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Bräuche

13.12.2011

Hetzjagd auf den Weihnachtsmann

Für den argentinischen Erzbischof Sigampa ist der Weihnachtsmann ein «fetter roter Mann».

Der Augsburger Volkskundler Stephan Bachter kritisiert die aus seiner Sicht engstirnige Haltung von Teilen der Heimatforschung und der Kirche und wittert gar Antiamerikanismus.

Er hat einen weißen Rauschebart, stets gute Laune und dokumentiert mit seinem Bauch, dass auch ein Weihnachtsmann nur ein (Genuss-)Mensch ist. Bei Kindern steht der Mann mit der Zipfelmütze hoch im Kurs, schließlich hat der pausbäckige Alte immer ein Geschenk im Sack. Der Bayerische Landesverein für Heimatpflege dagegen sieht den Herren eigentlich nicht so gern. „Er nimmt als Schokoladenfigur in den Regalen der Supermärkte dem Weihnachtsfest seine Bedeutung“, sagt Michael Ritter, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Landesverein. Das sei ein kultureller Verlust, da die Hintergründe des Festes zusehends in Vergessenheit geraten würden. Auch die „Vermischung und Vermengung“ mit anderen historischen Figuren beklagt Ritter. Es komme durchaus vor, dass bei einer Adventsfeier Sankt Nikolaus angekündigt werde. Doch statt des Bischofs aus Myra (Türkei), der im vierten Jahrhundert gewirkt haben soll, erscheint der Weihnachtsmann auf der Bildfläche – und keiner registriert es oder nimmt daran Anstoß.

Der Augsburger Volkskundler und Brauchforscher Stephan Bachter kann mit dieser ablehnenden Haltung nur wenig anfangen. Nicht nur, dass „unser bayerisches Brauchtumund unsere Kultur schon immer von den Einflüssen von außen gelebt und sich weiterentwickelt haben“. Der Weihnachtsmann, findet Bachter, passe als säkularisierte Figur – losgelöst von religiösen Bezügen – ganz gut ins bürgerliche Zeitalter. „Teilen der Heimatpflege fehlt die Lockerheit, das zu erkennen und zu akzeptieren.“

Nikolaus vs. Weihnachtsmann - ein langer Streit

Bachter will sogar „Töne von latentem Antiamerikanismus“ in der hiesigen Heimatforschung wahrnehmen, wenn es um den amerikanischen Weihnachtsmann geht, der vor allem durch massive Werbung an Bedeutung gewonnen hat. „Das ist ein Zungenschlag, den ich manchmal raus höre und der mich stört.“ Dabei sei der Santa Claus – wie vielfach irrtümlich angenommen – keineswegs eine Erfindung von Coca-Cola. In dem fidelen Senior stecke viel Deutsches. Er ist nichts anderes als ein „transatlantischer Rückläufer“, dessen Aussehen auf die Bilder und Holzschnitte von Thomas Nast zurückzuführen sei, sagt Bachter. Der in Landau in der Pfalz 1840 geborene Nast wanderte mit seiner Mutter 1846 nach New York aus. Er wurde in den USA ein gefragter Karikaturist und gilt als Vater der politischen Karikatur. Nast schuf unter anderem ein Bild von Uncle Sam sowie die Symbolfiguren der republikanischen Partei (Elefant) und der demokratischen Partei (Esel).

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1863 zeichnete er für die Zeitschrift Harper’s Weekly den Santa Claus, wie er tapfere Soldaten der Nordstaaten während des amerikanischen Bürgerkriegs beschenkt. Santa Claus wiederholte er bis zu seinem Lebensende 1902 immer wieder als Motiv. Nasts Vorbild war dabei der pfälzische Pelznickel, ein Pelz tragender Weihnachtsmann.

Die Zeichnungen und das gut 20 Jahre zuvor vermutlich von Clement Clarke Moore geschriebene Gedicht „The Night Before Christmas“ (1947 von Erich Kästner ins Deutsche übersetzt: „Als der Nikolaus kam“) schuf das Bild des amerikanischen Gabenbringers. Mit den US-Soldaten kam nach dem Zweiten Weltkrieg der weiterentwickelte Weihnachtsmann zurück nach Deutschland.

Das katholische Bonifatiuswerk möchte den rot-weiß gewandeten Mann mit der Mütze so weit als möglich zurückdrängen. Medienwirksam erklärte die Sängerin Maite Kelly (Kelly Family), die sich für das Hilfswerk engagiert, Ende November die Münchner Innenstadt zur „Weihnachtsmann-freien Zone“. „Ich muss meinen Kindern keine Lügen vom Weihnachtsmann erzählen. Ich kann ihnen eine wahre Geschichte erzählen“, sagte sie.

Für Bachter ist die dogmatische Fixierung auf die Gestalt des heiligen Nikolaus „absoluter Unsinn und unerträglich“. Während auf den Weihnachtsmann eine regelrechte Hetzjagd veranstaltet werde, komme das Christkind – ein weiterer Gabenbringer – ungeschoren davon. Das Christkind, keinesfalls gleichzusetzen mit dem Jesuskind, ist Bachter zufolge eine „lutherische Erfindung“. Die protestantische Figur hätten auch die Katholiken in Süddeutschland gerne angenommen und sie inzwischen verinnerlicht.

Beate Spiegel, Leiterin des Volkskundemuseums in Oberschönenfeld (Kreis Augsburg), findet die Frage ohnehin spannender, „welche Funktion die Figuren in der Gegenwart haben und nicht, was echt und was unecht ist“.

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