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Schulferien

03.09.2019

Familie Furnier verbringt die Ferien daheim - nicht ganz freiwillig

Simon, Sophie und Lukas verbringen ihre Ferien zuhause. Eine Flugreise ist einfach nicht drin.
Bild: Jonas Voss

Plus Nicht jede Familie kann in Urlaub fliegen. Wie die Furniers die letzten Wochen verbrachten und warum Lehrer in Bayern bald traurige Schüler vor sich haben.

Ein Freitagmorgen in den Sommerferien, sieben Uhr. Familie Furnier versammelt sich am Esstisch in der Küche ihres Hauses. Simon und seine Mutter Sonja auf der schmalen Bank, die Kinder Sophie und Lukas auf Stühlen. Auf dem Tisch eine Wurstplatte, Aufstrich, gekochte Eier, Marmeladen und Semmeln. Teetassen dampfen vor sich hin. Labradormischling Ben muss draußen bleiben, der alte Bettler. Die Vier nehmen sich Zeit zu essen, so schnell muss ja auch niemand von ihnen irgendwohin an diesem Tag. Nur die dreijährige Sophie ist ungeduldig. Denn statt zu essen, könnte sie bereits mit ihrer Puppenküche spielen – oder einen ihrer Brüder als persönlichen Animateur auf Trab halten. Lukas ist das jetzt alles zu viel. Er verschwindet in sein Zimmer, sein Teller bleibt leer.

So wie an diesem Freitag beginnen die meisten Tage von Familie Furnier in diesen Sommerferien. Eine Urlaubsreise in der schulfreien Zeit zwischen Ende Juli bis einschließlich 9. September gibt es für sie in diesem Jahr nicht. Weil der Hausumbau viel Geld kostet und das Leben mit drei Kindern sowieso. Familie Furnier ist damit kein Einzelfall.

Selbst Mittelschicht-Familien können sich Urlaubsreisen nicht leisten

Wobei es nicht immer finanzielle Gründe sind, wieso Menschen nicht verreisen: Ein Angehöriger muss gepflegt werden oder das schlechte ökologische Gewissen plagt einen. Auch Familie Furnier aus Adelsried im Kreis Augsburg muss nicht jeden Cent umdrehen, aber sie muss ihre Ausgaben im Blick haben. Die Furniers gehören zur Mittelschicht. Sie sind geradezu typisch für diese. Wer genau nun alles zur Mittelschicht gerechnet wird, das unterscheidet sich zwar je nach Definition.

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Eine Familie mit drei Kindern aber zählt mit etwa 4200 Euro netto Haushaltseinkommen bereits dazu. Das ist für viele gewiss viel Geld. Große Sprünge erlaubt es nicht unbedingt. In Deutschland gilt fast die Hälfte der Bevölkerung als Mittelschicht. Laut Bundesfamilienministerium gaben 2018 jedoch 15 Prozent aller Familien an, sich keine einwöchige Urlaubsreise leisten zu können.

Und so riechen die Sommerferien eben nicht für alle Kinder nach Sonnencreme oder Autan, schmecken nicht für alle Kinder nach Salzwasser. Jede vierte Familie mit Kindern im Grundschulalter hat im vergangenen Jahr gar keine Urlaubsreise unternommen, erklärt das Familienministerium.

Mögen andere Familien unter Palmen schnarchen oder durch angesagte Metropolen hetzen – die Furniers haben sich mit ihren Ferien daheim arrangiert. Mehr noch: Sie haben ihren Garten, Großeltern ums Eck, eine geräumige Werkstatt, ein Haus, das sich über drei Stockwerke erstreckt – und jede Menge zu tun. Ferien daheim. Wenn auch nicht ganz freiwillig. „Wir machen schon manchmal Sommerurlaub, zum Beispiel in Kroatien“, sagt die 43-jährige Sonja Furnier, „aber mit drei Kindern muss man rechnen.“ Eines Tages wolle sie aber mal eine Flugreise machen, einfach mal zehn Tage im Hotel entspannen, „all inclusive“, und sich um nichts kümmern. Das bleibt vorerst ein Traum.

Sonja Furnier aus Adelsried sagt: „Wir machen schon Urlaub, aber mit drei Kindern muss man rechnen.“
Bild: Jonas Voss

Wie überbrückt man nur die Ferienwochen?

Im Unterschied zu anderen Familien in Deutschland. 70 Millionen Urlaubsreisen – definiert als Reisen, die länger als fünf Tage waren – traten die Deutschen nach Angaben der „Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen“ 2018 an. Bei 23 Millionen davon handelte es sich um Familienurlaub.

Und der dauerte, noch mehr Statistik, im Durchschnitt fast 13 Tage und fand zu 66 Prozent in den Sommermonaten statt. Am liebsten verbrachten die Familien dabei übrigens ihren Urlaub in Deutschland. Pro Familienmitglied gaben sie durchschnittlich 778 Euro aus. Für die Furniers würde ein Urlaub also mindestens knapp 4000 Euro kosten. Zu teuer.

