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Leben

25.12.2018

Ihr Kinderlein kommet! Eine Hebamme über ihren anstrengenden Job

Da freuen sich gleich zwei Frauen auf das Kind: Henriette Mayer (liegend) und ihre Hebamme Marika Schneider.
Foto: Bernhard Weizenegger

Plus Die Geburt ist ein unbeschreiblicher Moment, den die Hebamme Marika Schneider schon 4700 Mal erlebt hat. Doch ihr Beruf ändert sich.

Sehen will sie dieses Glück. Immer wieder. In den Augen der Frau. In den Augen des Mannes. Das ist der Moment. „Unbeschreiblich“, sagt Marika Schneider. „Dieses Gefühl kann ich nicht in Worte fassen.“ Sie lächelt. Überwältigend sei es. Einzigartig. Diese Minuten sind jede Mühe wert. Alles lassen sie vergessen. Alles lohnt sich dafür.

Über 4700 Mal hat Marika Schneider dieses Glück schon erleben dürfen. Ein Geschenk, jedes Mal. Sie zu fragen, ob es an Weihnachten, an diesem globalen Fest der Geburt Christi, noch größer ist, noch eindrücklicher ihr Empfinden, verbietet sich eigentlich. Denn hier sitzt jemand zwischen unzähligen Babyfotos, Dankeskarten, beschrifteten Engelsflügelchen und Herzen, der dafür lebt, anderen ins Leben zu helfen. Egal an welchem Tag. Egal zu welcher Uhrzeit. Egal, ob Weihnachten oder Ostern ist. Seit 29 Jahren. Marika Schneider ist Hebamme mit Leib und Seele.

Eine Hebamme hat eigentlich nie frei

Die 50-Jährige sitzt auf einem Stuhl zwischen einer großen, bequemen Liege mit einem riesigen Stillkissen, stapelweise lilafarbenen Gymnastikmatten und einem Wehenschreiber, der auch die Herztöne des Kindes kontrolliert. Die Wand hinter ihr zieren zwei Gipsabdrücke eines wohlgeformten Babybauchs. Es sind die ihres eigenen Bauchs. Angefertigt, als Marika Schneider selbst schwanger war. Mit Maxima, ihrer heute 15-jährigen Tochter. Ein Plakat, das detailreich die Anatomie des weiblichen Beckenbodens zeigt, hängt auf der anderen Seite an der Wand. In diesem Raum im Untergeschoss eines hübsch dekorierten Hauses in Ichenhausen (Landkreis Günzburg), in dem Marika Schneider zusammen mit ihrer Tochter und ihrem Mann lebt, wurden schon tausende Mütter – und auch Väter – auf die Geburt vorbereitet. Danach kommen sie oft wieder, um beim Umgang mit ihrem neugeborenen Kind begleitet zu werden. Und die Frauen, um Rückbildungsgymnastik zu machen.

Heute hat Marika Schneider frei. Eigentlich. „Drei Hausbesuche habe ich aber schon gemacht. Und später schaue ich noch bei einer Frau vorbei.“ Richtig frei hat Marika Schneider selten. Kein Wunder. Perfekt planbar sind Geburten in der Regel nicht. Oft überlegen es sich die Kleinen anders. Kommen früher. Haben es besonders eilig. Wie damals.

Das Baby kam im Parkplatzlicht zur Welt

Marika Schneider war zwar schon in der Klinik, als der Anruf kam – sie arbeitet seit vielen Jahren als freiberufliche Hebamme in den Kreiskliniken Günzburg-Krumbach. Doch bis zum Kreißsaal haben es Mutter und Kind nicht mehr geschafft. „Dabei ist der Papa Polizist.“ Konnte also schneller fahren als andere. Es hat aber nicht gereicht. Das Köpfchen war schon draußen, als Marika Schneider an dem kühlen Herbstabend „mit dem Abnabelungspaket und vor allem warmen Tüchern“ zum Auto raste und „im dezenten Parkplatzlicht und zum Glück auf abwischbaren Ledersitzen“ der Mutter half, ihr Kind zur Welt zu bringen.

