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Bayern

03.11.2019

Immer mehr Wildschweine - Angst vor der Schweinepest

Wildschweine haben sich im Freistaat enorm vermehrt. Das liegt unter anderem an den milden und trockenen Wintern.
Foto: Ralf Hirschberger, dpa

Plus Auch aus Sorge vor der Afrikanischen Schweinepest sollen mehr Wildschweine erlegt werden - doch die Bestände nehmen zu. Die Jagd auf die schlauen Tiere ist schwierig.

Es sind diese langen Abende. Abende, an denen stundenlang nichts passiert. Kein Anblick, wie es in der Jägersprache heißt. Was so viel bedeutet, dass kein Tier – in diesem Fall ein Wildschwein – zu sehen ist. Und dies, obwohl eine Wildkamera in der Nacht zuvor mit Bildern exakt dokumentiert hat, wann die Sauen an der Kirrung, einer Lockfütterung, waren.

Richard Kraus, Jäger aus Fronhofen, einem Ortsteil von Bissingen im Landkreis Dillingen, hat an den Suhlen, das sind morastige Bodenvertiefungen, in seinem Revier über längere Zeit Mais ausgelegt. Die Sauen haben den Mais zwar gefressen, aus der Deckung kamen sie jedoch häufig erst, als der Jäger den nahen Hochsitz im Wald längst wieder verlassen hatte.

Die Jagd auf das schlaue und vorsichtige Schwarzwild kann schwierig sein. Der Wind, das Licht müssen passen, um überhaupt zum Schuss zu kommen. Gleichwohl wurde im Jagdjahr 2017/18 mit 95.000 erlegten Sauen bayernweit eine Rekordstrecke erzielt. Zum Vergleich: 1980/81 wurden in Bayern gerade mal 3000 Wildschweine geschossen. Das liegt in erster Linie daran, dass sich die Borstentiere explosionsartig vermehrt haben. Riesige Mais- und Rapsfelder, in denen sie im Sommer nicht nur ausreichend Nahrung, sondern auch Deckung finden; eine üppige Buchen- und Eichenmast in den Wäldern; milde und trockene Winter – das alles hat dazu beigetragen, dass die Bestände immens gewachsen sind. Zudem bekommen inzwischen schon einjährige Überläufer, gerade aus den Kinderschuhen entwachsen, Nachwuchs.

"Wir haben so viele Wildschweine wie noch nie zuvor."

Hubert Droste, Leiter des Forstbetriebs Zusmarshausen im Landkreis Augsburg, geht davon aus, dass die Zahl der Sauen auch in diesem Jahr deutlich zugenommen hat. Droste macht dies nicht zuletzt daran fest, dass Rotten mit bis zu 30 Tieren keine Seltenheit mehr sind.

Moritz Fürst zu Oettingen-Wallerstein, in Schloss Hohenaltheim (Donau-Ries) zu Hause, hat jahrelang Aufzeichnungen über die Population erstellt. Zwischen Februar und September seien durchaus Zuwachsraten von bis zu 400 Prozent zu beobachten. Im Laufe des Jahres sei zwar die Hälfte des Nachwuchses wieder verschwunden, weil die Frischlinge mehr, aber auch schwächer oder kränker wurden. Dennoch kommt der Fürst zu dem Schluss: "Wir haben so viele Wildschweine wie noch nie zuvor."

Jäger Richard Kraus hat eine weitere Beobachtung gemacht. Selbst jetzt, kurz vor Beginn der Rauschzeit, der Paarungszeit der Wildschweine, würden Bachen, also Muttertiere, noch immer gestreifte Frischlinge mit sich führen. "Der Zuwachs ist höher als in den Jahren davor." Jetzt, wo die Maifelder abgeerntet sind, seien die Sauen auch wieder verstärkt auf den Wiesen "im Anmarsch".

Hubert Droste glaubt, dass heuer die Rekordstrecke aus dem Jahr 2017/18, als im Bereich des 14.000 Hektar großen Forstbetriebs Zusmarshausen 447 Sauen geschossen wurden, sogar noch übertroffen wird. Interessant sei in diesem Zusammenhang auch, betont Droste, dass bis zum Juni kein erlegtes Schwarzwild – die Untersuchung der Tiere ist Pflicht – verstrahlt und damit radioaktiv belastet war. Sonst habe die Quote stets zwischen 20 und 40 Prozent gelegen. Droste führt dies vor allem auf den extrem trockenen Sommer 2018 zurück, als es kaum Pilze gab. Und die Wildschweine ernähren sich nun einmal gerne von Maronenröhrlingen oder knollenartigen Hirschtrüffeln, die sie im Waldboden finden.

Richten Wildschweine Schäden an, kommen private Revierinhaber oder der Staatsforst auf

Die Tiere ziehen aus dem Wald auch in die direkt angrenzenden Maisfelder, in denen sie – wie auf Wiesen und Feldern – verheerende Schäden anrichten können. Und der Aktionsradius der Sauen ist mit bis zu 30 Kilometern "wahnsinnig groß", wie Droste sagt. Für die Kosten müssen dann die privaten Revierinhaber oder der Staatsforst aufkommen. Allein der Forstbetrieb Zusmarshausen zahlt jährlich zwischen 20.000 und 40.000 Euro für Wildschäden.

Erhöht hat den Jagddruck allerdings auch die Gefahr durch die Afrikanische Schweinepest (ASP) (Südostasien fürchtet Afrikanische Schweinepest). Noch ist in Bayern kein einziger Fall der hochansteckenden Tierseuche bekannt, doch einer möglichen Ausbreitung der Krankheit, die auch Hausschweine bedroht, soll durch eine massive Bejagung vorgebeugt werden. Moritz Fürst zu Oettingen-Wallerstein spricht gar von einer "neuen Gefechtslage". "Wir müssen die Schwarzwild-Bestände noch weitaus stärker dezimieren."

Brauchen die Jäger eine bessere Schießausbildung?

Der Fürst, der auch Vizepräsident des Bayerischen Jagdverbandes ist, plädiert deshalb für die Zulassung einer sogenannten Nachtzieltechnik, mit denen die Sauen auch in der Dunkelheit sicher erlegt werden können. Es würde nach seiner Meinung helfen, dass Wildschweine nicht, wie oft der Fall, bei schlechter Sicht angeschossen werden und "elend verenden". Außerdem müsse auch die Schießausbildung der Jäger deutlich verbessert werden. Der Fürst schränkt jedoch ein, dass die Nachtjagd nur auf Wildschweine erlaubt werden sollte. "Beim Rehwild muss sie verboten bleiben." Auch Richard Kraus hält den Einsatz von Nachtzieltechnik für hilfreich. In Zeiten, in denen die Tage kürzer und die Nächte länger werden, könne bei Vollmond an maximal acht Tagen im Monat bei gutem Licht gejagt werden. Kraus plädiert für revierübergreifende Drückjagden, bei denen das Wild beunruhigt und den Schützen zugetrieben wird.

In Teilen der Jägerschaft gibt es inzwischen wenig Verständnis dafür, dass die Unteren Jagdbehörden in den Landratsamtämtern auf Antrag Ausnahmegenehmigungen für sogenannte Nachtsichtvorsatzgeräte auf dem Zielfernrohr nur sehr unterschiedlich erteilen. Einige Landkreise gehen diesen Weg, andere lehnen ihn nach wie vor ab.

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