Newsticker
Bundesverfassungsgericht: Corona-Demo in Stuttgart bleibt verboten
  1. Startseite
  2. Bayern
  3. Gefangen in einer toxischen Beziehung? Was Betroffene tun können

Toxische Beziehung

02.04.2021

Gefangen in einer toxischen Beziehung? Was Betroffene tun können

Beziehungen können zu einem kräftezehrenden Teufelskreis aus Schuld, Unsicherheit und Manipulation werden – doch nicht nur Liebesbeziehungen können toxisch sein.
Foto: Christin Klose, dpa (Symbolbild)

Plus Auch Beziehungen, die harmonisch beginnen, können dramatisch verlaufen. Expertinnen erklären, welche Dynamiken dahinter stecken und geben Tipps für Betroffene.

Der Chef, der sagt: "Ich bin hier der Einzige, der noch hinter Ihnen steht." Die Freundin, die einen mit ihren Sprüchen immer wieder degradiert. Oder der Ehemann, der seit Jahren nicht nur mit Worten Gewalt anwendet. Toxische Beziehungen, also dysfunktionale Beziehungen, die für Betroffene wie Gift sind, finden sich nicht nur im Liebesleben.

"Ich dachte für drei Tage, es wäre die beste Beziehung meines Lebens"

"Schon vor der Beziehung ist ein Kumpel meines späteren Freundes auf mich zugekommen und meinte: Bist du dir sicher, dass du das machen willst? Er kann sehr besitzergreifend sein", erzählt im Gespräch mit unserer Redaktion eine junge Frau aus dem Allgäu, die anonym bleiben möchte. Was folgte, bezeichnet sie als die schlimmste Zeit in ihrem Leben: psychische Manipulation, Affären, Lügen, physische Gewalt. Und dabei ständig das Gefühl, selbst Schuld an der Misere zu tragen: "Ich dachte damals, dass ich der eifersüchtigste Mensch der Welt bin." 

Immer wieder kam es zu Abbrüchen und Neustarts der Beziehung: "Ich dachte für drei Tage, es wäre die beste Beziehung meines Lebens. Danach ging alles wieder von vorne los." Im Nachhinein kann die junge Frau nicht wirklich verstehen, warum sie das alles mitgemacht hat. "Ich dachte, er wäre meine große Liebe. Man denkt, es geht nicht ohne einander." Heute – mehr als zwei Jahre nach der Trennung – kann sie mit Distanz auf das Geschehene blicken. Aber Spuren hat das Erlebte dennoch hinterlassen. "Toxische Beziehungen können durchaus traumatisierend sein", sagt sie. "Ich glaube, dass es mir jetzt schwerer fällt, in einer Beziehung eine Vertrauensbasis aufzubauen und mich emotional fallen zu lassen."

Tara Louise Wittwer: "Ob eine Beziehung toxisch ist, ist mitunter total subjektiv"

Die Influencerin Tara-Louise Wittwer kennt sich aus mit toxischen Beziehungen: Sie gibt Coachings und klärt auf Instagram über das Thema auf. "Es ist erstaunlich, wie stark dieses Thema die Menschen gerade interessiert. Aber je mehr Leute darüber aufgeklärt werden, desto besser", sagt Wittwer. Zur Hochkonjunktur des Begriffs hätten auch soziale Medien beigetragen, meint sie: "Früher hat man sich eher geschämt, wenn man in einer solchen Beziehung gefangen war und wollte seinen Freundinnen vielleicht nicht davon erzählen. Durch Social Media ist das heute anders. Es wird viel über mentale Gesundheit gesprochen, und es gibt viel kostenlose Aufklärung."

Wittwer betont, dass toxische Beziehungen nicht nach fixen Schemata als solche erkannt werden können: "Ob eine Beziehung toxisch ist, ist mitunter total subjektiv: Was die eine als verletzend oder verunsichernd empfindet, tut der anderen noch gar nicht weh." Dennoch gebe es bestimmte pathologische Muster, die als Warnsignale für eine toxische Beziehungen gelten können. Als Schlagworte nennt die Influencerin die Begriffe Gaslighting (wörtlich: Gaslichten), Walking on Eggshells (auf Eierschalen gehen) und Guilt-Tripping (sich auf einer Schuld-Reise befinden, oder: jemanden auf eine Schuld-Reise schicken).

