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Familie
26.10.2020

Pflege der Eltern: Wenn Jugendliche plötzlich erwachsen sein müssen

Lana Rebhan pflegt seit Jahren ihren schwerkranken Vater. Außerdem engagiert sie sich bei den Young Carers, einem Netzwerk von jungen Pflegenden.
Foto: Anand Anders, dpa (Archiv)

Zehntausende Jugendliche in Bayern pflegen ihre Eltern oder andere Angehörige. Eine 16-Jährige erzählt, was das mit ihr und anderen Betroffenen macht.

Lana Rebhan durfte nur acht Jahre lang Kind sein. Die Hälfte ihres Lebens ist sie schon erwachsen – heute ist sie 16 Jahre alt und kümmert sich seit acht Jahren um ihren schwer kranken Vater. Ihre Mutter hält die Familie aus dem unterfränkischen Bad Königshofen mit zwei Jobs finanziell über Wasser. „Herzinfarkte, Schlaganfälle, Koma. Ich habe fast alles mitgemacht, was man sich so vorstellen kann“, sagt Lana Rebhan. Mit ihrem Schicksal ist sie nicht allein, aber fühlt sich doch oft allein gelassen.

Viele Jugendliche in Bayern kümmern sich um ihre Eltern

35.400 Jugendliche in Bayern sind sogenannte „Young Carer“. Darunter versteht man Minderjährige, die den Alltag daheim bereits organisieren müssen, weil sie sich dort um einen kranken Angehörigen, meist die eigenen Eltern, kümmern. Bundesweit liegt die Zahl nach einer Schätzung des Gesundheitsministeriums bei knapp einer halben Million Betroffener. Lana Rebhan sagt: „Ich habe damals nicht die Hilfe gefunden, die ich gebraucht hätte.“ Sie brach nach der achten Klasse die Schule ab und investierte ihre ganze Kraft in das Wohl des Vaters.

Irgendwann reifte in ihr die Erkenntnis: So kann es nicht weitergehen. Sie gründete die Plattform „young-carers.de“, auf der sich Jugendliche mit dem gleichen Problem austauschen und nach Hilfe suchen können. Lana Rebhan holte zudem ihren Schulabschluss nach und macht jetzt eine Ausbildung. „Ich weiß aber: Nicht jeder hat die Kraft dazu“, sagt sie. Viele Betroffene verfallen in Sucht oder Depressionen, einige versuchen, sich das Leben zu nehmen. Die 16-Jährige schildert den Fall einer anderen Jugendlichen, die einen Angehörigen pflegen musste: „Sie hat sich geritzt und beging einen Suizidversuch. Als sie wieder in der Schule war, musste sie jedem einzelnen Lehrer berichten, was mit ihr los war.“

Grüne möchten "Young Carer" in Bayern auf politische Agenda bringen

Aus einer Befragung entsprechender Beratungsstellen ging laut Lana Rebhan hervor: Zwei Drittel von ihnen sind nicht im Bilde über das Phänomen der „Young Carer“ und haben keine passenden Ansätze, sie zu unterstützen. Die Landtags-Grünen möchten die „Young Carer“ daher jetzt auf die politische Agenda setzen und luden Lana Rebhan zu einer Pressekonferenz ein. Bei dieser äußerte sich auch Ralph Knüttel von der Johanniter-Unfall-Hilfe Unterfranken. Er sieht ebenfalls strukturelle Mängel: „Diese Gruppe muss dringend eine Stimme bekommen.“

Knüttel spricht sich für eine Sensibilisierung der Pflegeberater für das Thema aus. „Man muss auch in der Schule ansetzen, Young Carer im Sozialkundeunterricht berücksichtigen und ihnen Ansprechpartner geben“, sagt Knüttel. An einer weiteren Stelle sieht er Handlungsbedarf. Laut Gesetz dürfen nur Kindern und Jugendlichen unter zwölf Jahren Haushaltshilfen zugewiesen werden. Diese Grenze müsse auf 16 Jahre hochgesetzt werden.

Jugendliche in Bayern, die sich um Eltern kümmern, brauchen mehr Hilfe

Knüttel betreut mit „Superhands“ ein Projekt, das im Internet Informationen für Betroffene liefert. Darüber hinaus steht eine ehrenamtlich betriebene Hotline zur Verfügung. „Die nutzen zugegebenermaßen nicht so viele Jugendliche“, sagt Knüttel. „Young Carer“ müssen seiner Meinung nach in Gesellschaft und Politik präsenter werden.

Darin stimmt er mit Lana Rebhan überein. Sie sagt: „Ich habe mich 2018 an die Landtagsabgeordneten in Bayern gewandt. Bis heute ist nichts passiert.“ Die Grünen möchten nun mehrere Anträge einbringen, um die Situation für Young Carer in Bayern zu verbessern.

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