vor 27 Jahren ist ganz anders: Es wird ein Kampf mit offenem Visier und mit offenem Ausgang.

Der 58-jährige Werner M. ist angeklagt wegen erpresserischen Menschenraubs mit Todesfolge. Seine Frau Gabriele muss sich wegen Beihilfe verantworten. Beide bestreiten die Tat. Die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Augsburg unter Vorsitz des erfahrenen Richters Wolfgang Rothermel steht vor einer immens schwierigen Aufgabe: Die Richter müssen nach so vielen Jahren entscheiden, ob sie tatsächlich die Entführer vor sich haben. Wenn sie das meinen, dann müssten sie das Ehepaar verurteilen. Wenn es aber Zweifel gibt, dann müssten sie M. und seine Frau freisprechen nach dem Grundsatz: im Zweifel für den Angeklagten.

Die Entscheidung des Gerichts wird viel mit Wertungen, Einschätzungen und Interpretationen zu tun haben. Denn einen handfesten Sachbeweis, eine DNA-Spur oder einen Fingerabdruck gibt es nicht. Was die Staatsanwaltschaft zusammengetragen hat, ist eine Liste von Indizien gegen den mutmaßlichen Haupttäter, darunter folgende:

Alibi: Er habe für die Tatzeit kein Alibi, so die Staatsanwaltschaft.

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Motiv: Werner M. hatte damals Schulden, angeblich 150 000 Mark.

Handwerkliche Fähigkeiten: Als Kfz-Mechaniker und Fernsehtechniker wäre M. in der Lage gewesen, Ursulas Kistengefängnis zu bauen.

Tatortnähe: M. wohnte nur 200 Meter Luftlinie entfernt von den Herrmanns und kannte die Familie.

Fernglas: Am Tatort wurde ein schwarzes Fernglas gefunden. M. behauptete erst, er habe nie ein Fernglas besessen. Später räumte er ein, er habe ein Fernglas gehabt - freilich kein solches wie gefunden.

Zeuge: Ein Bekannter von M. sagte aus, er habe für ihn ein großes Loch im Wald gegraben. Allerdings widerrief der Mann seine Aussage.

Verhalten: Nach Ursulas Entführung zeigte M. laut Staatsanwaltschaft ein ungewöhnlich großes Interesse an dem Fall, hörte auch Polizeifunk ab.

Tonbandgerät: Das wichtigste und aktuellste Indiz der Anklage. Bei einer Hausdurchsuchung im Oktober 2007 fanden Ermittler bei M. ein Tonbandgerät Grundig TK 248. Das Gerät weist nach einem Gutachten signifikante Defekte auf. Es sei "wahrscheinlich", so die Expertin vom Landeskriminalamt, dass dieses Gerät bei den Erpresseranrufen benutzt worden sei.

Telefonüberwachung: Die Ermittler hörten nach der Durchsuchung M.'s Telefon ab. Er sagte zu einem Freund, Ursulas Tod sei "kein Mord" gewesen, sondern "ein Betriebsunfall". Zudem unterhielt sich Gabriele M. mit einem möglichen Mitwisser in der "Wir-Form" über Strafen für eine Entführung.

"In der Gesamtschau der Indizien ist Werner M. dringend tatverdächtig", sagt Augsburgs leitender Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz. Verteidiger Walter Rubach widerspricht: "Es handelt sich - bis auf das Tonband - um eine reine Neubewertung altbekannter Indizien." Rubach hält den Ex-Polizisten Harald W., der fünf Jahre lang Hauptverdächtiger in dem Fall war, für den "weitaus wahrscheinlicheren Täter". Der Verteidiger wird versuchen, jedes einzelne Indiz der Staatsanwaltschaft zu erschüttern.

Das kann sich hinziehen. Am kommenden Donnerstag um 9 Uhr beginnt der Prozess im Augsburger Strafjustizzentrum. Bereits jetzt sind 52 Verhandlungstage angesetzt und rund 200 Zeugen geladen, dazu etliche Sachverständige. Vorerst.

Ursulas Eltern und ihr zehn Jahre älterer Bruder sind Nebenkläger. Von der Schuld des Angeklagten sind sie nicht von vornherein überzeugt. Sie wollen den Prozess abwarten. Ihre Anwältin Marion Zech sagt: "Sie wollen die Wahrheit."

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