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Landsberg

25.06.2009

Hitler soll Entwürfe für "mein Kampf" selbst getippt haben

Häftling Hitler (links) in Landsberg im Kreis von Gesinnungsgenossen.

Historiker sind überzeugt, dass Hitler die Entwürfe für sein wirres Weltanschauungs-Epos "Mein Kampf" in Landsberg eigenhändig getippt hat. Das belegt ein einschlägiger Quellenfund. Von Werner Reif

Landsberg - Die Geschichte des Dritten Reichs muss nicht umgeschrieben werden. Aber, immerhin, die Welt weiß jetzt ein klein wenig mehr über Wahn und Unsinn der absonderlichen Schreibübungen, die der Festungshäftling Adolf Hitler in Landsberg unternahm.

Hier, in dem für ihn durchaus fidelen Knast am Lech, brachte er 1924 sein wirres Weltanschauungs-Epos "Mein Kampf" zu Papier. Eigenhändig auf einer Reiseschreibmaschine, wie jetzt hochwissenschaftlich ermittelt wurde.

Zur Entstehungsgeschichte des gesammelten politischen Zunders, der dann am 30. Januar 1933 Feuer fing und letztlich in einem Weltenbrand endete, sind "neue Dokumente" in den renommierten "Vierteljahresheften für Zeitgeschichte" präsentiert worden. Sie belegen vor allem eine politische und ideologische Neuorientierung des Nazi-Führers nach seinem gescheiterten Putschversuch am 9. November 1923.

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Er saß nach diesem Blutbad vor der Feldherrnhalle in München wegen Hochverrats vom 1. April bis 20. Dezember 1924 in der Gefangenen- und Festungshaftanstalt Landsberg ein - "eine Hochschule auf Staatskosten", wie er hämte. Die Historiker Florian Beierl und Othmar Plöckinger berichten nun erstmals über einen bemerkenswerten einschlägigen Quellenfund: fünf Manuskript- und 18 Konzeptblätter Hitlers aus der Landsberger Zeit. Sie gelten als erster Entwurf für "Mein Kampf" - konfuse Fingerübungen für Staatsterrorismus in Braun.

Die 23 Originalseiten waren auf verschlungenen Wegen einem Münchner Auktionshaus zugegangen, das sie Ende 2006 versteigerte. Offensichtlich stammten die Blätter aus französischem Besitz. Sie waren am 4. Mai 1945 französischen Soldaten in die Hände gefallen, als sie auf Hitlers "Berghof" eintrafen.

Zahlreiche handschriftliche Korrekturen und Ergänzungen der Manuskripte durch Hitler ermöglichten, sie auf Echtheit zu überprüfen. Außerdem wurde mit physikalischen Methoden das Papier analysiert. Hinzu kamen maschinenschriftliche Vergleiche. Alle Befunde ergaben zweifelsfreie Authentizität. Die beiden Wissenschaftler hatten bei der Echtheitsprüfung durch Fachleute aus drei Disziplinen jegliches Risiko ausgeschlossen - der Skandal um die gefälschten Hitler-Tagebücher 1983 ist in der Branche noch zu gut in Erinnerung.

Die peniblen Untersuchungen ergaben, dass Hitler die 23 Seiten größtenteils auf einer "Remington Portable, Seriennummer NK 43 024", getippt hatte. Sie dürfte ein Geschenk der Münchner Pianofabrikanten-Ehefrau Helene Bechstein gewesen sein. Diese spendete auch das mit Hakenkreuzen verzierte Schreibpapier.

Ungeübt, wie der berufslose Gelegenheitsarbeiter war, machte er viele Tippfehler. Die aufwendigen Prüfungen ergaben im Übrigen: Der Diktator hat "Mein Kampf" nicht, wie bisher angenommen, seinem Stellvertreter, Rudolf Heß, diktiert. Er schrieb eindeutig selbst mit zwei Fingern. Bis in die Nacht hinein klapperte die Schreibmaschine.

Inhaltlich kamen die beiden Historiker zu dem Ergebnis, dass Hitler hinter Schloss und Riegel vor allem seine Position zum Judentum radikalisiert hat. Weiter heißt es in den "Schlussbemerkungen" Beierls und Plöckingers: "Der Vergleich mit der späteren Endfassung von ,Mein Kampf' zeigt in verschiedenen Bereichen sehr deutlich, wie sich Hitlers Weltbild während der Zeit in Landsberg entwickelt und verändert hat. Dies gilt zum einen für einzelne kleine Aspekte wie etwa die Themen Syphilis und Prostitution, die sich von ihrer eigentlichen Bedeutung im Lauf der Arbeit an ,Mein Kampf' zu einer Metapher für kulturellen Verfall entwickelten und eine ungleich größere Rolle spielten. Zum anderen trifft dies für zentrale Begriffe und Vorstellungen wie jenen vom ,Lebensraum' oder für Hitlers Bemühungen um eine heoretische ,Fundierung' seines Rassismus und Antisemitismus zu."

Hitler saß zusammen mit 40 Gesinnungsgenossen ein. Die Räumlichkeiten hatten die Anmutung eines ersten "Braunen Hauses", also einer Parteizentrale. Der Trommler und seine Spießgesellen genossen jede Menge Sondervergünstigungen; Wünsche wurden großzügig erfüllt. Die Besuchszeit sah wöchentlich sechs Stunden vor; tatsächlich waren aber jeden Tag sechs Stunden lang Besucher da. Darunter zahlreiche Frauen. Blumen und Pakete für den prominenten Häftling, der sich gerne in Lederhose zeigte, füllten an Festtagen mehrere Räume. Gelegentlich glich Hitlers Zelle einem Delikatessenladen. Der Überfluss soll auch dazu gedient haben, das Wachpersonal gnädig zu stimmen. Regelmäßig lauschten die Wärter Vorträgen Hitlers in der Anstalt. "Kameradschaftsabende" waren an der Tagesordnung; dabei trat auch ein bewegungseigener "Oberbayerischer Isarkosakenchor" auf. Alles in allem ein "ungezwungener, eher in geselligen Formen verlaufender Aufenthalt", wie Hitlers Biograf Joachim C. Fest bilanzierte.

Der eigentlich zu fünf Jahren Haft Verurteilte konnte sich in Landsberg nicht nur in Demagogie weiterbilden, sondern fand auch noch Zeit zur Mitarbeit in der Häftlingszeitschrift "Der Landsberger Ehrenbürger - Amtsblatt der nationalsoz. Festungsgruppe Landsberg am Lech". Die braune Bande schrieb diese jeweils zum Wochenende erscheinende "Untergrundzeitschrift" mit Schreibmaschine und hektografierte sie heimlich.

Der als "Schriftsteller firmierende Hitler war, selbstredend, auf den Leitartikel abonniert. Aber der Teilzeit-Postkartenmaler versuchte sich auch als Illustrator und Karikaturist.

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