Warnsignale in der Beziehung: Gaslighting, Walking on Eggshells und Guilt-Tripping

Gaslighting meint die gezielte Manipulation, Verunsicherung oder Desorientierung einer Person, Walking on Eggshells beschreibt das Gefühl ständiger Unsicherheit in einer Beziehung. Ein Guilt Trip ist hingegen ein unberechtigtes Schuld- oder Verantwortungsgefühl, das von einer anderen Person gezielt hervorgerufen wird. Die englische Terminologie werde wegen eines Mangels an deutschen Begriffen verwendet, erklärt Wittwer: Als sie selbst vor Beginn ihrer Coching-Karriere realisierte, dass sie in toxischen Beziehungen gefangen war, "gab es im Deutschen nicht so viel, was man darüber lesen konnte."

Narzissmus und Depressionen sind häufig der Treibstoff für giftige Beziehungen

Die Münchner Psychotherapeutin und Autorin des Buches "Und das soll Liebe sein?", Bärbel Wardetzki, beleuchtet das Phänomen der toxischen Beziehungen aus psychologischer Perspektive: "Toxisch kann man Beziehungen nennen, in denen zwei Menschen auf zerstörerische Art miteinander verbunden sind." Kennzeichnend für solche giftigen Liebesbeziehungen sei oft ein fehlendes Wir-Gefühl und dass die Paare versuchen würden, eine Rolle zu spielen. "Die Partner sind dann oft nicht sie selbst, sondern finden sich eher darin, die Erwartungen des anderen zu erfüllen – und verhaken sich dadurch", so die Psychotherapeutin.

Bärbel Wardetzki arbeitet als Psychotherapeutin in München. Ihr Buch : "Und das soll Liebe sein?" handelt auch von toxischen Beziehungen.
Foto: Maik Kern, dpa

Wardetzki sieht einen engen Zusammenhang zwischen toxischen Beziehungen und psychischen Pathologien. Vor allem narzisstische Persönlichkeiten seien disponiert dafür, Beziehungen toxisch zu gestalten. "Häufig finden sich auch ein grandioser Narzisst und ein Komplementärnarzisst zusammen": Während ein grandioser Narzisst sich für durchweg großartig halte, übernehme der sogenannte Komplementärnarzisst die Rolle des minderwertigen Partners, der sich den Wert seines Gegenübers für seine eigenen Bedürfnisse entlehnt.

Wardetzki: "In toxischen Beziehungen zeigen meist beide Partner giftige Verhaltensweisen"

Dabei müsse es sich aber nicht immer um narzisstische Persönlichkeitszüge handeln, die das Gift in die Beziehung bringen – auch Depressionen könnten zu dysfunktionalen Dynamiken führen: "Denn wenn jemand schwer depressiv ist, bekommt der Partner emotional von dieser Person sehr wenig", so Wardetzki.

Täter und Opfer seien in toxischen Beziehungen auch meist nur schwer auszumachen, so die Therapeutin: "In der Regel sind beide Parteien beteiligt. In toxischen Beziehungen zeigen meist beide Partner giftige Verhaltensweisen." Dennoch sei für beide Seiten therapeutische Hilfe häufig sinnvoll: "Wenn ich merke: Irgendetwas in mir scheint meinem Partner zu schaden oder ihn kontrollieren zu wollen, oder wenn ich feststelle, dass ich unter einer Beziehung leide, ist die Frage: Schaffe ich es alleine oder brauche ich Unterstützung?" Vor allem für Menschen, die selbst toxisch sind, sei professionelle Hilfe oft angebracht: "Ich befürchte, dass die meisten da Unterstützung brauchen", so Wardetzki.

