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Donauwörth

20.10.2018

Hepatitis-C-Fall: Warum stoppte keiner den süchtigen Narkosearzt?

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Im Donauwörther Krankenhaus soll sich ein Arzt Opioide gespritzt haben und die Spritzen dann weiterverwendet haben. 
Bild: Stefan Puchner, dpa

Plus In der Klinik in Donauwörth wurde der Anästhesist mit Spritze und Medikamenten erwischt. Dass er abhängig war, wusste aber niemand. Kann das tatsächlich sein?

Was am Donauwörther Krankenhaus passiert sein soll, klingt unglaublich: Ein psychisch kranker und medikamentenabhängiger Narkosearzt, der sich am „Giftschrank“ des Krankenhauses bedient, in dem starke Schmerzmittel verschlossen aufbewahrt werden. Der sich diese Opioide intravenös verabreicht, wie sie für eine Operation verwendet werden, anschließend die Behälter mit Kochsalzlösung auffüllt, damit es nicht auffällt. Und der die Spritze oder Kanüle, die mit seinem Blut in Berührung gekommen ist, weiter verwendet.

Zahl der mit Hepatitis C infizierten Patienten steigt auf acht

Auf diese Weise könnte der Arzt das Hepatitis-C-Virus auf Patienten übertragen haben. Inzwischen hat sich die Zahl der Patienten, die in der Donau-Ries-Klinik infiziert wurden, auf acht erhöht, wie Dr. Rainer Mainka, Leiter des Gesundheitsamtes, erklärt. Und es könnten noch deutlich mehr werden. In Nordschwaben bekommen in diesen Tagen knapp 700 Menschen Post. Sie wurden alle zwischen dem 22. November 2016 und dem 24. April 2018 im Donauwörther Krankenhaus operiert, sie hatten alle denselben Narkosearzt. Die Patienten werden aufgefordert, ihr Blut testen zu lassen.

Drei Tage, nachdem die Klinik den Fall öffentlich gemacht hat, erhärtet sich der Verdacht gegen den ehemaligen Anästhesisten, von dem sich das Unternehmen im April getrennt hat. Jürgen Busse, Geschäftsführer des Klinikbetreibers gKU erklärt: „Er wurde mit Medikamenten und einer Spritze erwischt.“ Daraufhin habe man den Arbeitsvertrag noch am gleichen Tag aufgelöst und so von einer unbefristeten Kündigung abgesehen. Es sei allerdings nicht bekannt gewesen, dass der Mann zu diesem Zeitpunkt medikamentenabhängig war.

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Wie kann niemand merken, dass ein Arzt medikamentensüchtig ist?

Trotzdem bleiben Fragen. Etwa die, wie ein medikamentenabhängiger Arzt ungehinderten Zugang zum „Giftschrank“ haben konnte? Ob es keine Kontrollen gibt, durch die Missbrauch auffällt? In Krankenhäusern stehen jeweils mehrere Medikamentenschränke, die verschlossen seien müssen – auch im OP-Bereich, sagt Eduard Fuchshuber, Sprecher der Bayerischen Krankenhausgesellschaft. Darin lagern Arzneien, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen. „Auch der Anästhesist hat Zugang zu diesem Schrank“, sagt Fuchshuber. Er müsse protokollieren, von welchen Medikamente er wie viel entnehme. Doch letztlich lasse sich kaum nachvollziehen, ob diese Menge auch vollständig an Patienten verabreicht wird. Genauso wenig fällt es auf, wenn nur minimale Mengen fehlen oder die Arzneibehälter, wie es im Donauwörther Fall scheint, mit Kochsalzlösung aufgefüllt wurden. „Wenn ein Arzt kriminelle Energie besitzt, ist das alles nicht ausgeschlossen“, sagt Fuchshuber.

Aber wie kann es sein, dass Kollegen und Vorgesetzte nicht merken, dass der Anästhesist, der zehn Jahre an der Klinik gearbeitet hat, medikamentenabhängig war? Und: Haben die Verantwortlichen in der Donau-Ries-Klinik richtig gehandelt? Nach Aussage der Bayerischen Ärztekammer müsste die Tatsache, dass ein Mediziner im Krankenhaus Opiate stiehlt und diese sich selbst verabreicht, an den Ärztlichen Bezirksverband gemeldet werden, der wiederum die Ärztekammer verständigt. Letztlich entscheidet die Approbationsbehörde dann, ob der Arzt weiter praktizieren darf. Wer über den Fall informiert wurde, ist allerdings derzeit unklar.

Arzt hat die Donauwörther Klinik über die Hepatitis-C-Infektion informiert

Der Arbeitsvertrag des Anästhesisten wurde aufgelöst, er praktizierte wenig später an einer Klinik in Ost-Württemberg. Von seiner Hepatitis-C-Infektion habe er erst im Mai durch eine Zufallsdiagnose erfahren, heißt es. Die Donauwörther Klinik hat er deswegen nicht verständigt. „Dass er Träger des Virus war haben wir erst diese Woche erfahren, als der Arzt sich telefonisch gemeldet hat und selbst von einer Erkrankung berichtet hat“, sagt gKU-Geschäftsführer Busse.

Wie das alles für die Patienten klingen muss, die der Arzt mit dem Virus infiziert haben dürfte? Jürgen R.* ist einer von ihnen. Den Sommer über ging es ihm schon nicht gut. Im September lässt seine Hausärztin ein großes Blutbild machen, stellt extrem erhöhte Leberwerte fest. R. landet im Krankenhaus, wo die Ärzte bald darauf Hepatits C, Typ 3, diagnostizieren. Der Mann aus dem Raum Donauwörth rätselt, wie er sich das Virus eingefangen hat. „Ich kann das nur aus der Klinik haben“, vermutet er. Doch die Ärzte halten das für unwahrscheinlich. Seit diesem Freitag hat R. Gewissheit. Der Brief von Gesundheitsamt ist angekommen, der belegt, dass genau jener Narkosearzt an seiner Operation beteiligt war. Das Rätselraten ist vorbei, der Vater kann nun mit der Therapie beginnen: „Das ist für mich die größte Schweinerei.“

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