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Männliche Gewaltopfer

22.10.2020

Hilfetelefon für Männer: „Viele Männer werden ganz massiv geschlagen“

Sarah Häde und Thomas Dietzel sitzen am neuen, bundesweiten Männerhilfetelefon. In den Räumen der Arbeiterwohlfahrt Augsburg können Opfer auch persönlich beraten werden.
Bild: Ulrich Wagner

Wenn nicht Frauen, sondern Männer Opfer von Gewalt sind, ist das oft noch ein Tabuthema. In Augsburg gibt es eines von zwei bundesweiten Hilfetelefonen. Was dort berichtet wird.

Herr Dietzel, Bayern und Nordrhein-Westfalen haben das erste, deutschlandweite Hilfetelefon für Männer, die Gewalt erfahren, eingerichtet. Sie sind zusammen mit Ihrer Kollegin Sarah Häde hier im Augsburger Büro der Arbeiterwohlfahrt am Apparat. Nehmen viele Männer das Angebot an?

Thomas Dietzel: Ja, es werden immer mehr. Mit diesem Angebot wurde eine große Lücke geschlossen.

Das Problem ist vermutlich, dass bei Opfern von Gewalt vor allem zuerst an Frauen gedacht wird oder?

Dietzel: Gewalt gegen Frauen ist ein großes Problem. Und hier sind Männer oft die Täter. Aber Opfer von Gewalt werden Frauen UND Männer. Nur sind Männer als Opfer von Gewalt in unserer Gesellschaft noch viel zu wenig anerkannt. Das ist noch immer ein großes Tabuthema. Ein Mann ist kein Opfer von Gewalt – das passt noch immer nicht ins Rollenbild, ich kann nur hoffen, dass sich hier etwas ändert.

Wie muss man sich das vorstellen, schlagen die Ehefrauen zu Hause zu oder sind Männer vor allem psychischer Gewalt ausgesetzt?

Dietzel: Beides kommt vor. Ehefrauen sind nicht immer die Täter, es gibt ja auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften; aber bei den Männern, die hier anrufen, sind es tatsächlich oft die Partnerinnen, die Gewalt ausüben. Ich muss sagen, ich hätte den Anteil der körperlichen Gewalt nicht so hoch eingeschätzt, wie er sich nun in den Gesprächen zeigt. Viele Männer werden ganz massiv geschlagen, sie werden gebissen, getreten und es wird vor allem psychisch Druck auf sie ausgeübt; nicht wenige werden regelmäßig gedemütigt und erniedrigt. Auch Erpressung spielt eine große Rolle, gerade wenn Kinder da sind.

Ein Mann wurde von seiner Partnerin so schlimm misshandelt, dass er auszog

Im schlimmsten Fall schlagen Männer zurück oder?

Dietzel: Das kommt natürlich vor, dann vermitteln wir sie aber weiter, da sie auch Täter sind. Wir sind eine reine Opferberatungsstelle. Sie glauben aber gar nicht, wie viele Männer der körperlichen Gewalt in ihrer Partnerschaft nichts anderes entgegenzusetzen haben als Verzweiflung. Und das sind oft körperlich starke Männer.

Wie alt sind die Männer, die anrufen?

Dietzel: Es sind Männer aller Altersklassen, die Mehrheit ist zwischen 30 und 50. Ich hatte aber auch schon einen 85-Jährigen beraten. Er wurde von seiner 75-jährigen Partnerin körperlich so misshandelt, dass er ausziehen musste.

Geht die Gewalt durch alle gesellschaftlichen Schichten?

Dietzel: Ja. Hier rufen auch sehr viele Akademiker an. Erst kürzlich hatte ich einen international auf seinem Gebiet hoch geschätzten Experten am Telefon. Seine Frau schlägt ihn immer wieder, rastet wegen Kleinigkeiten völlig aus – auch sie ist im Übrigen Akademikerin. Eine Tochter lebt auch in dem Haushalt, der Mann weiß weder ein noch aus.

