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Prozess in München

12.01.2020

Horror-Behandlungsfehler: Mann am falschen Auge operiert

Im OP-Saal muss das Team mehrmals kontrollieren, ob der richtige Patient im Raum ist – und dass die richtige Seite seines Körpers gekennzeichnet ist.
Bild: dpa

Plus Ein Chirurg operiert Ali C. am falschen Auge. Fünf Jahre später kämpft der Rosenheimer noch immer um Schmerzensgeld - und sein Augenlicht.

Zwei Minuten. Das ist in etwa so lange wie einmal Zähneputzen, kurz den Müll rausbringen oder am Bankautomaten Geld abheben. Für Ali C. ist das die Zeitspanne, in der sich seine Zukunft entscheidet.

Zwei Minuten – so lange dauert der Termin am Oberlandesgericht in München vor wenigen Tagen. Um Punkt 8.57 Uhr betritt der Vorsitzende Richter, Thomas Steiner, den Saal, durch dessen hohe Fenster die Morgensonne scheint. Vor ihm sitzen ausschließlich Journalisten. Die Betroffenen und ihre Anwälte sind nicht erschienen, das sei bei so einem Termin unüblich. Steiner verkündet kurz und sachlich, wie es im Fall Ali C. weitergeht. Er spricht kein Urteil, stattdessen ergeht ein Beweisbeschluss. Das heißt, das Gericht will ein weiteres Gutachten eines Sachverständigen einholen. Es geht darum, festzustellen, wie hoch das Risiko ist, dass der Behandlungsfehler, den Ali C. erlitten hat, noch schwerwiegendere Folgen haben könnte. Ein paar Sätze und Erklärungen, dann ist der Termin um 8.59 Uhr vorbei. Doch für Ali C. ist die Geschichte noch lange nicht zu Ende.

Der 37-Jährige fürchtet nach dem Behandlungsfehler noch immer um sein Augenlicht

Was der Rosenheimer vor fünf Jahren erlebt hat, gleicht einem Albtraum. Die Horrorvorstellung eines jeden Patienten, der sich in die Obhut eines Chirurgen begibt. Ali C. hat schon seit Jahren Probleme mit dem linken Auge. Wegen einer Hornhautverkrümmung sieht er nur schlecht, um eine Operation kommt er irgendwann nicht mehr herum. Anfang 2015 ist es so weit, in einem Münchner Klinikum soll ihm eine neue Hornhaut transplantiert werden. Der Patient liegt schon in Vollnarkose, als der Anästhesist das falsche Auge abklebt. Dem Operateur fällt das nicht auf, er setzt ein Hornhauttransplantat in das falsche, rechte Auge ein. Ali C.s Sehkraft auf dem gesunden Auge lag vor dem Eingriff bei 90 Prozent, er konnte ohne Kontaktlinsen fernsehen und mit seinem Kind spielen. Heute geht das nicht mehr, ohne Sehhilfe liegt seine Sehkraft nur bei zehn Prozent.

Der Betroffene Ali C. im Dezember am Oberlandesgericht München.
Bild: dpa


Was Ali C. widerfahren ist, passiert in deutschen Kliniken immer wieder. In seltenen Fällen wird das verkehrte Knie oder Auge operiert, in anderen werden schadhafte Herzschrittmacher, mangelhafte Hüftprothesen oder giftige Brustimplantate eingesetzt. Wie oft solche Behandlungsfehler genau verkommen, lässt sich allerdings schwer beziffern. Denn in Deutschland gibt es dafür kein offizielles Register. Das Bundesgesundheitsministerium schätzte die Zahl der Behandlungsfehler zuletzt auf ungefähr 170.000 im Jahr, nur ein Bruchteil davon wird gemeldet. Als Ali C. aus der Narkose erwacht, merkt er sofort, dass etwas nicht stimmt. Bei anderen Patienten dauert es unter Umständen Jahre, bis sie feststellen, dass etwas schiefgelaufen ist.

Über das, was damals passiert ist, möchte der heute 37-Jährige in diesen Tagen ungern sprechen. Deshalb erzählt seine Ehefrau Zeynep an seiner Stelle die Geschichte. Sie begleitet ihren Mann an jenem Nachmittag vor fünf Jahren bis vor die Tür des OP-Saals. Die Ärzte schätzen, dass der Eingriff 90 Minuten dauern soll. Stunden vergehen, ohne dass Zeynep C. erfährt, wie es ihrem Mann geht. Am Abend klingelt sie an der Tür zum OP. "Als die Schwester herauskam und so freundlich zu mir war, da wusste ich: Etwas Schlimmes ist passiert."

