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Ukraine erobert weitere Orte im Süden des Landes zurück
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Fußball-WM 2018
15.06.2018

Auftaktsieg - so leben und feiern Russlanddeutsche in der Region

Grund zum Jubeln: Russlanddeutsche Fans feiern im Augsburger Univiertel den 5:0-Sieg Russlands gegen Saudi-Arabien
Foto: Ulrich Wagner

Russland oder Deutschland - für wen schlägt ihr Herz bei der Fußball-WM? Eine Geschichte über Einwanderer, die keine sein wollen.

Russisch? Deutsch? Beides, hat sich der Fahrer des roten Mercedes offensichtlich gedacht und auf seine Tür ein deutsches und auf die Beifahrertür ein russisches Fähnchen gesteckt. 20 Minuten sind es noch bis zum ersten Anpfiff bei der Weltmeisterschaft, und der Wagen steuert schnurstracks auf den Bahnhof im Augsburger Stadtteil Oberhausen zu. Dort auf dem Vorplatz bietet ein Lokalbetreiber Public Viewing an. In hohem Tempo rauscht der Mercedes – dran vorbei.

Und nicht nur er. Als in Moskau die Mannschaften Russlands und Saudi-Arabiens das Spielfeld betreten, stehen in Augsburg exakt sieben Menschen vor der Leinwand. Russland-Fans, zu Hunderten eingehüllt in weiß-blau-rote Fahnen? Fehlanzeige. Der Augsburger Fußballfan mit russischen Wurzeln und entsprechender Sympathie für die dortige Nationalelf genießt im eigenen Wohnzimmer oder bei Freunden den 5:0-Auftaktsieg. Und in einer Cocktailbar im Univiertel namens „Mr. Onions“, wo drei Dutzend Gäste ihr Glück kaum fassen können. Viel mehr Öffentlichkeit gibt es nicht an diesem Abend. Eine erste vorsichtige Erkenntnis?

37.810 Russen leben nach Angaben des Statistischen Landesamtes in Bayern – und vermutlich rund eine halbe Million „Deutsche aus Russland“, wie es offiziell heißt. Wie leben sie, was ist ihre Identität? Wie bezeichnen sie sich selbst? Als Russen? Deutsche? Deutschrussen? Russlanddeutsche? Und spielt das eine Rolle?

Für Evelyn Sprengler überhaupt nicht. „Meine Freunde ziehen mich zwar manchmal mit meinen russischen Wurzeln auf, aber das ist nur Spaß“, sagt die 18-Jährige. Sie ist in Augsburg geboren, im Univiertel aufgewachsen, spricht perfekt deutsch, geht hier auf die Fachoberschule und hat einen deutschen Pass. Und doch gilt sie als Russlanddeutsche. Weil sie zu Hause russisch spricht. Weil ihre Eltern Mitte der 90er Jahre aus Usbekistan nach Bayern kamen und hier als sogenannte Spätaussiedler die deutsche Staatsangehörigkeit bekamen.

Im Pass stand der Zusatz „deutsch“

An Evelyns Familiengeschichte lassen sich einige Jahrhunderte russischer Historie nacherzählen. Von Zaren und Kaisern, die deutsche Offiziere, Arbeitskräfte oder Siedler anwarben. Von Deutschen, die die Einladung annahmen oder vor Hungersnöten in den Osten flohen. Vom Leben einer deutsch sprechenden Minderheit, die erst willkommen, dann geächtet, unterdrückt und vertrieben wurde. Und schließlich vom Zusammenbruch der Sowjetunion und der Rückkehr Hunderttausender nach Deutschland, die in ihrem Pass den Zusatz „deutsch“ stehen hatten.

Nach Bayern kamen Mitte der 90er Jahre mehrere Zehntausend Spätaussiedler jährlich – viele in der Hoffnung, im Land ihrer Vorfahren erfolgreich, wohlhabend, glücklich zu werden. Der Großteil landete jedoch zunächst in Sozialsiedlungen, war von Integrationshilfen des Staates abhängig, fand nur schwer Anschluss an die deutsche Bevölkerung. Es bildeten sich Parallelgesellschaften – Stadtviertel, in denen mehr russisch als deutsch gesprochen wird, in denen Fahrschulen den „Führerschein auf russisch“ anbieten und Supermärkte fast ausschließlich russische Produkte.

Gesalzene Fische. „Ganz wichtig!“, sagt Helena Zulauf und lacht. Und eingelegte Tomaten. Gefüllte Teigtaschen und Bonbons – jedes einzeln in buntem Glitzerpapier verpackt. Tausende. Zwei ganze Regale voll. „Die Russen mögen das“, sagt Zulauf und blickt aus dem kleinen Büro in„ihren“Mix-Markt. Sie leitet zwei dieser auf russische Produkte spezialisierten Läden in Augsburg. Einen dritten betreibt ihr Neffe. Das Geschäft läuft gut, sagt sie. Schon immer. Bereits als 2004 der erste Markt eröffnet wurde, sei der Andrang groß gewesen.

