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Bayern

23.02.2015

Ist ein Handyverbot an Schulen noch zeitgemäß?

Viele Schüler wünschen sich, dass sie ihre Handys auch in den Schulen benutzen dürfen. Doch die Regel lautet: Schule ohne Handy.
Bild: Symbolbild: Sebastian Kahnert (dpa)

Handys müssen an bayerischen Schulen ausgeschaltet werden - das sehen allerdings viele Experten kritisch. Schließlich bieten Smartphones auch Möglichkeiten für den Unterricht.

Durchschnittlich 135 Mal blickt ein Jugendlicher am Tag auf sein Handy. Um Nachrichten zu schreiben, Videos zu schauen oder um die Zeit totzuschlagen. Die schlauen Begleiter in der Hosentasche gehören zum Alltag dazu. Besonders auffällig wird das, wenn der Bildschirm plötzlich schwarz bleiben muss. Häufig passiert das in den bayerischen Schulen. Dort gibt es seit dem Jahr 2006 eine Verordnung, die eines sehr klar macht: Hier ist handyfreie Zone.

Viele Experten sehen ein generelles Verbot kritisch

So müssen Schüler auf dem Schulhof und im Gebäude ihre schlauen Begleiter ausschalten. Das gilt für alle Altersklassen und alle Schulbereiche. Damit hat der Freistaat eine der schärfsten Handyregelungen in ganz Deutschland. Während andere Bundesländer dieses Thema den jeweiligen Schulen überlassen, arbeitet man im Bayerischen Kultusministerium gerne restriktiver, wie Sprecherin Julia Lindner sagt. "Das liegt daran, dass eine Schule ein sicherer Hort sein soll. Darauf verlassen sich die Eltern." Gefährdende Inhalte wie Gewaltvideos könne man nicht allumfassend aus dem Verkehr ziehen, beschreibt Lindner. "Daher sagen wir in Bayern, dass der private Gebrauch von Handys und anderen Speichermedien in der Schule untersagt ist." Doch damit macht sich der Freistaat nicht nur Freunde. Viele Fachleute sehen ein generelles Verbot kritisch.

Smartphones als große Chance

Zu ihnen gehört auch Medienexpertin Kathrin Galley. Sie arbeitet an der Universität Augsburg als Dozentin und schreibt aktuell ihre Doktorarbeit zum Thema Smartphones in der Familie. Sie sieht in den schlauen Telefonen eine große Chance. "Für Lehrer bringen sie ganz neue Möglichkeiten, den Unterricht zu gestalten. So könnten die Schüler bei einer Exkursion Bilder machen und sie später zusammen analysieren." Das sei viel spannender für die Kinder, als nur das simple Auswendiglernen von Tafelbildern, findet Galley. "Es geht eben nicht nur darum, kurzfristig etwas zu lernen, sondern auch darum, nachhaltiges Wissen aufzubauen."

Apps in den Bereichen Wissen und Lernen

Ein Grund dafür ist auch die Entwicklung der App-Märkte von Apple und Google. In den Bereichen Wissen und Lernen gibt es hunderte freie und kostenpflichtige Programme, die Schülern das Leben erleichtern sollen. Das Angebot reicht von digitalen Karteikarten bis zu Sprachschulungen, die sogar die Aussprache der Schüler bewerten können. Für Medienexpertin Galley sind diese Anwendungen die Zukunft. Doch dafür brauche es zuerst einen qualifizierten Umgang im Unterricht mit den neuen Medien, wie sie sagt.

Medienbildung muss früh beginnen

Galleys Vorwurf: Das Kultusministerium und die Schulen stehlen sich mit einem generellen Handyverbot aus der Verantwortung. Für Galley ist klar, dass Medienbildung möglichst früh beginnen muss. "Ich habe selbst eine siebenjährige Tochter. Die fragt mich fast täglich, ob sie ein Smartphone haben kann – es reicht also nicht, erst in der Oberstufe über das Thema zu sprechen." Vielmehr schlägt die Doktorandin vor, bereits in der Grundschule den Umgang mit den Smartphones zu lernen. Dann sei ein generelles Verbot an den bayerischen Schulen überflüssig.

Schüler könnten ihre Telefone im Optimalfall zur Recherche nutzen oder sich Inhalte digital und individualisiert ansehen. Lehrer fürchten jedoch, dass die modernen Geräte als Spickzettel missbraucht werden. Immerhin gibt es auch unzählige Betrüger-Apps, die meist nur einen Fingerwisch von den Lernanwendungen entfernt sind. Einige von ihnen sind speziell dafür ausgelegt, Lehrer und Betreuer zu täuschen. So wirkt das Handy ausgeschaltet, während Schüler heimlich vorher abfotografierte Lösungsblätter ansehen können. Schulen wehren sich dagegen, indem sie Telefone vor einer Prüfung einsammeln lassen. "Chancenminimierung", nennt das Ministerialsprecherin Lindner. Wirklich vom Schummeln kann man damit Schüler jedoch nicht abhalten. Denn das Spicken gehört zur Schule wohl irgendwie dazu.

"Das Schummeln wird eben digitaler"

Das sieht auch Kathrin Galley so, die im Gymnasium noch selbst vom Handyverbot betroffen war. "Ob ich jetzt einen Zettel schreibe und den unter meinen Unterlagen verstecke, oder aufs Handy blicke – das ist nicht der große Unterschied. Wie das Lernen wird eben auch das Schummeln digitaler."

Positiv wird das Handyverbot dagegen von Eltern gesehen, wie Christine Sommer sagt. Sie ist die Vorsitzende des Elternbeirats am Gymnasium Sankt Stephan in Augsburg. Ein generelles Handyverbot findet sie gar nicht schlecht. "Wie soll ein Lehrer kontrollieren, ob ein Schüler recherchiert oder Nachrichten schreibt? Das ist eigentlich nicht zu leisten." Sommer steht der Digitalisierung kritisch gegenüber. "Ich glaube nicht, dass ein Handy einen Hefteintrag ersetzen wird", sagt sie. Laut Sommer wird die Digitalisierung an den bayerischen Schulen durchaus angenommen und thematisiert. So werde auch am Sankt-Stephan-Gymnasium viel Wert auf eine digitale Erziehung der Schüler gelegt. Bisher fehlten jedoch Konzepte, sagt Sommer. Diese wolle man nun gemeinsam entwickeln. Und dabei auch durchaus kritisch gegenüber dem Medium sein.

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