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Bayern

29.11.2018

Grippe-Impfstoff wird knapp: Was tun, wenn er fehlt?

Was Ärzte seit Jahren fordern, ist in diesem Jahr eingetreten: Es lassen sich deutlich mehr Menschen gegen Grippe impfen. Jetzt kam es aber zu einem dramatischen Engpass.
Bild: Martin Schutt, dpa

Plus Mehr Menschen als im vergangenen Jahr wollen sich gegen Grippe schützen. Jetzt ist ein dramatischer Engpass entstanden. Was ein Hausarzt Patienten rät.

Für herzkranke Patienten, Diabetiker und Menschen mit einer schweren chronischen Bronchitis hat Dr. Jakob Berger noch eine Handvoll Impfstoff. „Die horte ich für absolute Risikopatienten“, sagt der Hausarzt, der in Herbertshofen im Kreis Augsburg praktiziert. Denn als er vor zehn Tagen Grippe-Impfstoff nachbestellen wollte, wurde ihm mitgeteilt, dass er wohl keinen mehr erhält. In seiner über 40-jährigen Berufszeit habe er so etwas noch nie erlebt. In ganz Bayern herrscht ein dramatischer Engpass.

Ulrich Koczian hat in den vergangenen Tagen viel telefoniert. Der Inhaber der Augsburger Linden-Apotheke hat versucht, bei seinen Kollegen noch Grippe-Impfstoff zu bekommen. Doch denen geht es nicht anders, sagt Koczian, der zugleich Vizepräsident der Landesapothekerkammer ist. „Die haben auch nichts.“ Seit zehn Tagen ist der Grippe-Impfstoff in der Linden-Apotheke aus. So wie in vielen anderen Apotheken. „Die Lage ist überall in Bayern schwierig“, sagt Koczian.

Die Produktion des Grippe-Impfstoffs dauert

Das Problem: Nachbestellungen sind jetzt nicht mehr möglich. Schließlich dauert die Produktion des Impfstoffs mehrere Monate. Die Zusammensetzung variiert von Saison zu Saison, je nachdem welche Virenstämme gerade aktiv sind. Daher muss immer im Voraus errechnet werden, wie viel Impfstoff für die nächste Saison nötig ist.

Der Bedarf für diese Saison wurde ganz offensichtlich unterschätzt. Es haben sich aber auch deutlich mehr Menschen impfen lassen, sagt Berger. Erstmals wird aber der Vierfach-Grippe-Impfstoff auch von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Damit geht eine Forderung von Berger in Erfüllung. Schließlich soll der Vierfach-Impfstoff einen besseren Schutz bieten. Nicht vergessen werden darf, dass im vergangenen Winter die Grippewelle besonders heftig gewütet hat. Auch das kann die Impfbereitschaft der Menschen erhöht haben.

Tauschbörse für Grippe-Impfstoff wurde eingerichtet

Um auf die Schnelle mehr Impfstoff zu bekommen, hat die Bayerische Landesarbeitsgemeinschaft Impfen, kurz LAGI, in einer Sondersitzung in München Maßnahmen beschlossen. So sollen alle an der Versorgung Beteiligten, vor allem Apotheken, Hersteller und Ärzte, ermitteln, ob und wo noch Impfdosen vorrätig sind. „Ärzte erhalten durch die Behörden die Möglichkeit, angesichts dieser besonderen Situation untereinander Impfstoffe austauschen zu dürfen.“ Der Bayerische Apothekerverband hat zuletzt eine Tauschbörse eingerichtet.

Apotheker Koczian hat allerdings wenig Hoffnung, dass damit viele Patienten versorgt werden können. „Da gibt es nur ein paar einzelne Impfdosen.“ Auch löst dies nach Koczians Worten nicht das grundsätzliche Problem, dass sich die Vorräte für Grippe-Impfstoff verknappen, sobald es auf den Winter zugeht. „Wir haben jedes Jahr das gleiche Theater.“ Das liege vor allem am Bestellsystem: Üblicherweise kalkulieren viele Ärzte vorsichtig, was ihren benötigten Impfstoff angeht. Denn bestellen sie mehr als sie tatsächlich verbrauchen, laufen sie Gefahr, von den Krankenkassen in Regress genommen zu werden. „Man müsste das System ändern“, sagt der Augsburger Apotheker. Er sieht die Verantwortung bei den Krankenkassen und dem Gesundheitsministerium. „Es ist doch kontraproduktiv, die Leute jedes Jahr zum Impfen zu animieren und dann fehlt der Impfstoff.“

Arzt macht die Politik verantwortlich

Auch Hausarzt Berger macht die Politik verantwortlich. Aber auch die Krankenkassen sind seines Erachtens mitschuldig. Er spricht von einer „Sparpolitik“: Über Jahre sei in den Markt für Grippe-Impfstoff von Seiten der Politik eingegriffen worden. Die Aufträge für die Herstellung des jeweiligen Impfstoffes sei in den vergangen Jahren ausgeschrieben worden und nur ein, zwei Firmen seien zum Zug gekommen. Die Hausärzte haben nach Angaben von Berger gegen diese Praxis protestiert. Mit Erfolg. In diesem Jahr sei es zu keiner Ausschreibung gekommen, mehr Firmen konnten Grippe-Impfstoff herstellen. Doch die Produktion ist aufwendig und teuer. Ganz offensichtlich wurde für diese Saison viel zu wenig hergestellt. Das muss sich ändern, fordert Berger: „Es müssen mehr Firmen mehr Grippe-Impfstoff produzieren.“

Doch was sollen Patienten in der aktuellen Notsituation tun? Gerade Menschen mit Herzerkrankungen, Schwangeren, Diabetikern und Patienten mit einer chronischen Bronchitis rät Berger zu einer Grippeschutzimpfung. Auch Menschen, die im Gesundheitsbereich arbeiten, sollten sich impfen lassen. Ihnen empfiehlt er zunächst den Gang zu ihrem Hausarzt. Falls dieser keinen Impfstoff mehr hat, würde er alle Apotheken im Umfeld telefonisch kontaktieren und dort nachfragen. Ist die Suche zunächst erfolglos, bleibt nur das Hoffen und Warten auf den Impfstoff. Nachschub kommt vielleicht bald. Schließlich soll auch im europäischen Ausland nachgeforscht werden, wo noch Vorräte erhältlich sind.

Mehr zum Thema Grippe lesen Sie in unserem News-Blog.

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