Newsticker
Corona-Gipfel: Arbeitgeber müssen Homeoffice ermöglichen, Maskenpflicht wird bundesweit verschärft
  1. Startseite
  2. Bayern
  3. Jäger und Naturschützer fürchten Ansturm auf die Berge

Allgäu

26.12.2020

Jäger und Naturschützer fürchten Ansturm auf die Berge

Einsamkeit in der Natur – das suchen viele Bergsportenthusiasten, wenn sie sich auf Tour begeben. Doch nicht immer geht es dabei so einsam zu.
Bild: Benedikt Siegert (Archiv)

Plus Viele Menschen zieht es im Winter hinaus - gerade in der Corona-Zeit. Naturschützer und Jäger fürchten einen Run auf die Berge. Was Tourengeher beachten sollten.

Corona wird die Wintersaison 2020/21 verändern – oder irgendwie auch wieder nicht. Denn während Bergbahnen, Lifte und Skipisten wegen des neuen Lockdowns vorerst gar nicht öffnen dürfen, bleibt das Bedürfnis vieler Menschen, sich im Winter draußen sportlich zu betätigen, gleich. Ist das auf der Piste nicht möglich, weichen etliche auf Tourenski aus.

Und weil die Nachfrage danach, ebenso wie nach Schneeschuhgehen und Schlittenfahren schon seit einigen Jahren boomt, die Menschen an Weihnachten heuer außerdem keine Verwandten besuchen und nicht in Urlaub fahren sollen, befürchten Naturschützer und Jäger in diesem Jahr einen noch größeren Run auf die Bergwelt – zulasten der Tiere.

Auch in Corona-Zeiten: Es sei wichtig, dass die Leute rauskommen

"Zunächst mal: Es ist wichtig, dass die Leute rauskommen. Das brauchen sie für Kopf und Seele", betont Tom Hennemann, Gebietsbetreuer des Landkreises für den Ostallgäuer Alpenrand. Allerdings kollidiert dieses menschliche Bedürfnis unter Umständen mit dem der Tiere nach Ruhe im Winter. Die kalte Jahreszeit bedeutet für Rehe, Hirsche, Hasen, Vögel und andere einen Kampf ums Überleben.

"Die Natur hat es so eingerichtet, dass gesunde Wildtiere einen normalen Winter durch im Sommer angefressene Energiereserven überleben. Werden sie im Winter aufgrund von Störungen aber aufgescheucht, verbrauchen sie zusätzlich Energie", erklärt Hennemann. Dies könne bei mehrmaligen Störungen zum Tod dieser Tiere führen, da sie diesen Energieverlust wegen der fehlenden Nahrung nicht ausgleichen könnten. Er rät daher jedem, sich in die Lage der Wildtiere zu versetzen: "Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Birkhuhn, die Lufttemperatur beträgt minus zehn Grad Celsius. Sie kuscheln in ihrer vergleichsweise warmen Schneehöhle und werden plötzlich durch einen Schneeschuhwanderer aus dieser Höhle vertrieben. Nach einem anstrengenden Flug müssen Sie sich hungernd und frierend ein neues Versteck suchen."

 

Hennemann und auch Isabel Koch, Vorsitzende der Kreisgruppe Füssen des Bayerischen Jagdverbandes (BJV), bitten deshalb darum, dass Freizeitsportler bei all ihren Aktivitäten auf ausgewiesenen Routen und Wegen bleiben. Sie sollen außerdem nur tagsüber unterwegs sein.

So bleiben den Tieren zumindest die Nachtstunden, in denen sie Ruhe haben. "Häufig bemerken Skitourengeher oder Schneeschuhwanderer gar nicht, dass sie durch ihre Anwesenheit Wildtiere aufschrecken", sagt Koch. Die Tiere flüchten meist schon lange, bevor Menschen sie wahrnehmen. Wer doch welche sieht, sollte einfach vorbeigehen, als wäre nichts. "Wenn man nicht stehen bleibt und sie anschaut, fühlen sich die Tiere nicht bemerkt und bedroht", sagt die Jägerin.

