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Berchtesgadener Alpen

23.01.2021

Gletschersterben am Blaueis: Bald ist das letzte Eis verschwunden

Was vom einst mächtigen Blaueisgletscher geblieben ist: Geröll und schmutziger Schnee. Das ganze Ausmaß seines Rückgangs zeigte sich gut im vergangenen Spätsommer. Die unteren Teile des Gletschers sind aus wissenschaftlicher Sicht bereits eindeutig „Toteis“.
Bild: Marius Buhl

Plus In Deutschland gibt es nur noch fünf Gletscher. Einer davon, das Blaueis in den Berchtesgadener Alpen, wird schon in wenigen Jahren weggeschmolzen sein.

Manchmal, wenn Raphael Hang die Sehnsucht nach der Vergangenheit überfällt, unternimmt er eine Zeitreise. Er sitzt dann in der kleinen Kammer seines Holzhauses im Dorf Ramsau im Berchtesgadener Land und schaltet seinen Diaprojektor ein. Behutsam legt Hang, 81 Jahre alt, schlohweiße Haare, die Dias ein.

Das erste, das er betrachtet, ein Farbfoto aus den Sechzigern, zeigt ihn selbst: ein junger Mann im Anorak mit Pelzkragen, Steigeisen an den Füßen, einfacher Hanfstrick um die Hüfte. Hang klettert im steilen Eis.

Das zweite Foto, das er ansieht, zeigt eine Eishöhle. Ein riesiger Hohlraum unter einem massiven Gletscher, ein Mann steht aufrecht darin. Eine Momentaufnahme in Schwarz-Weiß.

Das dritte Dia: ein gewaltiges Bergpanorama, links die Blaueisspitze, geradeaus die senkrechte Nordwand des Hochkalters, rechts der Rotpalfen. Ein vor Vitalität berstender Gletscher wälzt sich zwischen den Bergen herab, darin tiefe Spalten, die sich quer durchs scheinbar ewige Eis ziehen. Es ist dieser Gletscher, von dem Raphael Hang träumt, wenn er in die Vergangenheit reist. Er ist auf der Blaueishütte aufgewachsen. Als er zur Welt kam, 1939, wurde die Hütte von seinem Vater geführt, Raphael Hang I. Später übernahm er als Wirt, 2010 übergab er die Hütte an seinen Sohn, Raphael Hang III.

Seit fast einem Jahrhundert beobachtet die Familie Hang den drastischen Rückgang des Blaueisgletschers

Seit 92 Jahren heißt der Wirt der Blaueishütte nun Raphael Hang. Und wann immer einer der Hangs auf die Terrasse der Hütte trat und hinaufblickte Richtung Hochkalter, war da: Eis. Mattblau schimmerndes Eis. Der Blaueisgletscher. Die Frage ist, wie lange noch.

Das Eis der Gletscher schmilzt. Nicht nur in Bayern, weltweit. Bis 2050, das haben Forscher der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich errechnet, wird jeder zweite Alpengletscher verschwunden sein. So wird es kommen, selbst wenn alle Staaten der Erde sofort ihren CO2-Ausstoß auf Null zurückfahren würden.

Was in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts passiert, darauf hat die Menschheit noch Einfluss. Im besten Fall – die Erwärmung müsste dafür unter zwei Grad Celsius gehalten werden – würden zwei Drittel der Alpengletscher verschwinden. Wahrscheinlicher: In 80 Jahren sind die Alpen nahezu eisfrei.

Fünf Gletscher gibt es heute noch in Deutschland. Im Gebiet rund um die Zugspitze den Südlichen Schneeferner, den Nördlichen Schneeferner und den Höllentalferner, in den Berchtesgadener Alpen den Watzmanngletscher und das Blaueis. Zusammengenommen bedecken sie gerade noch eine Fläche so groß wie die Münchner Theresienwiese.

Am stabilsten sind der Höllentalferner und der Nördliche Schneeferner, auf dem ein Schlepplift steht und meist Mitte November die Skisaison beginnt. Die restlichen drei, der Watzmanngletscher, der Südliche Schneeferner und das Blaueis, liefern sich ein trauriges Wettrennen: Welcher verschwindet zuerst?

Der Mann, der die bayerischen Gletscher so gründlich erforscht hat wie niemand sonst, heißt Wilfried Hagg. Hagg ist 48 Jahre alt und Professor an der Hochschule München, Fakultät für Geoinformation, Studiengang „Kartografie und Geomedientechnik“.