Paarberaterin Röger-Emerich: "Festgefahrene Beziehungen gibt es schon immer"

Auch wenn momentan viel über toxische Beziehungen gesprochen und aufgeklärt wird – neu ist das Thema keineswegs: "Festgefahrene, für die Partner wenig hilfreiche Beziehungen gibt es schon immer. Solche Problematiken sind bereits in der griechischen Mythologie angelegt", sagt Christa Röger-Emerich, die für die Augsburger Diakonie als Paarberaterin tätig ist.

Von toxischen Beziehungen spricht Röger-Emerich in ihrer Arbeit in der psychologischen Beratungsstelle allerdings nur ungern. Denn eine solche Diagnosestellung sei bei der Entschärfung festgefahrener Beziehungen wenig hilfreich: "Wenn man von einer toxischen Beziehung spricht, hört es sich so an, als wäre die Lage aussichtslos, und oft ist damit auch die Vorstellung verbunden, dass es sich nur um einen toxischen Partner handelt", so die Paarberaterin. Auch sei es grundsätzlich problematisch, dem Partner psychische Krankheiten zu unterstellen: "Wenn dem Partner Diagnosen gestellt werden, hat man die Solidarität für den anderen aufgegeben."

Wenn Stress zu Gift wird – und wie Partner aus der Negativschleife kommen können

Für Röger-Emerich kommt das Gift vor allem über die Stressverarbeitung der Partner in die Beziehung: In Konfliktsituationen oder wenn die Partner sich in angespannten Lebensphasen befinden, würde auf erlernte Verhaltensweisen zur Bewältigung von Stress zurückgegriffen. "Wenn dann beispielsweise einer der Partner im Stress sehr zornig wird, und der andere sich nicht gut abgrenzen kann, sondern sich selbst in Frage stellt, kann sich eine negative Schleife entwickeln."

Wie Partner sich im Stress verhalten, habe viel mit früheren Erfahrungen zu tun, so Röger-Emerich – vor allem mit solchen, die man in der eigenen Familie gemacht hat. Erlernt würden dort aber nicht nur Muster der Stressverarbeitung, sondern auch bestimmte Modelle von Liebesbeziehungen: "Die Frage ist, wie die Eltern damals mit den Bedürfnissen des Kindes umgegangen sind." Je nach früheren Erfahrungen könnten Partner in einer Beziehung so beispielsweise unterschiedliche Bedürfnisse nach Nähe oder Distanz entwickeln – und sich so verschiedene Konflikte in der Partnerschaft ergeben.

Röger-Emerich: "Wenn Diagnosen gestellt werden, hat man die Solidarität aufgegeben"

In der Beratung gehe es dann anfangs vor allem darum, die eigenen Stressmuster bewusst zu machen. "Im zweiten Schritt soll dann verstanden werden, dass das eigene Handeln – auch wenn es gut gemeint ist – zu negativen Ergebnissen führt", erklärt Röger-Emerich. Erst dann könne an giftigen Verhaltensweisen gearbeitet werden – vorausgesetzt, dass die Bereitschaft für einen solchen Wandel bei den Partnern vorhanden ist.

Konkret heißt das, dass Betroffene lernen müssen, alternative Wege zu finden, um mit Stress umzugehen: "Erst wenn man besser darin geworden ist, sich um seinen eigenen Stress zu kümmern, kann man aus dem Teufelskreis entkommen", so Röger-Emerich. Toxisch könnten aber nicht nur Liebesbeziehungen sein, erklärt Röger-Emerich. Ob im Arbeitsumfeld, mit Freunden oder in der Partnerschaft: "Man hat überall die gleichen Stressmuster."

Doch wie stellt man fest, ob man sich selbst in einer toxischen Beziehung befindet und wann ist es sinnvoll, sich professionelle Unterstützung zu suchen? "Grundsätzlich ist gut, sich Hilfe zu holen, sobald man merkt, dass einem die Kraft für das eigene Leben fehlt, weil die ganze Energie in der Beziehung versackt", sagt Röger-Emerich.

Lesen Sie dazu auch:

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

02.04.2021

Es gibt keine "toxischen Beziehungen", nur Menschen, die nicht in der Lage oder willens sind, etwas zu ändern.

Permalink
Das könnte Sie auch interessieren