Sonja Furnier arbeitet in Teilzeit als Krankenschwester, ohne Nachtschichten. Und auch wenn ihr Mann einen guten Job habe: Hobbys, Lebensmittel, neue Kleidung, Spielsachen, das alles will bezahlt sein. Eine Flugreise war da bisher nicht drin.

Doch wie überbrückt man die Schulferienwochen? Bei den Furniers ist das so: Zu Ferienbeginn fand die 1000-Jahr-Feier von Adelsried statt, der zwölfjährige Simon half bei den Vorbereitungen. Auch bei der deutschen Meisterschaft im Sportschießen in München, die am Montag endete, war er dabei. Eine Woche lang. Er half beim Ablauf der Wettkämpfe, genoss die Atmosphäre, sah viele Bekannte. Seine Großmutter fuhr ihn, denn seine Mutter musste auf seine jüngeren Geschwister aufpassen. In München verbrachte er auch viel Zeit mit seinem Vater. Der Abteilungsleiter bei den Stadtwerken Augsburg opferte einen Teil seines Urlaubs, um sich um die Technik bei den Meisterschaften zu kümmern. Ansonsten arbeitet er am Haus.

Seine Eltern wohnten darin, es abzureißen, kam nicht infrage. Neben Zeit kostet so eine Renovierung, klar, vor allem Geld. Es braucht neue Böden, Wände, Decken, Geräte, Möbel. Simon packt öfters mit an. Wie seine Großeltern – sie sind der Familie eine wichtige Stütze. Sie sei sehr froh, betont denn auch Sonja Furnier, Großeltern direkt in der Gemeinde zu haben. So sei immer jemand da, gerade auch für die Kinder. Die Furniers wissen, dass andere Familien nicht auf die Hilfe von Großeltern bauen können. Weder in der Ferienzeit noch im Alltag.

Ferien daheim: Auch für arme Familien gibt es eine Vielzahl von Angeboten

Wie kommen diese Familien zurecht, wenn Kita oder Schule geschlossen sind. Wer hat schon wochenlang frei? Familien werden hier recht erfinderisch, gezwungenermaßen. Und so nehmen manche Paare versetzt Urlaub, um ihre Kinder betreuen zu können. Ein paar Wochen sie, ein paar Wochen er. Ein gemeinsamer Urlaub fällt dann flach. Auch einen Arbeitgeber, der Ferienkurse oder Kinderbetreuung anbietet, hat nicht jeder. Und private Ferienbetreuungen oder Feriencamps sind mitunter recht teuer.

Vom Bundesfamilienministerium gibt es ebenfalls Angebote, allerdings vor allem für die rund 2,8 Millionen armutsgefährdeten Kinder und Jugendlichen hierzulande: 88 gemeinnützige Familienferienstätten der Bundesarbeitsgemeinschaft Familienerholung richten ihre Angebote speziell an Familien in „belasteten Lebenssituationen“. Um, das ist das erklärte Ziel, diese Familien für den Alltag zu stärken.

Sonja Furnier versucht, möglichst viel Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Sie übt mit der dreijährigen Sophie Schminken, kocht mit dem neun Jahre alten Lukas seine Lieblingsspeisen oder hilft dem zwölfjährigen Simon beim Koffer packen für seinen Ausflug zu den Sportschützen. „Wenn ich einmal Zeit für mich brauche oder den Haushalt mache, dann bin ich froh, wenn die Kinder auch mal allein sein können“, sagt sie. Auf Sophie passt dann einer der Brüder auf. Simon, der Älteste, ist schon recht selbstständig. Er verbringt in den Ferien Zeit mit seinen Freunden auf Radtouren in den nahen Wäldern oder werkelt mit seinem Großvater an irgendeinem Projekt. Lukas mag den Badesee, sein Zimmer und Spaziergänge mit Labradormischling Ben.

Eine Studie arbeitete bereits 2013 heraus, dass Kinder deutlich erhöhte Konzentrations- und Aufmerksamkeitslevel hätten, wenn sie sich nur 20 Minuten pro Tag in der Natur aufhielten. Je mehr Zeit Kinder mit ihren Eltern und Großeltern bei gemeinsamen Aktivitäten verbringen, desto geringer sei auch ihr Stressniveau. Dazu entwickle sich ein kindliches Gehirn besonders gut, wenn es auch in den Ferien durch Spiele und Erlebnisse gefordert wird. So gesehen, sind die Ferien daheim für Familie Furnier etwas Positives. Ein Urlaub im Süden wäre es freilich nicht minder.