Und was raten Sie in so einem Fall?

Dietzel: In diesem Fall habe ich die Hoffnung, dass sie einsieht, dass etwas schief läuft und beide zusammen eine Paartherapie machen. Ich erlebe es hier aber immer wieder, dass die Männer auch nur reden möchten, dass sie jemanden brauchen, der ihnen überhaupt zuhört und der ihnen vor allem glaubt. Letzteres ist ein großes Problem. Nicht wenige Männer, die Gewalt ausgesetzt sind, haben die Erfahrung gemacht – auch mit der Polizei – dass man ihnen nicht glaubt, dass sie das Opfer sind. Und Frauen kalkulieren das manchmal mit ein.

Männer wurden oft schon in der Kindheit Opfer von Gewalt

Wie wird es Ihnen erzählt: Ist Gewalt oft von Anfang an in Beziehungen ein Problem oder bildet es das Ende nach jahrelangen Streitereien?

Dietzel: Das ist ganz unterschiedlich. Was mir immer wieder berichtet wird, ist, dass die Geburt des Kindes oder der Kinder Auslöser von Gewalt in einer Beziehung ist. Die Ursache ist oft in einer Überforderung zu suchen, aber es ändert sich da auch etwas in der Partnerschaft – und zwar nicht selten zum Negativen: Frauen, die zu Hause bleiben, kommen mit dieser Rolle oft nicht zurecht und machen den Partner dafür verantwortlich. Nicht selten wurde mir aber auch erzählt, dass man sich plötzlich in einem Leben fand, dass man so gar nicht führen wollte, zu spät stellt sich heraus, dass man doch keine Kinder wollte. Das ist alles sehr tragisch.

Doch bleibt die Frage, warum sich Männer Gewalt gefallen lassen?

Dietzel: Oft steckt eine Geschichte dahinter. Nicht selten wurden die Männer schon in ihrer Kindheit Opfer von Gewalt – von körperlicher, verbaler oder sogar von sexualisierter Gewalt. Ein großes Problem ist es, dass Männer mit niemanden über die Gewalt, die ihnen angetan wurde oder wird, sprechen – auch nicht über die Gewalt in ihrer Ehe oder am Arbeitsplatz.

Am Arbeitsplatz, wie meinen Sie das?

Dietzel: Über Gewalt am Arbeitsplatz wird generell wenig gesprochen. Aber viele Männer werden von ihrem Chef regelmäßig zusammengebrüllt, vor oder von ihren Kollegen gedemütigt und als Versager hingestellt. Auch Mobbing ist eine Form von Gewalt.

 

Das erleben Frauen aber auch, sie reden aber eher über ihre Erfahrung?

Dietzel: Ja, Frauen erzählen etwa ihren Freundinnen, wenn es Probleme in der Ehe oder auf der Arbeit gibt. Männer tun das in der Regel nicht. Viele glauben noch immer, dass sie das mit sich ausmachen müssen und gerade bei Gewalterfahrung ist die Scham darüber sehr, sehr groß. Das merken wir am Hilfetelefon: Immer wieder wird geschaut, dass ja niemand zuhört, dass niemand mitbekommt, dass sie hier anrufen.

Die Männer bleiben komplett anonym?

Dietzel: Ja, das ist ganz wichtig.

Wie geht es nach dem Anruf weiter?

Dietzel: Wie gesagt, viele wollen tatsächlich nur sprechen. Und das ist völlig in Ordnung. Wir können aber, vorausgesetzt natürlich, die Männer möchten das, sie an weitere Experten und Hilfeangebote bei ihnen vor Ort vermitteln. Hier rufen ja Betroffene aus dem ganzen Bundesgebiet an. In Schwaben lebende Opfer können auch einen persönlichen Gesprächstermin bei uns ausmachen. Und in Augsburg haben wir auch die Möglichkeit, Männer in einer Männerschutzwohnung unterzubringen.