Auch im Krankenwagen werden viele Kinder geboren. Gut kann sich Marika Schneider an den Anruf einer nervösen Notärztin erinnern, die gerufen hat: „Ein Beinchen ist schon da!“ Und Marika Schneider flitzte wieder einmal los, riet der Notärztin zuvor aber noch: „Nicht ziehen am Bein!“

Die überwiegende Mehrheit der Mütter schafft es aber. Kommt noch rechtzeitig in den Kreißsaal. Stressfrei ist es dann für die Hebammen auch nicht immer. Aber Marika Schneider hat gewusst, auf was sie sich einlässt. Schon als junges Mädchen wollte sie Hebamme werden. Wie ihre Tante Rosa. Die war allerdings gar nicht begeistert davon, dass ihre Nichte in ihre Fußstapfen treten will. Nie Feierabend. Immer im Dienst. Ein Knochenjob für eine junge Frau, die doch selbst Familie haben möchte. Und dann diese Geburten selbst. Nicht selten eine kräftezehrende Tortur. So nahm Tante Rosa die 13-jährige Marika kurzerhand mit. In den Kreißsaal. Als Abschreckung. Sollte das Mädchen nur mal sehen, auf was es sich da einlassen will. „Doch ich war begeistert“, erinnert sich Marika Schneider noch gut. „Was für ein Erlebnis! Danke, Tante Rosa, habe ich gesagt. Ich werde Hebamme.“

Früher waren Geburten selbstverständlicher

Allerdings waren Geburten früher selbstverständlicher. „Dass eine Bäuerin heute anruft und sagt: ,Beim Stallausmisten haben die Wehen eingesetzt. Jetzt frühstücke ich noch. Dann dusche ich und dann komme ich.‘ Das kommt heute nicht mehr vor“, sagt Marika Schneider. Einerseits wünschen sich zwar viele eine möglichst natürliche Geburt. Andererseits wachsen aber die Ansprüche. Und oft auch die Ängste. Nicht wenige ziehen daher die Geburt in einer großen Klinik vor. Einer Klinik, die auch eine Kinderklinik hat, die auf alle Notfälle eingerichtet ist. Marika Schneider kann das nicht verstehen. So lange keine Komplikationen absehbar sind, würde sie ein kleineres Haus vorziehen. Denn für sie ist die familiäre Atmosphäre wichtig. Die persönliche Betreuung. Die herzliche Beziehung zu den werdenden Eltern.

Da freuen sich gleich zwei Frauen auf das Kind: Henriette Mayer (liegend) und ihre Hebamme Marika Schneider.
Foto: Bernhard Weizenegger

Doch immer mehr kleinere Geburtsabteilungen schließen. Auch in der Region. Das jüngste Drama spielt sich in Aichach ab: In der nagelneuen und topmodernen Klinik für 50 Millionen Euro hat die eingerichtete Geburtsstation noch gar nicht eröffnen können. Trotz massiver Bürgerproteste. Trotz des Einsatzes der Politik. Denn es fehlen Hebammen.

Nicht alle wollen, nicht alle können auch aufgrund der eigenen familiären Situation so viel arbeiten wie Marika Schneider. Ausgleich für den hohen Einsatz ist oft die Wertschätzung, sagt sie. Viele Mütter halten Kontakt zu ihrer Hebamme. Und sie kennen sie natürlich auch noch nach Jahren: „Hallo Frau Schneider! Können Sie sich noch erinnern? Wie geht es Ihnen?“, hört Marika Schneider ständig. Auf der Straße, im Restaurant, im Supermarkt. „Ich komme mir manchmal vor wie der Herr Kaiser früher aus der Versicherungswerbung.“ Unangenehm ist ihr ihre Bekanntheit nicht. Im Gegenteil. Wenn sie so erzählt von diesen spontanen, schönen Begegnungen, schwingt ein wenig Stolz mit.

Der Beruf hat viele schöne Seiten

Eine Begegnung jetzt im Dezember war außergewöhnlich. Eine junge Frau macht einen Termin bei ihr aus. Und erzählt, gleich als sie in die Praxis kommt: „Ich wurde damals adoptiert. Können Sie sich noch erinnern?“ Als die junge Frau weiter erzählt, bekommt Marika Schneider eine Gänsehaut. Jedes Härchen an ihren Armen stellt sich auf. „Was für ein Moment war das!“ Marika Schneider strahlt. Denn sie kann sich erinnern. An den Fall. Als eine verzweifelte Mutter sofort nach der Geburt ihre Tochter zur Adoption freigab. Der Vater war illegal im Land. Die Mutter traute sich nicht zu, das Kind allein großzuziehen.

