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29.04.2011

Hitler und der Clown

Karl Valentin
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Karl Valentin.
Bild: dpa

Zwei Neuerscheinungen beschäftigen sich mit dem Verhältnis des Münchner Volkssängers und Künstlers Karl Valentin zu den Nazis

München Karl Valentin und Adolf Hitler – könnte eine Begegnung schrecklich-komischer sein? Die Anekdoten über dieses Zusammentreffen, das angeblich 1937 in der Wohnung von Hitlers Leibfotograf Heinrich Hoffmann in München stattgefunden hat, jedenfalls sind es. Zwei Versionen werden immer wieder erzählt. Die erste stellt den bekannten Münchner Volkssänger als unerschrockenen Komiker vor. Hitler schmeichelt: „Ich habe oft genug über Ihre Aussprüche herzlich gelacht.“ Valentin kontert bayerisch-trocken: „Über Eahna’ne Reden hob i noch nia lachen kenna. Und jetzt muss i leider gehn – Grüaß God, Herr Hitla.“

Die zweite Version huldigt dem schauspielernden Clown, der sich mit einem spontan inszenierten Verzweiflungsakt dem Gespräch mit dem Tyrannen entzieht. Valentin fügt sich, als er in der Wohnung unerwartet mit Hitler konfrontiert wird, „durch eine Unachtsamkeit“ eine Schnittwunde am Finger zu. Hitler rät ihm, die Wunde verbinden zu lassen. Valentin mimt den Schwerverletzten, legt sich auf den Tisch im Speisezimmer, lässt sich einen Verband anlegen und macht sich danach schnell vom Acker. Hitler soll sich zwar amüsiert haben. Aber der Clown war ihm entwischt.

Zwei Bücher über Valentin sind gerade erschienen: „Karl Valentin und die Politik“ von Alfons Schweiggert und „Karl Valentin, der grantige Clown“ von Josef Memminger. Beide Autoren haben sich einige Mühe gemacht, der vielschichtigen Persönlichkeit Valentins gerecht zu werden. Und beide versuchen, das Verhältnis Valentins zur Politik, speziell zu den Nationalsozialisten zu beleuchten. Mit Sympathie und Verständnis nähert sich Schweiggert dem bis heute beliebten und vielleicht noch immer unterschätzten Künstler. Er zeichnet die Stationen seines Lebens nach, die Erfolge und Enttäuschungen in der Weimarer Republik und die Frustrationen in der Nazi-Zeit. In den Mittelpunkt stellt er Valentins Angst vor den Nazis, die schon 1933 in Dachau ihr erstes Konzentrationslager errichtet hatten und später eine bis dahin unvorstellbare Tötungsmaschinerie in Gang setzten.

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Schweiggert schreibt: „Valentin, der als Hypochonder und angstbesessener Mensch stets nur mit den schlimmsten aller Möglichkeiten rechnete, schien eher von jenen ungeheuerlichen Andeutungen, die sicher auch ihm zu Ohren gekommen sein mussten, dermaßen entsetzt gewesen zu sein, dass ihm die Angst den Mund verschloss.“ Die bekannten Vorwürfe, Valentin sei in zwei Situationen nicht davor zurückgeschreckt, andere Kunstschaffende und Geschäftsleute bei NS-Kulturbehörden schriftlich zu denunzieren, weist Schweiggert zurück.

Deutlich kritischer geht Memminger ans Werk. Obwohl sein Büchlein aus der Reihe „Kleine bayerische Biografien“ nicht den Anspruch erhebt, sich auf Valentins Verhältnis zur Politik zu konzentrieren, nimmt er als Historiker einige Quellen offenbar etwas genauer unter die Lupe.

Im Berliner Bundesarchiv förderte Memminger ein bisher unbekanntes Schreiben ans Licht, das als Beleg dafür dienen kann, dass Valentin sich bei der NS-Führung für die Freilassung seines Schwiegersohns Ludwig Freilinger aus Dachau eingesetzt hatte. Memminger: „Demnach konnte der ängstliche Karl Valentin durchaus einmal über seinen Schatten springen und mutiges Verhalten zeigen, wenn es denn nötig war.“ Die beiden heiklen Briefe Valentins an NS-Kulturbehörden allerdings wertet Memminger zwar als Ausfälle, aber durchaus als gefährliche Denunziation.

Auf die vielen Anekdoten aus Valentins Leben und die wunderbar subversiven Sprüche des großen Münchner „Wortzerklauberers“ verzichtet zum Glück keines der beiden Bücher. Sie geben, auch wenn in der mündlichen Überlieferung vermutlich viel Hinzugedichtetes dabei ist, jeder Valentin-Biografie ihre einzigartige Note. Abschließend erforscht aber ist Valentin und sein Verhältnis zur Politik damit sicher noch nicht. Dass er weder Widerstandskämpfer noch opportunistischer Mitläufer war, ist keine neue Erkenntnis.

JosefMemminger, Karl Valentin, der grantige Clown, Pustet-Verlag, 160 Seiten, 12,90 Euro

Alfons Schweiggert, Karl Valentin und die Politik, Verlag Sankt Michaelsbund, 192 Seiten, 14,90 Euro

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