Wann ist das möglich?

Dietzel: Wenn ein Mann Opfer häuslicher Gewalt ist und schnell einen Schutzraum für sich und nicht selten auch für seine Kinder braucht. Das Problem ist, dass es viel zu wenige Männerschutzwohnungen gibt. Wir haben in Deutschland zwar viele Frauenhäuser, aber nur sehr wenige Männerschutzwohnungen, dabei ist der Bedarf sehr hoch.

  • Zur Info: Das kostenlose, anonyme Männerhilfetelefon, das vom Bayerischen Sozialministerium gefördert wird, hat die Nummer: 0800 123 99 00; Infos unter www.maennerhilfetelefon.de; männliche Gewaltopfer aus Schwaben und Landsberg/Lech können sich auch unter Telefon 0821 450 339 20 melden.

Thomas Dietzel, 63, Erziehungswissenschaftler und Heilpraktiker für Psychotherapie, arbeitet seit Juli bei „VIA – Wege aus der Gewalt“, einer Beratung der Arbeiterwohlfahrt Augsburg. Er ist verheiratet, hat drei Söhne und eine Stieftochter.

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22.10.2020

Das falsche Verständnis von häuslicher Gewalt sitzt viel zu tief in der Gesellschaft.
Das fängt damit an, dass bspw. auch in Fernsehfilmen/-serien, es legitim erscheint, dass eine Frau ein Wortgefecht mit einem Mann mit einer Ohrfeige beendet und hört damit noch nicht auf, dass jährlich die Untersuchung 'Gewalt gegen Frauen' veröffentlicht wird.
Bei letzterer wird nur untersucht bzw. veröffentlicht, wieviele Frauen Opfer von Gewalt wurden, nicht, durch wen (eine Frau vielleicht?). Wieviele Männer Gewalt erfahren haben interessiert nicht (hier wurde 2005 eine Studie durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend durchgeführt).
Nebenbei: Warum gibt es kein Bundesministerium, das sich mit den Problemen der Männer beschäftigt? Die werden ja offensichtlich ausgegrenzt.

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22.10.2020

Danke für diesen Beitrag.
Nur leider ist es so, das wenn der Mann auf die Fresse bekommt und seine Frau die Polizei ruft, er sein Zeug packen kann.
Auf solche Situationen muß die Polizei dringend sensibilisiert werden.

Ich wurde vor zwei Jahren selbst Opfer falscher Behauptungen. Da hat die Ex sich am Freitag bei Gericht mit einer "Zeugin" eine Einstweilige Anordnung per Eidesstatt machen lassen und dann hat es zwei Wochen gedauert, das wieder geradezubiegen.
Solange war ich aus meinem Haus raus. So geht Deutschland!

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22.10.2020

Jede Form von Gewalt ist verwerflich und abzulehnen, ob sie von Frauen oder Männern ausgeht ist egal. Sicher wird es einem Mann schwerer fallen, glaubhaft zu machen, dass er von seiner Frau geschlagen wird. Die Frage steht ja im Raum, warum er sich nicht zur Wehr setzt, das ist ja doch häufig der Unterschied, dass Frauen körperlich unterlegen sind und sich ihrer prügelnden Männer nicht erwehren können, die Kinder nicht vor ihnen schützen.

Ich gebe zu, da denkt man als Frau: Halt sie doch ab und fest... ist wohl nicht so einfach, wie man meint.

Gut ist es jedenfalls, wenn die Problematik thematisiert wird und wenn es Hilfsangebote gibt.

Und dann: Schämt euch liebe Geschlechtsgenossinnen, die ihr unseren Ruf ruiniert und uns dem Verdacht aussetzt, potenziell genau so gewalttätig zu sein wie die testosterongeschwängerten Herren der Schöpfung.

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