Newsticker

Rund 150.000 Corona-Infizierte und fast 3000 Tote in den USA
  1. Startseite
  2. Bayern
  3. Hunderte Lehrer demonstrieren jetzt auch in Augsburg

Lehrerproteste

14.02.2020

Hunderte Lehrer demonstrieren jetzt auch in Augsburg

„Mehr Wertschätzung“ forderten die Lehrer in Augsburg auf großen Bannern.
Bild: Silvio Wyszengrad

Kultusminister Piazolo will den Lehrermangel abwenden, indem die vorhandenen Pädagogen mehr arbeiten. Die Betroffenen sind „auf 180“.

Wertschätzung: Sechs! Rechenfähigkeit: Sechs! Zukunftsfähigkeit: Sechs! Das Zeugnis, das Schwabens Lehrer dem Kultusminister ausstellen, ist verheerend. Grund-, Mittel-, und Förderschullehrer protestierten am Freitag in Augsburg gegen den Notfallplan, mit dem die Regierung den Lehrermangel im nächsten Schuljahr abwenden will. Nach Angaben der Polizei kamen rund 500 Pädagogen in die Innenstadt, die Lehrerverbände sprechen von bis zu 1000.

Der Annahof in der Fußgängerzone ist ein Schilderwald, das Pfeifkonzert riesig, wann immer der Name von Michael Piazolo (Freie Wähler) fällt: „Wir sind auf 180“ ist zu lesen, „Wir können nicht alles auffangen“ und: „Wir brauchen keinen Professor als Kultusminister, sondern einen, der rechnen kann!“ Piazolo, selbst habilitierter Politikwissenschaftler, hatte im Januar höchst umstrittene Maßnahmen vorgestellt, um die erwartete Lücke von 1400 Lehrern an Bayerns Schulen zu füllen: Mehrarbeit für Voll- und vor allem Teilzeitkräfte, vorerst kein Ruhestand vor 65 Jahren und keine Sabatticals mehr.

Die Polizei sprach von 500, die Veranstalter von 1000 Teilnehmern.
Bild: Silvio Wyszengrad

Proteste: Lehrerin berichtet von 50-Stunden-Woche

Grundschullehrerin Jana Römer ist aus dem Kreis Donau-Ries gekommen. Sie arbeitet eigentlich Teilzeit, häuft aber gerade Arbeitszeit für ein Sabbatjahr an und steht deshalb die volle Stundenzahl im Klassenzimmer. Nach dem aktuellen Stand sind bereits genehmigte Auszeiten nicht in Gefahr. Römer, die im Vorstand des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands von Donauwörth aktiv ist, fürchtet trotzdem um ihre Pläne. Sie leitet eine sogenannte Kombiklasse, in der Schüler der dritten und vierten Klasse zusammen lernen. Deshalb schreibt die 52-Jährige doppelt so viele Proben wie in einer normalen Klasse – deutlich mehr als 30. Sie komme mit Vor- und Nachbereiten mindestens auf eine 50-Stunden-Woche. „Das geht an die Substanz.“

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Lehrermangel: Pädagogen fühlen sich übergangen

Eine andere Lehrerin ist aus Richtung Neu-Ulm angereist. Sie hat Angst um ihre Verpflichtungen abseits der Schule. Bisher unterrichtet sie 16 Stunden pro Woche. Die übrige Zeit brauchte sie, um ihre Kinder großzuziehen. Jetzt sind die zwar erwachsen, doch die Zeit neben der Schule ist mit Ehrenämtern ausgefüllt. „Ich engagiere mich zum Beispiel im Pfarrgemeinderat.“ Nach der neuen Regel muss die Lehrerin – sie ist über 50 – mindestens acht Stunden mehr Unterricht halten. „Das ist keine Teilzeit mehr.“ Für Fortbildungen abseits des regulären Unterrichts sei dann kein Platz. „Der Unterricht wird dadurch weniger vielfältig.“ Vom Kultusministerium fühlt die Lehrerin sich übergangen. „Den Schülern sollen wir demokratische Grundwerte vermitteln. Gleichzeitig werden Maßnahmen wie die jetzigen uns selbst von oben herab diktiert.“

