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Gesundheit

03.12.2020

Immer mehr Kinder wegen Sprachstörungen in Behandlung

Kinder und Jugendliche in Deutschland haben in den vergangenen Jahren immer häufiger sprachtherapeutische Behandlungen benötigt.
Bild: Marijan Murat, dpa

Plus Eine Studie stellt fest, dass Kinder und Jugendliche immer häufiger wegen Sprachentwicklungsstörungen behandelt werden. Was die Ursachen dafür sein könnten.

Reime aufsagen, Zungenbrecher lernen, Kinderlieder singen oder Wortspiele spielen. Was für manchen Erwachsenen vielleicht eher nach Rumgealber klingt, kann für Kinder eine gute Möglichkeit sein, um sprechen zu üben – immerhin eine der wichtigsten Kernkompetenzen, die kleine Mädchen und Buben lernen müssen. Beachtenswert scheint in diesem Zusammenhang daher eine kürzlich veröffentlichte Studie der KKH Kaufmännischen Krankenkasse, die zu dem Ergebnis kommt: Bei immer mehr Kindern und Jugendlichen werden Sprachentwicklungsstörungen festgestellt.

Zwischen 2009 und 2019 stieg der Anteil der diagnostizierten Kinder um 56 Prozent

Die Daten der KKH zeigen, dass die Anzahl der diagnostizierten Sechs- bis 18-Jährigen zwischen 2009 und 2019 um rund 56 Prozent gestiegen ist. Diese Kinder haben beispielsweise Defizite beim Wortschatz, Schwierigkeiten, bestimmte Laute zu artikulieren oder auch Sätze zu bilden und zu verstehen. Immer mehr Kinder und Jugendliche benötigen deshalb eine sprachtherapeutische Behandlung. So nahm die Zahl der therapierten Elf- bis 14-Jährigen von 2009 bis 2019 um 117 Prozent zu, die der 15- bis 18-Jährigen sogar um 142 Prozent.

Ähnliche Daten darüber, wie häufig Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen diagnostiziert und therapiert werden, erfasst auch die AOK Bayern. In einem jährlichen Bericht heißt es: „In der Gruppe der Drei- bis Fünfjährigen dominieren die Leistungen, die aufgrund von Sprachentwicklungsstörungen rezeptiert wurden. Diese Diagnose bleibt auch in den höheren Altersgruppen bis einschließlich der Elfjährigen auf dem ersten Platz.“ Der Bundesverband für Logopädie ergänzt nach Anfrage unserer Redaktion weitere Zahlen: Nach Angaben des GKV-Spitzenverbandes ist die Zahl der Behandlungseinheiten in der Logopädie insgesamt und in allen Altersgruppen von 2009 bis 2019 um 56,44 Prozent gestiegen. Was hat das zu bedeuten?

Annegret Ott unterrichtet an der Berufsfachschule für Logopädie in Augsburg das Fach „Sprachentwicklung bei Kindern“ und weiß solche Daten zu interpretieren: „Es bedeutet nicht, dass mehr Kinder von Sprachentwicklungsstörungen betroffen sind. Dieser Anteil liegt seit vielen Jahren konstant zwischen sechs und zehn Prozent.“ Stattdessen würden die Daten belegen, dass immer mehr Kinder und Jugendliche mit einer Sprachentwicklungsstörung tatsächlich behandelt werden. „Das ist eine gute Sache“, sagt sie, „es zeigt, dass sich in den Köpfen etwas verändert. Dass Sprachentwicklungsstörungen immer besser diagnostiziert werden und man sie nicht einfach abtut mit einem: Das verwächst sich schon wieder.“

„Kinder haben zum Beispiel Probleme, Laute, Endungen oder Wörter zu verstehen"

Eine Sprachentwicklungsstörung sei immer behandlungsbedürftig und darf nicht mit leichten sprachlichen Unsicherheiten verwechselt werden. „Kinder haben zum Beispiel Probleme, Laute, Endungen oder Wörter zu verstehen sowie richtig zu verwenden. Dabei brauchen sie länger für den Erwerb von Wortschatz und Grammatik und machen ungewöhnliche Fehler.“

