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"Failnight" in München

20.02.2015

Ganz schön gescheitert: Menschen berichten über Misserfolge

Bei der ersten Münchner Failnight erzählten Menschen von ihrem Scheitern - und 150 Leute im Muffatcafé hörten zu.
Bild: Irmengard Gnau

Bei der ersten Münchner „Failnight“ berichten Menschen über ihre Misserfolge. Fürs Publikum ist das erkenntnisreich, sogar motivierend – und durchaus unterhaltsam.

Man sieht es den vier Referenten an, dass es sie doch ein wenig Überwindung kostet, den vielen Fremden vor der Bühne ihre Geschichte zu erzählen. Auch Heimo Tscherne atmet einmal tief durch, bevor er zu sprechen beginnt. Dann aber sprudelt es geradezu aus ihm heraus. Es ist die Geschichte seines Scheiterns.

Tscherne hatte sein Projekt gut vorbereitet. Dachte er. Als Kommunikationsberater und Blogger, der sich mit Spirituosen auskennt, wollte der 35-Jährige über das Internet eine Tauschbörse für Heimbar-Besitzer eröffnen. Er schuf eine Plattform, informierte seinen Bekanntenkreis, bewarb sein Projekt in sozialen Netzwerken. „Ich war der Meinung, das ist eine tolle Idee“, erzählt Tscherne, „aber am Ende war ich der einzige Teilnehmer“. Seine Geschäftsidee scheitert. „Das hat an meinem Selbstbewusstsein gekratzt“, gibt er zu. „Ich war überzeugt, ich kann das.“

Was bewegt Menschen dazu, ihre größten persönlichen Niederlagen vor anderen auszubreiten? Ist es nicht ganz schön peinlich, zuzugeben, dass man keinen Job hat, dass die Firma insolvent ist oder die Beziehung in die Brüche geht? Anderen Menschen passiert so etwas doch nicht, auf der Straße und in sozialen Netzwerken zeigt doch jeder, wie erfolgreich er ist. Gerade in einer Stadt wie München, der oft ein Hochglanzbild anhaftet, kann dieser Eindruck leicht entstehen.

"Failnight": Vom Zerbrechen der Familie bis zur Insolvenz

Darum sei es umso wichtiger, deutlich zu machen, dass jeder einmal hinfällt, sagt Sabine Sikorski. Die PR-Beraterin und Bloggerin hat die Veranstaltung mit drei weiteren Mitstreitern organisiert. „Wenn jemand scheitert, wird das oft damit in Verbindung gebracht, dass er es nicht drauf hat, dass er ein Verlierer ist“, sagt Sikorski. „Es ist mit einem gewissen Stigma verbunden. Doch wenn wir ehrlich sind, klappt immer mal etwas im Leben nicht, ob es nun eine Prüfung ist, das Privatleben oder eine Geschäftsidee.“ Auf der ersten Münchner „Failnight“ (engl. to fail, scheitern) erzählen an diesem Abend zwei Frauen und zwei Männer in lockeren Worten, woran sie ganz persönlich gescheitert sind – vom Zerbrechen der Familie bis zur Insolvenz. Dass sich Unternehmensgründer und Business-Leute über misslungene Projekte austauschen, hat in Mexico City und einigen europäischen Städten schon Tradition. Die sogenannten „Fuck-up-Nights“ finden inzwischen auch in Deutschland Zulauf, beziehen sich aber meistens rein auf berufliche Pannen. Als Sikorski im einen Zeitungsbericht über eine „Fuck-up-Night“ in Düsseldorf las, war sie schnell begeistert: „Ich habe mich gefragt: Warum gibt es das in München noch nicht?“ Der Startschuss für die „Failnight“ war gefallen.

Die Idee kommt an: Rund 140 Neugierige sind ins Muffatcafé im Stadtteil Haidhausen gekommen und lauschen nun gespannt Annette Rinn. Sie führt ein kleines Planungsbüro in Nürnberg, als die Insolvenz sie überrascht. „Auf einen Schlag war alles weg, mein Büro, meine Familie, meine Altersvorsorge“, erzählt Rinn. Leises Schlucken im Publikum. Auch Rinn hält kurz inne. Dann fährt sie fort, berichtet, wie sie lernte, in der Niederlage neue Möglichkeiten zu entdecken. Zum Beispiel die Chance, sich zu entschleunigen.

Stimmung bei "Failnight" in München ist wohlwollend

Die Stimmung ist spürbar wohlwollend. Es wird viel gelacht, nach jedem Vortrag gibt es Applaus und interessierte Fragen. „Ich finde es toll, dass die sich trauen, einfach so von ihrem Scheitern zu erzählen“, sagt eine Zuhörerin. Auch als Tscherne endet, applaudieren die Gäste. „Man redet viel zu oft über Erfolge, wir sollten auch unsere Misserfolge teilen“, meint der 35-Jährige. Aus einer Niederlage lässt sich lernen, wie es beim nächsten Versuch besser wird, diesen Schluss haben die Geschichten gemein. Für Tscherne heißt das: „Ich habe erkannt, dass meine Idee zwar sympathisch war, aber nicht realistisch.“ Für die Zukunft will er sich einen „Ideenfilter“ anlegen, der die gedankliche Spreu vom Weizen trennt.

Den Zuhörern gibt die Veranstaltung neben der Ermutigung, dass sie mit ihren Negativerfahrungen nicht allein sind, auch praktische Tipps mit in die kalte Münchner Nacht. Einerseits, wie man das Selbstwertgefühl wieder aufbauen kann, andererseits, wo es Antworten gibt, etwa im Fall einer drohenden finanziellen Pleite beim Gesprächskreis der Anonymen Insolvenzler.

Tschernes ganz persönliches Fazit des Abends lautet: „Nicht jede Schnapsidee ist grundsätzlich schlecht.“ Mit einem überarbeiteten Konzept soll sein Heimbar-Tausch jetzt gelingen.

Ob die „Failnight“ in München eine Fortsetzung finden wird, will Veranstalterin Sikorski erst noch entscheiden. Referenten für eine zweite Runde haben sich jedenfalls bereits gemeldet.

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