+++ 21 Uhr +++
Soho, der letzte Höhepunkt steht an: Linkin Park. Der Himmel ist apokalyptisch, aber bislang hat's tatsächlich nur kurz geregnet. Dafür musste manche Hoffnung begraben werden. Soundgarden waren unterirdisch dröge, demotiviert, lahm, bääääh. Da hatte eine volle Alternastage bei den Guano Apes deutlich mehr Spaß - und auch mit dem Rumms von Machine Head. Dort trällern jetzt Evanescence pathetisch traurig. Und hier, jetzt, auf ner gut gefüllten Centerstage gibt hoffentlich Hüpffreude. Sonst doch die Flucht nachher zu Lemmy und Motörhead und die letzte Dröhnung, weil: Wenn interessiert schon Marilyn Manson?
+++ 18 Uhr +++
So, helau, es regnet nun, und sich so richtig ein. Aber was soll's, gehört ja auch irgendwie dazu zu Rock im Park. Und wenn dann bitte heute. Die paar restlichen Stunden trägt die Musik auch nass durch. Und wenn Soundgarden und Linkin Park das nicht wert sind? Alle sind ohnehin gerüstet, bunte Regenklamotte allenthalben, und leidlich warm ist's auch. Haben wir schon ganz anderes erlebt hier. Jetzt: Guano Apes und Gossip. Oder doch ein Bierchen vor der Zielgeraden?
+++ 15 Uhr +++
Die Statistik: Zuschauerrekord mit 76.000 verkauften Karten, gut 20.000 mehr als 2011 - immerhin. Die Zahl der Einsätze der Polizei hat allerdings auch um 20 Prozent zugelegt, die Sanitätskräfte waren "gut ausgelastet". Aber es passierte nichts Ernstes, alle Beteiligten sprechen von einem ruhigen Verlauf - bis auf das: zwei Jungs wären fast gestorben, weil ihnen im Zelt wohl kalt war und sie deshalb den grill reingestellt haben. Keine gute Idee: Sauerstoff weg, Securitys fanden die Jungs morgens - eine Stunde später wäre es wohl zu spät gewesen. Ansonsten: Über 3000 Einsätze der medizinischen Dienste inklusive einer Fingeramputation... Der Veranstalter resümmiert: super Veranstaltung! Und hofft auf dacapo nächstes Jahr. Dann vom 7.6. bis 9.6. Wer nicht dabei war: Diesen Freitag gibt es viereinhalbstunden Live-Aufzeichnungen beim BR.
+++ 12 Uhr +++
Die Subways grooven auf der Centerstage und in diesem Moment betreten echte alte Helden die Alternastage: Anthrax, holla! Ob die noch richtig rummsen? Jedenfalls ist hier heute Hort der Härte. Poppigere Centerstage, Kasabian, Gossip, Vorfreude auf Soundgarden. Die Stimmung ist gelassen, wie immer an Tag 3, los ist natürlich schon wieder reichlich. Und bislang hält der Himmel noch immer weitgehend dicht, aber Gewitter sind angekündigt. Na, wollen wir doch mal sehen, ob Nürnberg auch heute wieder trocken bleibt. Doch sollen Linkin Park so oder so "The end" rocken. Gewitter wie gesagt nebenan dann: Machine Head, Motörhead - wohlan: Endspurt!
Was bisher geschah
Samstag war Volksfesttag, das hat bei Rock im Park Tradition. Unabhängig vom Line-Up fällt da ein ganzes Heer an Tagesbesuchern aus Nuremberg (wir übernehmen die liebevolle Aussprache von Metallica Frontman Hetfield beim Triumph am Freitag mal einfach) und Umgebung ein. Nun stelle man sich vor: Das ganze Wochenende ist ja längst ausverkauft – wie voll bitteschön wird’s dann wohl werden am diesjährigen Volksfesttag? Genau. So voll war’s dann auch. Von sehr früh am Nachmittag bis tief in die Nacht: Überall unerschöpfliche Menschenströme. Und das bei prächtigem Festivalwetter: meistens ein bisschen bedeckt, sodass es einem den Schädel nicht wegbrutzelt, aber wohlig warm, erst abends wurd’s ein bisschen klamm, aber da waren die meisten schon ordentlich… - desensibilisiert.
Und wo strömten die Massen hin? Da fällt das Ergebnis in diesem Jahr eindeutiger aus als je. Das Ziel ist die Centerstage, hier steppt der Bär, weil hier in diesem Jahr mal wieder eindeutig der Rock zu hause ist – und noch dazu mit sicheren Stimmungsbringern. Am Samstag war’s perfekt passend zum Volksfest: die große Bierzelt-Sause und dann nebenan eine schrille Achterbahn. Will heißen: Triumphale Tote Hosen als Höhepunkt auf der Centerstage bei ihrem ersten großen Auftritt zum diesjährigen 30. Bandjubiläum und dann eine richtige Abfahrt mit Deichkind auf der Alternastage. Sonst wurde dort übrigens mit Cro und den Beginnern ein bisschen HipHop geboten, ein bisschen tanzbarer Pop mit Mia und Caligula – aber es war immer nur so ein bisschen was los. Und auf der Clubstage rummste es quasi den ganzen Tag, mit Cancer Bats und Axe Wound und As I Lay Dying, sodass auch diejenigen versorgt waren, für die die Toten Hosen Kindergeburtstag sind.