Das Augsburger Univiertel trägt den Beinamen „Klein-Moskau“

Wenig verwunderlich, trägt das Univiertel aufgrund der Bewohnerstruktur im Volksmund doch den Beinamen „Klein-Moskau“. Auch 25 Jahre nach der großen Zuwanderungswelle aus der ehemaligen Sowjetunion leben hier noch viele der nach Augsburg gekommenen Russen. „Früher war der Supermarkt auch ein Treffpunkt für die Menschen aus Russland. Da wurde in den Gängen viel geredet, gelacht, diskutiert“, erzählt Helena Zulauf mit deutlich hörbarem Akzent.

Sie selbst kam 1996 mit 26 Jahren nach Deutschland. In Kasachstan geboren, hatte sie zuletzt in Jakutien gelebt – dort habe es fast keine Arbeit und kaum Perspektiven gegeben. Der Traum von einem besseren Leben und das Angebot der Bundesrepublik, Nachfahren von in der Sowjetunion verfolgten Deutschen die deutsche Staatsangehörigkeit zu geben, brachten sie und ihre Familie schließlich nach Augsburg. Dort lernte sie Deutsch, die vielen Landsleute in der Stadt erleichterten ihr die Eingewöhnung.

Graffiti im Univiertel in Augsburg. Da kann man schon die Frage stellen: Was ist hier eigentlich Heimat?
Foto: Ulrich Wagner

2017 wurde noch ein Mix-Markt in der Stadt eröffnet. Längst kämen nicht mehr nur Russen zum Einkaufen. „Wir sind immer internationaler geworden“, sagt die 47-Jährige. Der Supermarkt hat seine Bedeutung als Treffpunkt der Russlanddeutschen offenbar verloren. Zulauf wertet das als ein Zeichen dafür, dass ihre Landsleute mittlerweile „angekommen“ seien.

Es ist Samstagnacht, kurz nach 1 Uhr. Vor der Eingangstür des Club Nightlife in Senden (Landkreis Neu-Ulm) stehen knapp ein Dutzend Partygäste im schummrigen Licht der Straßenlaterne und warten geduldig auf den Einlass. Von drinnen dröhnt der Bass der Musikanlage. An diesem Abend findet hier die „Black and Russian“-Party statt. Zu hören gibt es ausnahmslos Black-Music und Russian House. Bei den Gästen, die sich auf der Tanzfläche drängen, kommt vor allem Zweiteres gut an. Jedes Mal, wenn DJ Prezzplay Lieder von Musikern wie DJ Vitalik Vitamin spielt, singen die Partygäste mit. In Moskau, sagt ein Besucher, sei das sehr angesagt. Auf Russisch ruft der DJ immer wieder ins Mikrofon und stachelt die Leute an. Aus der feiernden Menge hallt es auf Russisch wider. Am Rand der Tanzfläche sitzen in kleinen Logen junge Männer in weißen Hemden und beobachten das Treiben auf der Tanzfläche. Auf vielen Tischen stehen Wodka-Flaschen. Einige davon sind fast leer. An den Wänden hängen Plakate und laden in kyrillischen Buchstaben zu den Partys der nächsten Monate ein.

Helena Zulauf betreibt einen auf russische Produkte spezialisierten Supermarkt in Augsburg.
Foto: Michael Böhm

Draußen stöckeln zwei junge Frauen Richtung Parkplatz. Sie brauchen ein bisschen Pause vom Tanzen und frische Luft. Irena Vasilev, 28, und Alissa Belan, 27, sind in Kasachstan geboren und leben heute nahe Memmingen. „Bei uns haben mittlerweile alle Russendiscos zu, deswegen kommen wir ab und zu hierher“, erklärt Vasilev. Belan fügt an: „Es ist einfach schön, dass hier unsere Musik läuft.“

Mit zwölf Jahren kamen sie nach Deutschland. Bei beiden erhofften sich die Eltern eine bessere Zukunft. Doch der Anfang in der neuen Heimat war nicht leicht. „Absolut nicht“, sagt Irena Vasilev mit Nachdruck. „Wenn du als Ausländer in eine Klasse voller Deutscher gesteckt wirst und die Sprache nicht sprichst, findest du keine Freunde.“ Es habe lange gedauert, bis sie Anschluss gefunden habe. Mittlerweile fühle sie sich aber gut integriert. Bei der Fußball-WM feuert sie die russische Mannschaft an. Und die deutsche. „Schließlich leben wir ja in Deutschland. Da müssen wir unser Team auch unterstützen.“