Wenn man so will, ist Hagg der Arzt – und der Blaueisgletscher sein Patient.

Gleich zu Beginn seiner Studien sammelte der Wissenschaftler alle Messdaten, die er über den Gletscher finden konnte, vereinheitlichte und verglich sie. Dann begann er, den Felsenkessel am Blaueis hinaufzusteigen. Alle paar Jahre stellt er dort nun sein Laser-Vermessungsgerät auf und vermisst die verbleibende Eisfläche. Seine Ergebnisse komplettieren eine historische Zahlenreihe.

  • 1889: 16,4 Hektar
  • 1949: 15,2 Hektar
  • 1970: 12,6 Hektar
  • 1989: 12,3 Hektar
  • 2009: 4,7 Hektar
  • 2018: 3,5 Hektar

Am besten vergleiche man einen Gletscher mit einem Girokonto, sagt Wilfried Hagg. Der Schnee, der im Winter falle und liegen bleibe, sei die Einzahlung. Das Eis, das im Sommer schmelze, die Abbuchung. Wenn sich beides die Waage halte oder die Einnahmen die Ausgaben gar überstiegen, sei die Haushaltsführung gesund. In den Alpen sei das seit langem eine Utopie. Besonders am Blaueisgletscher.

Glaziologie-Professor Wilfried Hagg gibt dem Blaueisgletscher nur noch wenige Jahre.

Aber kann man ihn überhaupt noch so nennen – Gletscher?

Definitionsgemäß müsse sich eine Eisfläche, egal wie groß, unter ihrem eigenen Druck bewegen, um als Gletscher zu gelten, erklärt Hagg. „Eine unbewegte Eisfläche gilt als Toteis.“ Und wer entscheidet, wann ein Gletscher sich nicht mehr bewegt? Hagg lehnt sich im Bürostuhl zurück. „Es gibt da keine genauen Zuständigkeiten“, sagt er. „Aber da im Zweifel wir gefragt werden: wir.“ Mit seinem Kollegen Christoph Mayer von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften hat Hagg für die Staatsregierung den aktuellen Gletscherbericht verfasst, im Frühjahr soll er erscheinen. Wird das Blaueis darin für tot erklärt?

Der Forscher gibt dem Gletscher nur noch wenige Jahre, dann sei er verschwunden

„Die unteren Teile“, sagt Hagg, „sind eindeutig Toteis.“ An der obersten, steilen Flanke könne man aber sogenannte Ogiven ausmachen, leicht nach unten gebogene Linien im Eis. Sie entstehen, wenn sich ein Gletscher in der Mitte schneller bewegt als am Rand.

Wäre der Gletscher tatsächlich ein Patient, er würde wohl auf der Intensivstation liegen. Er würde nahezu keine äußeren Lebenszeichen mehr zeigen. Aber die Ärzte könnten noch Hirnströme messen.

„Nirgends steht, um wie viele Zentimeter im Jahr das Eis sich noch bewegen muss“, sagt Hagg. „Wir haben uns daher entschieden, an unseren Gletschern festzuhalten, solange es irgendwie vertretbar ist.“ Und wie lange wird es noch vertretbar sein? „Wir reden von wenigen Jahren.“ Genauer? „Die 2020er Jahre wird das Blaueis nicht überleben“, sagt Hagg.

Jetzt, im Winter und bei Schneefall, täuscht der Eindruck, den man vom Blaueisgletscher bekommt. Sein wahrer Zustand offenbarte sich einem im Spätsommer: Draußen liegen die Berge noch im Dunkeln an jenem Tag. Drinnen, in der Küche der Blaueishütte, steht Raphael Hang III. Ein drahtiger Mann, wuschelige braune Haare, 41 Jahre alt. Kletterer und Bergführer wie sein Vater und sein Großvater.

Auch er wuchs auf der Blaueishütte auf. Während seine Mitschüler aus dem Tal Fußball spielten oder schwimmen lernten, kletterte er oben vor der Hütte zwischen den Steinen herum. Früher, als sein Großvater noch die Hütte bewirtschaftete, sei das hier eine Eislandschaft gewesen, in die nur Menschen kamen, die mit dem Hochgebirge vertraut waren, erzählt er. Sie kletterten oder stiegen mit Fellen an ihren Skiern auf die Blaueisspitze. Auf um die 1000 Übernachtungen pro Jahr kamen sie damals.