Seine Frau erzählt, was er nach der Operation stammelte

Zeynep C. muss OP-Kleidung anziehen, dann darf sie zu ihrem Mann. "In diesem Moment ist mir so viel Furchtbares durch den Kopf gegangen. Vielleicht ist er nicht aus der Narkose erwacht? Hat man einen Tumor entdeckt?" Zeynep C. betritt den OP-Saal, doch ihr Mann erkennt sie nicht. Er ist so gut wie blind. Als er seine Frau wahrnimmt, ist er den Tränen nahe, stammelt: "Schau mal, die haben das falsche Auge operiert." Sie können es nicht glauben, sind wütend, weinen, fordern eine Erklärung vom Operateur. Auch eine Anfrage unserer Redaktion lässt dieser unbeantwortet.

Das, was Ali C. bei der Hornhauttransplantation passiert ist, stellt für Wolfgang Rechl eine Ausnahme dar. "Dass ein Patient am falschen Auge operiert wird, darf einfach nicht passieren", sagt der Vizepräsident der Bayerischen Landesärztekammer und Facharzt für Innere Medizin in Weiden in der Oberpfalz. Dafür gibt es Rechl zufolge zu viele Sicherheitsmaßnahmen in den Kliniken, die verhindern, dass ein Arzt den falschen Patienten oder das falsche Körperteil behandelt.

Diese Ansicht teilt auch Ruth Hecker, Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit und Fachärztin für Anästhesie am Universitätsklinikum Essen. Dort ist sie federführend für die Sicherheit der Patienten zuständig. Sie zählt einige solcher Sicherheitsmaßnahmen auf: Zum Beispiel müssen Ärzte im Vorfeld den Patienten exakt aufklären, welche Schritte sie vornehmen, also auch, auf welcher Seite behandelt wird. Und: Der Arzt muss die zu operierende Seite mit einem Kreuzchen kennzeichnen. Sobald der Patient im OP ist, überprüft das OP-Team alle Befunde, Röntgenbilder und Dokumente. Alles muss stimmig sein. "Und bevor der Operateur schneidet, gibt es ein kurzes Team-Time-out." Dann steht man zusammen am OP-Tisch und spricht alle Fakten durch. Wer ist der Patient? Welche Seite wird operiert? Was ist zu beachten? "Von der Station bis zum Schnitt sind also verschiedene Stopps eingebaut, die einen Fehler verhindern sollen." Das Gleiche hätten 2015 auch die Ärzte zu Ali C. gesagt, erzählt Ehefrau Zeynep. "Uns hat man erklärt, dass es in der Klinik fünf Sicherheitsmaßnahmen gibt, bis der Operateur losschneidet. Aber bei meinem Mann haben anscheinend alle versagt."

2009 machten Ali C. und seine Frau sich mit einem eigenen Friseursalon in Rosenheim selbstständig. 2011 bekommen sie eine Tochter. "Mein Mann hat lange gewartet mit der OP und seine Gesundheit immer hinten angestellt", erzählt Zeynep C., "das Geschäft und die Familie waren immer wichtiger." 2015 lässt sich Ali C. endlich operieren. Und dann das.

Nach der verpfuschten Hornhauttransplantation beginnt für die Familie eine schwere Zeit. Ali C. verbringt die ersten zwei, drei Wochen im Krankenhaus, Monate später wird das linke Auge, an dem er die Hornhautverkrümmung hat, operiert. In dieser Zeit ist er so gut wie blind, erzählt seine Ehefrau. "Mittlerweile geht es Ali wieder besser. Die Fäden sind raus, er kann wieder Kontaktlinsen tragen. Er hat wieder 50 Prozent Sehkraft. Aber er kann immer noch nicht wieder voll arbeiten." Wie es so weit kommen konnte, kann sie sich bis heute nicht erklären.

Schwere Behandlungsfehler: An diese Stellen können sich Betroffene wenden

Mit solchen schweren Behandlungsfehlern hat Anja Lehmann nur in seltenen Fällen zu tun. Die Juristin arbeitet bei der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland und telefoniert jeden Tag mit Menschen, die nach einem Behandlungsfehler Hilfe brauchen. Sie erklärt: "Der Patient muss wissen, dass er in der Regel beweisen muss, dass der Arzt einen Fehler gemacht hat." Und nicht nur das. Er muss außerdem belegen, dass er einen Schaden erlitten hat und dass dieser Schaden durch den Fehler des Arztes ausgelöst wurde. Das ist schwer genug.