Für die Adoptiveltern war es das größte Glück. Marika Schneider kümmerte sich um die Kleine, die heute 22 Jahre alt ist. Und ein Kind erwartet. Längst kennt sie auch ihre leibliche Mutter. Und hat einen großen Wunsch: Ihre Hebamme von damals soll auch heute helfen, ihr Kind auf die Welt zu bringen. Ein Wunsch, den Marika Schneider nur zu gerne erfüllt. „Das sind doch die schönsten Seiten meines Berufs.“

Fünf Geburten in zwölf Stunden

Doch Marika Schneider kennt auch die anderen Seiten. Die Schattenseiten. Sie ist viel zu geerdet, um nur zu schwärmen. Oft muss das Glück hart erarbeitet werden. „Fünf Geburten innerhalb von zwölf Stunden“, war erst vor kurzem ihre Bilanz. Mit dem Weihnachtslied „Ihr Kinderlein kommet“ habe ihr an diesem Tag niemand mehr kommen brauchen, erzählt sie schmunzelnd. Da ist man nur geschafft. Denn so unvergleichbar schön ihr Beruf auch ist – er ist auch sehr anstrengend. Körperlich wie psychisch. Die Hebamme muss bei der Geburt immer die Ruhe bewahren. Kraft geben. Mut zusprechen. Optimismus ausstrahlen. Egal, wie lange es dauert. Egal, wie knifflig es wird. Egal, wie stressig. Sie trägt das Risiko.

„Doch ich habe ein gutes Bauchgefühl“, sagt Marika Schneider. „Es hat mich nie getrogen.“ Leider auch nicht bei den Fällen, in denen es nicht gut ging. Wenn sie sich an die seltenen Fälle erinnert, verändert sich ihr Gesichtsausdruck. Die groß gewachsene Frau, die so offen und mitreißend erzählt von ihrem erfüllten Leben im Dauereinsatz zwischen werdenden Müttern, Vätern und bestaunenswerten kleinen Geschöpfen, die immer wieder einstreut, wie froh sie ist, selbst ein Kind zu haben, einen fürsorglichen Mann – wird plötzlich still. Blickt auf ihre Hände in ihrem Schoß.

Es sind Schicksalsschläge, über die wenig gesprochen wird. Weil es immer noch Tabuthemen sind. Fehlgeburten. Totgeburten. „Darauf war ich gerade damals, als ich als Hebamme begonnen habe, gar nicht vorbereitet“, sagt sie leise. „Das hat uns keiner gelernt.“ Gerade am Anfang ihres Berufslebens hat sie ein paar Fehl- und Totgeburten verkraften müssen. Zu den Selbstzweifeln kommen Gewissenskämpfe. Hätte ich es verhindern können? Habe ich etwas übersehen? Habe ich einen Fehler gemacht? Es kamen damals Gedanken aufzuhören. Doch heute kann sie sagen, dass in den allermeisten Fällen alles gut gegangen ist. Passieren kann immer etwas.

Die wenigsten Hebammen machen noch Geburtshilfe

Doch das große Risiko, das Hebammen bei der Geburt tragen, veranlasst viele, sich von der Geburtshilfe zu verabschieden. Marika Schneider ist mittlerweile eine Ausnahme. Die meisten ihrer Kolleginnen konzentrieren sich auf die Vorsorge. Oder die Nachsorge. Oder auf beides. Aber die Geburtshilfe selbst bieten immer weniger an. Gerade auch, weil die in den vergangenen Jahren enorm gestiegenen Haftungsprämien immer weniger Hebammen zahlen können und wollen.

Hier gibt es mittlerweile Abhilfe, betont Astrid Giesen. Auch sie ist eine leidenschaftliche Hebamme. Eine, die sich seit Jahren als Vorsitzende im bayerischen Hebammenverband für verbesserte Arbeitsbedingungen starkmacht. Ein Einsatz, der allmählich Früchte trägt, wie sie sagt. Die finanzielle Unterstützung bei den teuren Haftungsprämien. Die finanzielle Unterstützung der Politik für Kommunen, die die Arbeit der Hebammen unterstützen. Die Einrichtung von Hochschulen, an denen Frauen künftig Hebammenwissen studieren können. All dies helfe, den Beruf aufzuwerten.

Doch für die 56-Jährige steht auch fest: Ohne eine bessere Bezahlung werden immer weniger den Beruf ergreifen. Und mindestens ebenso wichtig ist für sie: „Hebammen müssen wieder Primärversorgerinnen von Mutter und Kind werden.“ Und: „Die Geburt muss wieder als natürlicher Prozess gesehen werden und nicht als Problem, als Krankheit.“ 25 Jahre lang war Astrid Giesen in der Geburtshilfe. Immer sei es ein Ausnahmezustand. „Und es ist eine Intimität, die man mögen muss“, betont sie. „Das kann nicht jede. Bei der Geburt ist jede Frau echt. Jede Fassade fällt.“

Doch der Moment, an dem das Kind dann da ist, ist der schönste. Einfach ein Glück. Eines, das man immer wieder erleben will.

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