Lehrer-Demonstration in Augsburg

In Augsburg gingen heute mehrere hundert Lehrer gegen die Pläne von Kultusminister Piazolo auf die Straße. BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann erklärt im Video, was sich aus Sicht der Pädagogen ändern muss. Mehr dazu lest ihr hier: www.azol.de/56759566

Gepostet von Augsburger Allgemeine am Freitag, 14. Februar 2020

Lehrerdemo: CSU und Freie Wähler ausgebuht

Neben den Veranstaltern der Demo, Vertretern der Lehrerverbände BLLV, KEG und GEW, sprechen auf der Bühne auch Politiker der SPD, der Grünen, CSU und Freie Wähler. Während sich die ersteren beiden mit den Lehrern solidarisieren und bejubelt werden, ist beim Statement des CSU-Manns Wolfgang Fackler kein Wort zu verstehen. Seine Sätze gehen im Pfeifkonzert unter. „So nicht, so nicht“, skandieren die Lehrer. Johann Häusler, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler im Landtag, versucht seinen Minister zu verteidigen. Er sei schließlich erst seit 15 Monaten im Amt. Er kann nichts für das, was in der Vergangenheit versäumt wurde, könnte man seine Worte übersetzen. Vorher war das Kultusministerium jahrzehntelang von der CSU geführt worden. Tatsächlich ist Minister Piazolo eigentlich für eine Gleichbezahlung aller Lehrer, konnte sich in den Koalitionsverhandlungen aber nicht durchsetzen. Deshalb verdienen Grund-, Mittel-, und Förderschullehrer noch immer weniger als ihre Kollegen an Realschulen und Gymnasien.

Das zu ändern, ist eine Forderung der demonstrierenden Lehrer in Augsburg. Sie wollen auch mehr Mitspracherecht beim Auffangen des Lehrermangels und Entlastungen bei Verwaltungsaufgaben fernab des Unterrichts. Zuletzt hatten Pädagogen unter anderem in Würzburg, Nürnberg und Eichstätt demonstriert – teils mit mehreren tausend Teilnehmern.

Lesen Sie dazu auch: Krisenplan: Drei Notfallregeln ärgern Bayerns Lehrer

Sollen Lehrer mehr arbeiten? Auch in unserer Redaktion gehen die Meinungen dazu auseinander.

Lesen Sie hier den Pro-Kommentar: Dass sich Lehrer beklagen, ist unerträgliches Gejammer

und den Kontra-Kommentar: Mehrarbeit für Lehrer? Schluss mit den Stammtisch-Parolen

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

15.02.2020

Ich kann den Unmut vieler Lehrer verstehen, aber soviel Urlaub ( unterrichtsfreie Zeit) wie Lehrer, hat kein anderer Arbeitnehmer plus Vor- und Nachbereitungszeit. Ich bin Erzieher arbeite mit behinderten/ von Behinderung bedrohten Kindern am Vormittag, am Nachmittag arbeite ich im Hort und habe zwei Vorbereitungsstunden in der Woche, 30 Tage Urlaub und muss bis 67 arbeiten. Also wenn man als Lehrer schreit, muss für alle im sozialen Bereich Gerichtigkeit herrschen, auch für Lehrer! Für Lehrer die selben Regelen wie in anderen sozialen Bereichen: 30Tage Urlaub, in den Ferien muss Ferienprogramm angeboten werden, feste Vorbereitungszeiten unter der Woche und vor den Ferien kein früheres Unterichtsende, feste Arbeitszeit (kein unentgeltliches Zusatzarbeiten), Pension mit 67!

Permalink
15.02.2020

Das trifft den Nagel auf den Kopf!

Permalink
14.02.2020

Gut - wenn sie dafür Zeit haben kann die Belastung wohl nicht so hoch sein :-)

Permalink
14.02.2020

Danke für diese Geräusch. Mal selber überlegen, wie die Laune wäre, wenn unbezahlte Mehrarbeit angeordnet würde. Vor allem, wenn die Leistung bereis jetzt unter miserablen Bedingungen erbracht wird. Aber aus der eigenen Rentnercouch ist gut klugscheissen.

Permalink
Das könnte Sie auch interessieren