Doch es gibt Stellen, die helfen können und ein kostenloses medizinisches Gutachten erstellen. Zum Beispiel der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) oder die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Landesärztekammern. Mit diesem Gutachten kann der Patient dann Schadenersatz und Schmerzensgeld mit der Haftpflichtversicherung des Arztes oder der Klinik aushandeln. Wenn das scheitert, bleibt die Möglichkeit, Klage einzureichen. Am besten mit der Hilfe eines Anwalts, zum Beispiel eines Spezialisten für Medizinrecht.

Auch Ali und Zeynep C. haben diesen Weg eingeschlagen. Die Haftpflichtversicherung des Arztes zahlte für den verursachten Schaden 21.000 Euro. "Schmerzensgeld haben wir bisher nicht bekommen." Das Landgericht München hat Ali C. 70.000 Euro zugesprochen, allerdings haben sowohl er als auch der Arzt gegen dieses Urteil Berufung eingelegt. Ali C. fordert zum einen 100.000 Euro Schmerzensgeld. Zum anderen, dass die Versicherung des Arztes auch für zukünftige Schäden aufkommt. Das eingesetzte Hornhautimplantat dürfte höchstens 30 Jahre halten, hat ein Gutachter ausgerechnet. Niemand kann sicher wissen, ob sein Körper ein weiteres Implantat annimmt. Falls nicht, würde Ali C. erblinden, bekäme aber kein weiteres Geld, sagt seine Anwältin Claudia Thinesse-Wiehofsky bei der ersten Verhandlung im Dezember.

So weit wie Ali C. kommen andere Betroffene oft gar nicht, erklärt Anja Lehmann von der Unabhängigen Patientenberatung. "Die Dunkelziffer an Behandlungsfehlern ist hoch, weil viele Menschen sie nicht erkennen, verfolgen oder sich nicht an den MDK oder die Schlichtungsstelle oder Gutachterkommission wenden." Statistiken zur Zahl der Behandlungsfehler gibt es nur bei den Stellen, die solche Fehler begutachten. Der Dachverband des MDK untersuchte 2018 insgesamt 14.133 Fälle. 2799 davon waren auf den Fehler eines Arztes zurückzuführen. Die Bundesärztekammer zählte 1499 solcher Behandlungsfehler.

Auch Mediziner leiden unter Behandlungsfehlern

Für Peter Bauer, Patienten- und Pflegebeauftragter der Staatsregierung, sagen diese Statistiken viel über das Thema aus. Bei über einer Milliarde Patientenkontakten in Deutschland pro Jahr seien das sehr wenige. "Trotzdem darf man das auf keinen Fall kleinreden. Jeder Behandlungsfehler ist für den Patienten ein dramatisches Erlebnis."

Auch wenn sich in deutschen Kliniken gute Mechanismen entwickelt haben, die die Sicherheit der Patienten erhöhen, ist für Wolfgang Rechl von der Bayerischen Landesärztekammer jeder Fehler einer zu viel. Denn er weiß: Nicht nur der Patient leidet unter den Folgen, sondern oft auch der Arzt. "Natürlich ist in erster Linie der Betroffene der Leidtragende.

Bei den Medizinern spricht man auch von second victims, also zweiten Opfern." Viele sorgfältig arbeitende Ärzte belastet es schwer, wenn ihnen Fehler passieren. "In gewissen Fällen sind Kollegen traumatisiert, dann muss natürlich auch dem Arzt geholfen werden." Nichtsdestotrotz fordert Wolfgang Rechl bei allen Fällen eine offene und saubere Kommunikation mit den Betroffenen. "Der Arzt muss dem Patienten immer genau erklären, was falsch gelaufen ist und wie es zu dem Fehler kam." Aus Rechls Sicht muss der Arzt keine Schuld auf sich nehmen, denn diese festzustellen, ist nicht Sache des Mediziners, sondern des Gerichts. Viele Patienten dürften das anders sehen.

Bis das Oberlandesgericht eine endgültige Entscheidung im Fall Ali C. treffen wird, können nach Angaben des Vorsitzenden Richters Thomas Steiner noch einige Wochen vergehen. Vielleicht ist dann für Ali C. der Moment gekommen, um mit seiner fünfjährigen Odyssee endlich abzuschließen.

Lesen Sie auch: Behandlungsfehler: Patientin gerät während Operation in Flammen

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Die Diskussion ist geschlossen.

14.01.2020

70.000 EUR für den Schaden, die Schmerzen und die Angst vor der Erblindung im Tausch für einen Persilschein, nicht für weitere Folgekosten aufkommen zu müssen, für die Versicherung des Arztes damit wäre ich als Betroffener auch nicht einverstanden.
Eher etwas in die Richtung 200.000 EUR Schmerzensgeld und übernahme weiterer Folgekosten... alles andere wäre ein Witz

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