Heute kämen auch solche, die zum ersten Mal die Berge besuchen. Die es für selbstverständlich erachten, dass man auf der Hütte nicht aufs Plumpsklo gehen muss, weil es einen mehr als eine Million Euro teuren Anschluss an die Kanalisation gibt. Die fragen: „Wie, Sie haben keinen Aperol Spritz?“ Die in Sneakers die zwei Stunden auf dem breit ausgebauten Wanderweg vom Dorf hinauflaufen und dann zwischen den Eisresten herumspazieren.

Raphael Hang will nicht falsch verstanden werden. Von dem Wandel, den er so befremdlich findet, sagt er, profitiere er. 7500 Übernachtungen jährlich zählt die Blaueishütte mittlerweile in normalen Jahren, ohne Corona-Pandemie.

Der frühere Wirt der Blaueishütte, Raphael Hang, beobachtet das Sterben des Gletschers schon seit Jahrzehnten.
Bild: Marius Buhl

Raphael Hang II. ist auch da. Er hat einen kleinen Ausflug versprochen, hinauf zu den Resten des Gletschers. Eine halbe Stunde Fußmarsch von der Hütte entfernt setzt er schließlich seinen Stiefel aufs Eis. Kalt bläst ihm ein Abwind entgegen. Regen hat den Firn, die Schneeauflage auf dem Eis, verwaschen, und an der Oberfläche des Gletschers haben sich tausende kleine Mulden gebildet. In ihnen sammeln sich Schmutz und Feinstaub.

Wie oft er schon hier stand? Hang schaut, als habe man ihn gefragt, wie oft im Leben er sich die Zähne geputzt hat. „Woaß i ned“, sagt er. Dann erzählt er, wie steil der Gletscher einst war, früher, als man darauf noch auf Skiern von der Blaueisspitze aus herunterfahren konnte. Fragt man ihn, was der Verlust dieses Gletschers, seines Gletschers, ihm bedeute, zuckt Hang nur mit den Schultern und stapft weiter voran, als ginge ihn das alles nichts an. Also noch mal: Löst das nichts in Ihnen aus, Herr Hang? „Is scho’ sehr schad“, sagt er.

Plötzlich hält er an, bückt sich herunter, bis er auf dem Eis kniet. Er legt sein Ohr an den Gletscher. „Da“, sagt er, „hörst des?“ Dumpf dringt ein Geräusch herauf. Schmelzwasser. Es muss an der Unterseite des nur noch wenige Meter dicken Eises entlangströmen. Der Gletscher stirbt gluckernd.

Wie wird es einmal dort aussehen, wo jetzt noch letzte Eisreste sind?

Will man wissen, wie es aussehen wird, wenn er verschwunden ist, muss man ein paar Wochen später wiederkommen – um sich mit einem Mann zu treffen, der sich tief über den Schotter am Rand des Gletschers beugt und lateinische Begriffe murmelt. „Thlaspi, Hornungia, Ranunculus, Arabis bellidifolia.“ Was klingt wie die Zutaten eines Zaubertranks, sind die Gattungsbezeichnungen jener Pflänzchen, die in dieser Einöde zu wachsen beginnen, wenn das Eis weg ist. Es sind Vorboten.

Ingolf Kühn, so heißt der Mann, ist Professor für Makroökologie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle. Bei einer Erwärmung der Erde um zwei Grad Celsius, sagt er, werden womöglich Wiesen die Steinwüste erobern, mit Enzianen, Primeln, Wundklee. Bei 2,5 Grad Celsius: Gebüsche, Alpenrosen. Bei drei Grad Celsius: Lärche, Tanne, Bergahorn. „Wenn niemand etwas dagegen tut, wird hier oben in einigen hundert Jahren ein Wäldchen wachsen“, sagt Kühn.

Wieder unten. Vor der Blaueishütte spielt ein Kind. Es klettert behände über Felsbrocken, springt von Stein zu Stein. Es ist der nächste Spross der Hang-Dynastie, neun Jahre alt. Gut möglich, dass er eines Tages seinem Urgroßvater Raphael Hang I., seinem Großvater Raphael Hang II. und seinem Vater Raphael Hang III. nachfolgen und die Blaueishütte übernehmen wird.

Seine Eltern haben ihn Simon genannt. Die alten Zeiten sind vorüber.

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