War es dann ja irgendwie auch – wie es das mit Campino immer irgendwie ist. Über den Nachmittag hinweg hatten der Dick Brave und die Dropkick Murphys und vor allem dann auch die irgendwie immer noch funktionierenden Offspring die mächtigen Massen dort schon ins Hüpfen und Schunkeln und Schütteln und Grölen gebracht – da mussten die Hosen nur noch absahnen. Und dass sie das auch wollten, daran ließ Campino von Anfang an keinen Zweifel, verkündete gleich mal, bei ihrem ersten großen Konzert nach zwei Jahren und kürzlich ausgedehnter Wohnzimmer-Tournee zum Jubiläum, sollte es jetzt wieder die große Sause sein: „Wir haben Lust, abzugehen, zu feiern und zu schreien“, schrie Campino, oder so. Und der Platz auch, aber holla!
Stimmgewaltig, tanzfreudig und armreich folgten die Zehntausenden den Hosen durch ihre Karriere. Was mit „Ballast der Republik“ begann, führte bald schon zu „Liebesspieler“, sogar zu „Halbstark“, zuverlässig zu „Bonnie & Clyde“ und „Hier kommt Alex“ und „Alles aus Liebe“, leider auch zu „Draußen vor der Tür“, immerhin auch zu „All die ganzen Jahre“, natürlich zu „Zehn kleine Jägermeister“, zu Covers wie der in diesem fortgeschrittenen Alter längst versöhnlichen Ärzte-Umarmung „Schrei nach Liebe“ – und schließlich sogar noch zu einer Überraschung. Es trat mit auf die Bühne: Bad-Religion-Sänger Greg Graffin. Und zusammen mit Campino sang er natürlich mal wieder den „Punkrock Song“ und das ewige „Hey Ho“ der Ramones. Netter Besuch. Und mal ein zweites Gesicht im Fokus. Denn ansonsten ist die Show der Hosen ja nahezu ausschließlich Campino. Vom und Andi und Breiti sind eben auch da und erledigen ihren Musikauftrag, der Kuddel grölt immerhin ab und an ein bisschen mit, wenn Campino ne zweite, schmutzige Stimme braucht (gestern zu „Draußen vor der Tür“ Kuddel sogar im Mädchen-Schallalla) oder mal wieder irgendwo außer Reichweite der Mikrofone herumturnt.
Macht der mit bald 50 ja immer noch sehr gerne. Rollte mal eben an die hundert Meter auf den Händen der Fans zum Beleuchterturm, kletterte den gute 15 Meter außen hoch, um eine Dose Bier an den Mann am Spot zu übergeben – und natürlich, wo er schon mal da ist, einen Bengalo dort oben zu entzünden und so den Eindruck zu erwecken, als stünde das hier noch alles nah der Straßenschlacht. Ist halt aber Tradition und taugte an diesem Abend für Campino immerhin, mal wieder auf Fußball zu kommen und den Nurembergern eine Niederlage gegen seine jetzt trotz Bengalo-Skandal aufgestiegenen Düsseldorfern zu wünschen. Kennt man ja, wie zum Schluss auch den Kicker-Chor „You never walk alone“. Und worauf man eh auch wetten konnte: Campino würde derjenige sein, der darauf hinweisen würde, dass die heutige dicke Party ja auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände der NSDAP stattfindet. Tat er dann auch, nachdem die Fans im Anschluss an „Schrei nach Liebe“ skandierten „Nazis raus!“. Hach – alles, wie es eben bei einer Hosen-Sause sein muss. Ein irgendwie ernstes Volkfest eben auch.
Die Achterbahn lieferten direkt im Anschluss auf einer schnell überfüllten und drum gleich abgeriegelten Alternastage die Wahnsinnigen von Deichkind. Mit riesigem rollendem Bierfass und Pyramidenhüten und Glitzeranzügen und Schlauchbootfahrt übers Publikum und „Arbeit nervt“ und „Bück dich hoch“ und „Bon Voyage“ und natürlich zum Schluss „Krawall und Remmidemmi“ - ja, freilich: „Lieder geil!“ Das war die Abfahrt des Tages – wenn auch die Fahrgeschäfte noch lange nicht schlossen. Auf der Clubstage noch die guten Opeth und draußen Disco allüberall.