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Claudia Keul betreut den Kindernothilfefonds des deutschen Kinderhilfswerks. Er soll es Kindern aus armen Familien ermöglichen, in den Genuss eines Urlaubs zu kommen. Oft seien die Eltern in diesen Familien beruflich derart eingespannt, dass sie kaum Zeit für ihren Nachwuchs hätten, sagt sie. Genau hier setze das Programm mit seinen Angeboten an. Während der Urlaube werde gemeinsam gekocht oder Sport getrieben. „Zu wenig Geld für einen Urlaub zu haben, trifft ja keineswegs nur arbeitslose Eltern“, erklärt Keul. Urlaube seien wichtig, damit Kinder geistig reifen, selbstbewusster werden und auch einmal Stress abbauen. Dabei müsse es keine Reise ans Meer sein, vielmehr reiche schon ein „Tapetenwechsel“. „Wichtig ist, dass Kinder in spielerischen Kontakt mit anderen Kindern und Erwachsenen kommen.“

Bei den Furniers mäandern die Ferienwochen dahin. Müssen die Eltern arbeiten, springen die Großeltern bei der Kinderbetreuung ein. Ansonsten verbringen sie ihre Tage im Garten, am Badesee, mit einem Ausflug in einen Wildtierpark. Oder wie jetzt: Sophie saust mit ihrem Laufrad eine Rampe hinauf und herunter, die schon Simon als Kind benutzte. Lukas spielt im Haus mit seinen Legosteinen. Und Sonja Furnier hat ein paar Minuten Zeit für sich. „Manchmal tut es mir leid, dass wir unseren Kindern nicht jedes Jahr einen Urlaub ermöglichen können“, sagt sie nachdenklich. Sie und ihr Mann erklärten den Kindern, warum das so ist. „Ich kann verstehen, wenn die Großen manchmal murren“, sagt sie.

Ferien seien für Kinder ein Statussymbol, sagt Lehrerin Simone Fleischmann

Simone Fleischmann weiß nur allzu gut, wovon Sonja Furnier spricht. Fleischmann hat in ihrer beruflichen Laufbahn den Trend zu immer teureren Reisen miterlebt. Sie ist Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes und war zwölf Jahre lang Schulleiterin an einer Grund- und Mittelschule in Poing im oberbayerischen Landkreis Ebersberg. „Ein Urlaub am Gardasee gilt heutzutage in manchen Klassen ja schon als gewöhnlich“, sagt sie.

Und spricht ein großes Problem an: „Wir erleben oftmals eine klare soziale Spaltung, gerade in der Grundschule.“ In manchen Klassen gebe es deutliche Unterschiede, was Eltern in den Ferien zeitlich und finanziell für ihre Kinder leisten könnten. Ferien seien für Kinder eines der Statussymbole schlechthin, insbesondere Flugreisen. „Wir Lehrer sind da in den Gesprächen nach den Sommerferien auch gefordert, sodass das Selbstwertgefühl der Kinder nicht leidet.“

Sie selbst und viele ihrer Kollegen, sagt Fleischmann, würden traurige Kinder nach den Sommerferien erleben. Und zwar dann, wenn die Eltern mit ihren Kindern weder im Urlaub waren, noch Zeit für sie hatten. Dabei würden sich Kinder, die mit den Eltern in den Ferien Zeit verbringen und etwas erleben, besser erholen, so Fleischmann. „Die Kinder erinnern sich positiv daran und sind glücklich.“ Materielles sei nicht das Wichtigste im Leben, erklärt die Pädagogin. Das sei auch den meisten Kindern bewusst. „Das Wichtigste ist wirklich gemeinsam verbrachte Zeit, egal ob auf Safari irgendwo in Afrika oder beim gemeinsamen Gassigehen mit dem Hund daheim.“

Sonja Furnier sieht das genauso: Im Leben gebe es nun einmal nicht alles mit einem Fingerschnippen. Zum Leben gehöre Arbeit und Fleiß. „Gut, wenn meine Kinder das so früh wie möglich lernen.“ Auch das Organisieren können die drei von ihr lernen – ohne Planung geht in der Familie nichts. Ein handtaschengerechter Kalender liegt auf dem Küchentisch, in den grünen und weißen Spalten sind in sauberer Handschrift Termine über Termine eingetragen. „Den habe ich immer bei mir“, erklärt die 43-Jährige und lacht. Zur Sicherheit hängt ein Kalender, ganz in Pink, an der Wand neben den Familienbildern. Überall sind Termine eingetragen.

Ganz schön viel los in den Ferien daheim.

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04.09.2019

Wo ist eigentlich das Problem? Die Familie hat ein eigenes Haus, was sie jetzt noch entsprechend umgebaut haben und sparen deswegen etwas. Als meine Kinder klein waren und ich mein Haus noch nicht so lang hatte, war das bei uns ganz genauso, dass man am Urlaub gespart hat. Die Leute, die mit mehreren kleinen Kindern richtig in den Urlaub fahren können haben wohl eher kein Wohneigentum. Nach ein paar Jahren der Einschränkung geht es dann aber wieder leichter und später ist man froh, dass man keine Miete mehr zahlen muss.

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