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Ursula-Herrmann-Prozess

26.02.2009

Fehler bei der Spurensicherung

Ursula Herrmann Prozess
2 Bilder
In solch einer Kiste starb Ursula Herrmann. Bild: Wagner

Am zweiten Verhandlungstag im Ursula-Herrmann-Prozess haben zwei der damaligen Ermittler ausgesagt. Dabei wurde deutlich, dass nach dem Fund der Kiste die Spurensicherung fehlerhaft war. Von Holger Sabinsky

Augsburg - Wie ein Mahnmal steht die dunkelgraue Todeskiste im Gerichtssaal. Es ist ein Nachbau der Kiste, in der die kleine Ursula Herrmann nach ihrer Entführung im September 1981 erstickte. Daneben steht ein rotes Kinderfahrrad. Es ist das Rad, mit dem Ursula auf dem Heimweg war, als sie verschleppt wurde.

Die Gegenstände holen das Grauen von damals in die Gegenwart. Der frühere Polizist Franz-Josef B. erzählt als Zeuge die dramatische Geschichte dazu. Er war es, der am trüben Morgen des 4. Oktober die Riegel der Kiste mit einem Spaten geöffnet hat und als Erster in die offenen Augen der toten Ursula blickte. "Sie hat mich direkt angeschaut. Es war ein Schock", sagt er.

Angeklagt, dieses Verbrechen begangen zu haben, ist der 58-jährige Werner M. Er soll die Kleine entführt und in die Kiste gesperrt haben. Seine Frau Elfriede muss sich wegen Beihilfe verantworten. Der pensionierte Polizist B. muss daher nach mehr als 27 Jahren noch einmal berichten: Ursula hat keine Überlebenschance gehabt.

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Trotz eines Belüftungsrohrs habe es keine Luftzufuhr von außen gegeben. Der Täter hätte einen Ventilator einbauen müssen. Die robuste Kiste aus Kiefernholz war über eine Autobatterie mit einer Beleuchtung und einer Sitzbank ausgestattet. Die Ermittler fanden unangetastete Kekse, Schokolade, "Sunkist"-Limonade, Mineralwasser, einen Jogginganzug, ein Radiogerät, einen Plastikeimer und Lesestoff: Comic-Hefte und Schundromane (John Sinclair: Das Grauen lauert überall).

Der pensionierte Polizist beschreibt die Arbeit am Tatort und schnell wird klar, dass in diesem Fall sehr früh gravierende Fehler gemacht wurden. Er habe die Kiste im Boden lassen wollen, um sie von Experten gründlich auf Spuren untersuchen zu lassen, sagt B. Doch das viele Material, das gefunden wurde, schien seinen Vorgesetzten gut genug, um schnell an die Presse zu gehen. B. setzte sich nicht durch: "Ich hatte am Tatort nichts zu sagen, ich war nur Polizeiobermeister."

Werner M.'s Verteidiger Walter Rubach poltert: "Das ist Spurensicherung wie im vorletzten Jahrhundert." Die Ermittler seien sich ihrer Sache viel zu sicher gewesen und hätten jede Vorsicht fahren lassen.

Acht Stunden, nachdem die Kiste gefunden worden war, wurde sie auf einem offenen Lkw abtransportiert. In der Zwischenzeit stand sie offen, viele Reporter waren am Tatort. Alle, die da waren, konnten die Kiste anfassen, erzählt B.

Auch der erste Ermittlungsleiter im Fall Ursula, Joachim S., berichtet in seiner Zeugenaussage von massiven Auseinandersetzungen in der "Sonderkommission Herrmann" um die Bewertung der Spuren. Er habe die Spur Werner M. weiterverfolgen wollen; M. war damals bereits einmal festgenommen, aber wieder freigelassen worden. Andere Ermittler wollten andere Verdächtige verfolgen. Joachim S. zog in dem Machtkampf den Kürzeren und wurde - nur ein Jahr nach Beginn seiner Ermittlungsarbeit - im Oktober 1982 abgelöst. Die Spur Werner M. wurde zunächst nicht mehr weiterverfolgt.

Der Angeklagte Werner M., der die Tat bestreitet, verfolgt die Aussagen ohne äußerliche Regung. Der Kriminalbeamte im Ruhestand sagt über M.: "Er ist egozentrisch, eiskalt und rücksichtslos." Und der Ex-Ermittler berichtet von Details, die gegen den großen, bärtigen Angeklagten sprechen und die bislang nicht öffentlich geworden sind: Am Lüftungsrohr der Kiste sei ein Ledergürtel mit 105 Zentimeter Länge gefunden worden. Daraufhin wurde damals der Hüftumfang des Verdächtigen M. gemessen: 100 Zentimeter. Anhand spezieller Verkrümmungen stellte ein Vertreter des Gürtelherstellers fest, dass die Person, die den gefundenen Gürtel getragen habe, zudem einen kräftigen Hängebauch haben müsse - eine Beschreibung, die auf Werner M. durchaus zutrifft.

Ein weiteres Detail: In einer Ausgabe des Reader's Digest von 1972 wurde über ein Verbrechen in den USA berichtet, bei dem eine Frau verschleppt und in eine Kiste gesperrt wurde - fast eine Blaupause zur späteren Entführung von Ursula. Wie sich herausstellte, hatte die Frau eines Freundes von Werner M. 1972 ein Abo des Reader's Digest.

In einer Verhandlungspause unterhält sich Ermittlungsleiter S. mit Michael Herrmann jun. Der Bruder von Ursula nimmt zum ersten Mal als Nebenkläger am Prozess teil, will sich aber nicht äußern. Vielleicht nach dem Urteil, sagt der Mittvierziger, der zum Zeitpunkt des Verbrechens an seiner kleinen Schwester 18 war.

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