Russland, Deutschland – was ist Heimat? Und wann fühlt man sich integriert? Integration – ein Wort, das Juri Heiser nur ungern verwendet. Er spricht lieber vom Prozess des „Einlebens“. Im Fall der Russen aus Deutschland sei dieser schon weit fortgeschritten und in spätestens 20 Jahren großteils abgeschlossen, glaubt er. Heiser tut viel dafür. Er engagiert sich in der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland und vertritt deren Belange auch im Augsburger Stadtrat. Dort sitzt er seit 2011 für die CSU. Der 63-Jährige ist 1991 aus Kasachstan nach Deutschland gekommen und stieß auf Probleme, die viele Einwanderer damals hatten und noch heute haben. In Russland machte er eine Ausbildung zum Maschinenbautechniker, studierte eine Art Betriebswirtschaftslehre. „In Deutschland wurde das Studium aber nicht anerkannt“, erzählt Heiser. Ihm kam seine technische Ausbildung zugute. Er schaffte es, einen Job bei MAN zu bekommen. 24 Jahre lang arbeitete er schließlich für den Maschinenbauer, war in Augsburg unter anderem für den osteuropäischen Markt zuständig. Heute ist er für die Regierung von Schwaben in der Verwaltung der Gemeinschaftsunterkünfte für Flüchtlinge tätig.

Einer sagt: Ich liebe Russland. Aber ich bin kein Putin-Fan

Längst ist Deutschland zu seiner Heimat geworden. Gleichzeitig sagt Heiser: „Ich liebe Russland.“ Obwohl das Land seinen Vorfahren Schlimmes angetan hat. Obwohl er dorthin nicht wieder zurück möchte. Obwohl er „kein Putin-Fan“ sei.

Letzteres sei unter Russlanddeutschen keine Selbstverständlichkeit, sagt Heiser. Seit geraumer Zeit gebe es gerade unter Jüngeren die Tendenz, den russischen Präsidenten zu verehren. „Er regiert, entscheidet, bietet den USA die Stirn und reitet mit nacktem Oberkörper durch die Wildnis. Das finden viele gut“, erzählt Heiser. Gleichzeitig gebe Angela Merkel das Bild einer schwachen Politikerin ab. Das störe viele. In der Vergangenheit gingen mehrfach und bundesweit Russlanddeutsche auf die Straße und protestierten gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung.

Einwanderer demonstrieren gegen Einwanderer? Paradox, wofür es jedoch Gründe gibt. Viele Russlanddeutsche fühlen sich nicht als Einwanderer, sondern als Rückkehrer. Viele von ihnen haben das Gefühl, dass sie bei ihrer Ankunft in den 90er Jahren auf sich alleine gestellt waren, während die Flüchtlinge heute deutlich mehr Unterstützung erhielten. Viele würden „die schnellen gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Zeit als bedrohlich empfinden“, erklärt Reiner Erben, Migrationsreferent im Augsburger Rathaus. „Das macht die Deutschen aus Russland ganz aktuell zur Zielgruppe politisch extremer Anwerbebemühungen mit ihren simplen Appellen, einfachen Lösungen komplexer gesellschaftlicher Zusammenhänge und völkischen Parolen.“ In Augsburg leben gut 73.500 Menschen mit Migrationshintergrund, davon kommen mehr als 20.000 aus der ehemaligen Sowjetunion. Im Univiertel holte die AfD bei der Bundestagswahl 22,2 Prozent der Zweitstimmen.

Davon abgesehen sagt Erben: „Für die große Mehrheit gilt, dass die Integration in die Stadtgesellschaft gut gelungen ist.“ Bei den älteren Russlanddeutschen gehe man zwar davon aus, dass viele auf staatliche Unterstützung angewiesen seien. Bei den jüngeren aber, im schulischen und beruflichen Bereich, seien kaum mehr Unterschiede zur Bevölkerung ohne Migrationshintergrund zu erkennen. Auch das Univiertel habe sich im Laufe der Jahre verändert. Die „Durchmischung“ habe zugenommen.

Evelyn Spengler ist mit ihrer Familie von dort weggezogen. Die Schülerin kommt dennoch regelmäßig zurück und trifft sich mit Freunden. Der Großteil hat ebenfalls russische Wurzeln. „Man kennt sich eben, ist gemeinsam aufgewachsen“, sagt die 18-Jährige. Wenn sie mit ihnen redet, sei das meist eine Mischung aus Deutsch und Russisch. Wenn einem ein bestimmtes Wort nicht einfalle, wechsle man eben in die andere Sprache. „Das klingt dann ab und zu ganz lustig.“

Für die Fußball-WM interessiert sie sich nicht besonders. Völlig daran vorbeikommen aber werde wohl auch sie nicht, sagt sie. Sie drückt auf jeden Fall Deutschland die Daumen. Und Russland. Hat schon mal gut geklappt, beim 5:0.

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