Es gebe auch nicht die eine Ursache für eine Sprachentwicklungsstörung, erklärt die Expertin. „Es ist eine Mischung aus Veranlagung, Gedächtnis- und Lautschwierigkeiten, wenig gutem sprachlichem Angebot und manchmal auch schlechter Hörfähigkeit.“ Alle Kinder mit einer Sprachentwicklungsstörung sind von Beginn der sprachlichen Entwicklung auffällig und bekommen ohne Behandlung laut Annegret Ott spätestens im Grundschulalter wieder große Probleme beim Lese- und Schreiberwerb. Sie könnten oft Texte nur schlecht verstehen und hätten Schwierigkeiten, Aufsätze zu schreiben und Textaufgaben zu lösen. „Eine solche Störung löst sich auch nicht einfach auf und sollte niemals kleingeredet werden. Betroffene haben ein Leben lang Probleme damit, viele machen zum Beispiel einen niedrigeren Bildungsabschluss, der ihrem Intelligenzgrad nicht entspricht.“

Doch was ist nun die Ursache dafür, dass in den vergangenen Jahren Sprachentwicklungsstörungen immer häufiger behandelt werden? Nur einen Grund gebe es nicht, erklärt Psychologin Franziska Klemm von der KKH. „Aber ich beobachte seit Jahren Entwicklungen, die eine Rolle spielen könnten.“ Zum einen hätte die Sensibilität in der Gesellschaft für Sprach- sowie psychosoziale Störungen erheblich zugenommen. Eltern, Ärzte und Erzieher würden heute viel mehr auf Auffälligkeiten bei Kindern achten. „Gleichzeitig nimmt auch die Stigmatisierung ab. Früher hätte man vielleicht gesagt, das Kind ist zurückgeblieben. Heute dagegen: Dem Kind kann man helfen.“

Zum anderen hätte sich auch das Unterstützungs- und Therapieangebot in den vergangenen Jahren deutlich verbessert, sagt Franziska Klemm. „Früher gab es mancherorts überhaupt keine Logopäden und Ergotherapeuten. Da hätte man, selbst wenn man gewollt hätte, das Kind gar nicht behandeln und fördern können.“

Bilderbücher anschauen und erzählen kann Kindern helfen

Ähnliches beobachtet auch Logopädin Annegret Ott – doch eine Sache will sie darüber hinaus betonen. „Sprachentwicklungsstörungen kommen nicht von zu wenig Förderung. Eine Ausnahme gibt es aber bei Kindern zwischen ein und drei Jahren.“ Ein Zeitfenster, das entscheidend sei für die Sprachentwicklung, das meiste lernen Kinder in diesem Zeitraum. Eltern könnten die Sprachfähigkeiten ihrer Kinder in diesem Alten deshalb besonders anregen, sagt die Logopädin. „Bilderbücher anschauen und erzählen etwa ist eine gute Möglichkeit.“ Besonders im Blick hat Ott auch die Frage, ob der Mund-Nasen-Schutz auf kleine Kinder Auswirkungen hat. „Ich beobachte, dass Kinder sich zum Beispiel nicht mehr die Lippenbewegungen von den Erwachsenen abschauen können und auch alle mimischen nonverbalen Hinweise fehlen, die den Inhalt des Gesagten unterstützen.“

Lesen Sie dazu:

Hören Sie sich dazu auch unsere Podcastfolge über die kinder(un)freundliche Stadt Augsburg an:

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03.12.2020

Wer mittels Emoji kommuniziert, der kann nicht automatisch sprechen. Sprache lernt man auch nicht vom Handy, das einem die mit Facebook = "sozialen Medien" beschäftigen Eltern hin werfen.

Ich wollte heutzutage kein Kind sein.

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