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Bayern

29.05.2019

Freistaat steckt Millionen an Steuergeldern in Luxushotels

Der Infinity-Pool im Hotel Bergkristall in Oberstaufen ist eine der Neuerungen nach einer großen Renovierung 2017/2018. Der Freistaat förderte dieses Projekt mit gut zwei Millionen Euro.
Bild: Michael Huber

Plus Mit einem Sonderprogramm verteilt die Staatsregierung viel Geld an Hoteliers. Die einen verteidigen die Strategie. Die anderen fordern: Schluss damit. 

Da ist zum Beispiel das Hotel Bergkristall in Oberstaufen. Das 4-Sterne-Superior-Haus hat eine Lodge mit 25 "Wohnträumen" gebaut, einen "Ganzjahres-Outdoor-Infinity-Pool" von 20 Meter Länge und 10 Meter Breite und eine "Event-Lodge-Sauna" im Wildpark. Oder das Bachmair Weissach am Tegernsee. Das Luxushotel hat einen 3000 Quadratmeter großen, japanischen Onsen Spa entwickelt und dazu eine Sushi Bar eröffnet.

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Fast 14 Millionen Euro hat der Umbau im Oberallgäu gekostet, knapp sieben Millionen der am Tegernsee. Doch beide Projekte haben eines gemeinsam: Sie wurden mit viel Geld vom Freistaat gefördert. Das Bergkristall mit gut zwei Millionen Euro, das Bachmair mit einer knappen halben Million Euro.

Der Tourismus in Bayern boomt. Die Zahl der Gäste-Übernachtungen ist in den vergangenen 35 Jahren um 150 Prozent förmlich explodiert. Im Jahr 1983 waren es 15,2 Millionen Übernachtungen, im Jahr 2018 bereits 39,1 Millionen. Der Tourismus ist ein entscheidender Wirtschaftszweig. Der will gut gepflegt sein.

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Grüne kritisieren Hotel-Förderung durch den Freistaat

Hinter der großzügigen Förderung für die Hotels steht die "Premium Offensive Tourismus", ein Förderprogramm, das der Landtag 2016 beschlossen hat. 50 Millionen Euro stellt die Staatsregierung über einen Zeitraum von fünf Jahren zur Verfügung. Mit dem Geld sollen vor allem "Ankervorhaben" unterstützt werden, die als Besuchermagnete neue, zusätzliche Gäste anziehen, heißt es. Neben den genannten haben in der Region acht weitere Hotels Zuwendungen in sechs- oder siebenstelliger Höhe erhalten.

Doch über diese üppigen Finanzhilfen vom Staat gibt es jetzt erbitterten Streit. Die Kernfrage: Muss der Freistaat Bayern wirklich Luxushotels mit Millionen an Steuermitteln helfen?

Die Grünen im Landtag meinen: nein. Sie sind massive Gegner des Premium-Programms. Fraktionschef Ludwig Hartmann schimpft: "Es ist absurd, die Relaxtempel der Schönen und Reichen mit Steuermillionen zu pampern. Wer sich solchen Luxusurlaub leisten kann, der ist auch bereit, für besonderen Komfort einen angemessenen Preis zu zahlen." Hartmann würde die Förderung lieber ganz anders einsetzen: "Das Geld, das in den Eisbecken der Komfortsaunen versickert, fehlt zur Förderung allgemeindienlicher touristischer Projekte."

Der japanische Onsen Spa im Hotel Bachmair Weissach am Tegernsee. Das Haus erhielt fast eine halbe Million Zuschuss vom Freistaat.
Bild: Bachmair Weißach

Mit den 16 Millionen Euro Luxusförderung aus den letzten beiden Jahren hätten laut Hartmann gute Busanbindungen in den touristischen Hochburgen und so ein umweltfreundliches und familiengerechtes Urlaubsangebot geschaffen werden können. Der Grünen-Fraktionschef fordert, dass schnell Schluss ist mit der Unterstützung: "Diese Fünf-Sterne-Finanzspritze für Nobelhotels ist fehlgeleitet und muss beendet werden."

Förderprogramm für Hotels: Ministerium verteidigt das Leuchtturm-Projekt

Im zuständigen Wirtschaftsministerium sieht man das alles ganz anders. Das Förderprogramm sei als Leuchtturm-Strategie zu sehen. "Ein qualitativ hochwertiger Tourismusmagnet lockt nicht nur neue und vor allem zahlungskräftigere Gäste an, sondern wertet durch seine Strahlkraft gleichzeitig die lokale Tourismusregion auf", sagt eine Ministeriumssprecherin. Rund 30 Projekte im gehobenen Segment seien bisher unterstützt worden.

Mit der Fördersumme von rund 16 Millionen Euro (11,38 Millionen Euro im Jahr 2017 und 4,95 Millionen Euro im Jahr 2018) seien Investitionen von annähernd 160 Millionen Euro angestoßen worden. "Mit anderen Worten: Ein Euro Zuwendung im Rahmen der Premium Offensive löste knapp 10 Euro Investitionen aus", berichtet die Sprecherin und betont, dass insbesondere im ländlichen Raum und in der Alpenregion Übernachtungsmöglichkeiten im hochwertigen Bereich fehlten.

Der tourismuspolitische Sprecher der CSU-Fraktion, Klaus Stöttner, hält die Förderpolitik des Freistaats für richtig: "Es ist eine Frage der Strategie. Wenn sie mit der Gießkanne verteilen, hat das null Wirkung. Wenn sie auf Leuchtturm-Projekte setzen, zieht der Starke die anderen mit."

Die SPD sieht die Frage etwas differenzierter. Sie verteidigt das Förderprogramm zwar ebenfalls – sie hat es ja auch mit beschlossen. Doch die tourismuspolitische Sprecherin Martina Fehlner warnt davor, die kleineren Betriebe zu vergessen: "Wir müssen in Bayern unbedingt eine Entwicklung zum Zwei-Klassen-Tourismus, bei dem nur die Größeren und Großen der Branche gefördert werden, vermeiden." Daher fordert die SPD, das Förderprogramm auch schon Betrieben ab einer Größe von fünf Betten zu ermöglichen.

So sehen die neuen Zimmer im Hotel Bergkristall in Oberstaufen aus.
Bild: Resort Bergkristall

Dennoch sieht sie das Premium-Förderprogramm positiv – ganz nach dem Motto, wenn man das eine tut, muss man das andere nicht lassen: "Natürlich polarisiert das Programm, aber das Geld wäre ja stattdessen nicht in Kitas, den Straßenbau oder in die öffentlichen Schwimmbäder geflossen."

Tourismus in Bayern erhält große Konkurrenz aus Österreich

Die Hotelbetreiber selbst führen vor allem zwei Argumente für die Förderung ihrer Häuser ins Feld: Sie stärken mit ihren Investitionen die Wirtschaftskraft in ihrer gesamten Region. Und sie müssen sich der österreichischen Konkurrenz erwehren, die vom Staat noch deutlich mehr unterstützt werde. Hans-Jörg Lingg, mit seiner Frau Inhaber des Bergkristall in Oberstaufen, erzählt, dass sein Haus sich in mehr als 50 Jahren von Bauernhof zu einem der führenden Hotels im Allgäu entwickelt habe. Dafür waren mehrere gravierende Umbauten nötig.

Das Bergkristall ist in Familienbesitz, Investoren sind nicht an Bord. "Ohne Fördermittel wären die Erweiterungen nie möglich gewesen" , sagt Lingg. Beim letzten Umbau habe er 80 Prozent der Handwerker aus einem Umkreis von 50 Kilometer beauftragt. Zudem trage er mit seinen Ausbauten dazu bei, dass Touristen in der Region bleiben. Und überhaupt: "Wir geben das Geld über die Steuern ja wieder zurück."

Sein Kollege Korbinian Kohler vom Bachmair Weissach am Tegernsee argumentiert ähnlich. Auch er hätte den japanischen Spa und die Sushi Bar ohne das Geld vom Freistaat nicht gebaut. Er verweist auf die große Konkurrenz aus Österreich. "Der Wettbewerb ist völlig verzerrt." Bei den staatlichen Förderungen lägen Welten zwischen den österreichischen Kollegen und den bayerischen. Zusätzlich sei im Nachbarland die Mehrwertsteuer auf Speisen und Getränke immer noch niedriger als in Deutschland. Zur Kritik an den Fördermillionen sagt Kohler: "Ich sage immer, dass Luxushotels die sozialsten Einrichtungen sind, die es gibt. Hier findet eine Umverteilung von oben nach unten statt." Viele Mitarbeiter und lokale Betriebe bekämen Arbeit, die sie sonst nicht hätten.

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30.05.2019

Hier haben wir eine Erklärung für den Absturz der sog. Volksparteien - denn sie sind nicht mehr die Parteien für das Volk!
Eigentlich ein Straftatbestand - nach der primitiven Meinung eines "Deutschen-Michel-Laien" - denn sie lassen sich als Vertreter des Souveräns wählen und tun dann ihre Arbeit nicht?
Den Ehrgeiz, den die Volksvertreter entwickeln um den Unternehmen zu noch mehr Profit zu verhelfen (gibt ja auch mehr nicht veröffentlichte Parteispenden) und der z.B. Autoindustrie zu helfen die Umwelt und das ganze Volk zu betrügen - den würde ich gerne mal im Einsatz für soziale Gerechtigkeit sehen.

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