Tipp für den Ausflug in den Allgäuer Bergen: Hunde an der Leine führen

Der Gebietsbetreuer bittet außerdem darum, Hunde in sensiblen Bereichen anzuleinen. Insbesondere um Wildfütterungen, im Wald und am Berg oberhalb der Baumgrenze sollte dies für jeden Hundehalter selbstverständlich sein. "Wir Menschen bewegen uns sozusagen durch das Wohnzimmer der Tiere. Je achtsamer wir dabei vorgehen, desto weniger stören wir unsere Mitgeschöpfe in der für sie schwersten Jahreszeit", sagt Hennemann.

Da Outdoor-Aktivitäten bereits seit einigen Jahren boomen und Wildtiere in ihrem natürlichen Lebensraum deshalb immer öfter gestört werden, hat der Deutsche Alpenverein (DAV) in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Landesamt für Umwelt schon vor einiger Zeit das Projekt "Skibergsteigen umweltfreundlich" ins Leben gerufen.

Es wurden naturschonende Ski- und Schneeschuhrouten ausgewiesen, aber auch sensible Bereiche gekennzeichnet. Diese sogenannten Wald-Wild-Schongebiete bedürfen absoluter Ruhe. Auf den Wanderkarten des DAV und zunehmend auch auf Online-Plattformen sind diese Ruhegebiete eingezeichnet. Wintersportler werden gebeten, sie nicht zu befahren oder zu betreten. Im südlichen Ostallgäu gibt es laut Hennemann zahlreiche derartige Projektgebiete, zum Beispiel am Breitenberg, Schönkahler, Edelsberg, Wolfskopf und im Ammergebirge.

Daneben gibt es Wildschutzgebiete, in denen das freie Betretungsrecht der Natur gesetzlich eingeschränkt ist. Meist besteht dabei für ein bestimmtes Gebiet ein zeitlich befristetes Betretungsverbot zum Schutz der Tiere.

Vorsicht vor gesperrten Skipisten im Allgäu

Wer mit Tourenski unterwegs ist, darf sich übrigens nicht automatisch über eine Skipiste bewegen, wenn diese geschlossen ist. Das Bayerische Wirtschaftsministerium etwa wies darauf hin, dass das Skitourengehen in Skiliftbetrieben und "anderen zugangsbeschränkten Sportanlagen" untersagt ist. Manche Liftbetreiber, wie die Alpspitzbahn in Nesselwang, haben deshalb in Erwartung eines großen Andrangs auf die Bergwelt in den nächsten Wochen ihre Parkplätze gesperrt. Auslöser dafür war auch, dass dort an einem Wochenende bereits an die 200 Menschen mit Tourenski, Schneeschuhen und Schlitten auf der beschneiten Piste unterwegs gewesen sind.

Bei einem Aufenthalt in den winterlichen Bergen ist es außerdem wichtig, sich nicht selbst in Gefahr zu bringen. Das bedeutet zum Beispiel: Den Lawinenlagebericht, das Wetter und die kürzeren Tageszeiten im Auge zu behalten. Seine Kondition und Fähigkeiten richtig einzuschätzen. Auf geeignete Kleidung und Ausrüstung zu achten. Und die Strecke gut zu planen beziehungsweise im Vorfeld zu prüfen, ob sie gerade überhaupt begehbar ist. Wer sich unsicher ist oder wem ein Weg zu schwierig wird, sollte besser umkehren. Solche Tipps sind nicht neu. Bergexperten geben sie seit vielen Jahren. Aber im Corona-Winter 2020/21 dürften sie nötiger sein als bisher, da sich noch mehr unerfahrene Menschen in der Natur bewegen.

Lesen Sie dazu auch:

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren