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Corona-Krise

02.12.2020

Inzidenzwert bei 500: Wie Passau zu Deutschlands Corona-Hotspot wurde

Die niederbayerische Stadt Passau liegt nach Zahlen des Robert Koch-Instituts als Corona-Hotspot bundesweit an der Spitze.
Bild: Armin Weigel, dpa

Plus Mit einem Inzidenzwert von fast 500 ist Passau Corona-Spitzenreiter in Deutschland. Seit Samstag gilt ein strenger Lockdown. Akzeptieren die Bürger die Regeln?

Der zentrale Nibelungenplatz in der Nähe des Passauer Busbahnhofs, wo sich in den Jahren zuvor die Menschen um die Glühweinstände drängten, lädt in diesen Tagen nicht zum Verweilen ein. Regelmäßig fährt ein Streifenwagen vorbei und ein privater Sicherheitsdienst kontrolliert die Einhaltung von Maskenpflicht und Alkoholverbot. Ein Mitarbeiter verscheucht drei Jugendliche, die es sich auf einer Bank mit einem Getränk bequem gemacht haben, und eilt kurz darauf zu einem Mann mit Kippe im Mund und Maske unterm Kinn. In der kompletten Innenstadt inklusive Altstadt ist Essen, Trinken und Rauchen nicht erlaubt, der Mund-Nase-Schutz sollte immer getragen werden.

Corona-Hotspot Passau: Inzidenzwert lag bei 597,5

Seit Samstag gelten in der niederbayerischen Stadt verschärfte Corona-Regeln. In die Wege geleitet hat sie Oberbürgermeister Jürgen Dupper ( SPD) am Freitag, als die Sieben-Tage-Inzidenz bei 439,4 lag. Über das Wochenende schnellten die Zahlen jedoch weiter nach oben, und am Montag war Passau mit einem Inzidenzwert von 597,5 Deutschlands Corona-Hotspot. Warum es ausgerechnet in der niederbayerischen Dreiflüssestadt so viele Corona-Fälle gibt, war anfangs nicht klar nachzuvollziehen. Mittlerweile ist man sich im Rathaus sicher: Es spielen mehrere Faktoren eine Rolle.

Aufgrund der Maßnahmen sind die Straßen in Passau menschenleer.
Bild: Vera Kraft

Karin Schmeller, Leiterin des Oberbürgermeister-Büros, sagt, man müsse das differenziert sehen. Zum einen gebe es in Passau, wie eben in vielen anderen Städten auch, ein diffuses Infektionsgeschehen, das sich nicht im Detail nachvollziehen lasse. „On top“ gebe es ein extrem hohes Infektionsgeschehen in verschiedenen Einrichtungen. Betroffen sind zwei Seniorenheime, mehrere Gemeinschaftsunterkünfte für Geflüchtete sowie Behinderteneinrichtungen.

Das erklärt auch den starken Anstieg der Zahlen übers Wochenende. In einem Seniorenheim wurden 60 Bewohner positiv getestet, in einem anderen waren es acht Bewohner und zwei Mitarbeiter. Gestorben sind zwischen Freitag und Montag vier Bewohnerinnen und zwei Bewohner – alle über 80 Jahre alt.

Bis Mitte der Woche sind die Zahlen dort weiter gestiegen: Stand Mittwoch waren es in einem der zwei betroffenen Seniorenheime 72 Bewohner und 29 Mitarbeiter, die positiv getestet wurden. In der zweiten Einrichtung waren es 53 Bewohner und 19 Mitarbeiter. Im Klinikum Passau werden derzeit 66 Personen mit Covid-19 behandelt. Zehn Personen befinden sich auf der Intensivstation, vier davon müssen beatmet werden. Der Wert der Sieben-Tages-Inzidenz ist laut Robert- Koch-Institut leicht auf 479,1 gesunken.

Im österreichischen Grenzgebiet von Passau lag die Inzidenz bei über 1000

Ein weiterer Grund für die hohen Infektionszahlen sei sicherlich auch die Grenznähe der Stadt, vermutet Karin Schmeller. Viele Bewohner aus dem angrenzenden Österreich fahren zum Arbeiten oder Einkaufen nach Passau – daran hatte sich auch nichts geändert, als manche oberösterreichischen Gebiete vor drei Wochen einen Inzidenzwert von über 1000 verzeichnet hatten. Denn während der „Skifahrerparagraf“, wie Schmeller es nennt, eine Quarantänepflicht bei touristischen Reisen vorsieht, seien „Erledigungen des täglichen Bedarfs“ weiterhin ohne diese Einschränkung möglich.

In Passau selbst dürfen die Bewohner seit Samstag ihr Haus sowieso nur noch mit einem „triftigen Grund“ verlassen. Dazu zählen beispielsweise Arzt- und Verwandtenbesuche, arbeiten oder einkaufen gehen. Damit der Handel nicht weiter leidet, sind auch Weihnachtseinkäufe ausdrücklich erlaubt. Trotzdem: „Es war noch nie so wenig los“, sagt Rami Mohamed, der seit 2008 einen Döner-Imbiss direkt am Busbahnhof leitet. Er hat von seinem Fenster den Nibelungenplatz und den Anfang der Fußgängerzone gut im Blick. „Vor dem Lockdown haben wir zu zweit hier gearbeitet, seit Samstag reicht es, wenn ich alleine da bin.“ Doch er wolle sich nicht beschweren, er sei froh, dass er überhaupt noch arbeiten dürfe. „Auch sonst meckert kaum jemand“, sagt Mohamed.

Überall weisen Schilder auf die Maskenpflicht hin.
Bild: Vera Kraft

Die Polizei Passau bestätigt, dass die meisten Bürger die Maßnahmen akzeptieren. „Am Wochenende gab es gerade einmal neun Verstöße in der ganzen Stadt“, sagt Polizei-Pressesprecher Markus Fuchs. Die Akzeptanz sei schon vor den strengeren Regelungen hoch gewesen. Lediglich zwei kleine Versammlungen gegen die Corona-Maßnahmen seien für diesen Donnerstag geplant – direkt gegenüber von Mohameds Imbissbude.

Die Stadt Passau steht hinter den scharfen Corona-Maßnahmen

Oberbürgermeister Dupper sagt, die getroffenen Maßnahmen seien „zweifelsohne richtig“. Sie gelten vorerst bis einschließlich 4. Dezember; am Donnerstag berät der Krisenstab erneut darüber. „Derzeit sieht es so aus, dass manche der Maßnahmen aus gutem Grund auch darüber hinaus verlängert werden müssen“, sagt Dupper. Erst wenn der Inzidenzwert unter 300 sinke, könnten die Maßnahmen gelockert werden. Wie es in Passau weitergehe, werde von Woche zu Woche neu entschieden.

Lesen Sie dazu auch: Ortsbesuch: Wie der Lockdown die Menschen im Berchtesgadener Land trifft

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