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Fragen und Antworten

06.04.2011

Kann Windenergie die Atomkraft ersetzen?

Windenergie.

Nach dem Unglück von Fukushima wollen Bund und Länder schneller aus der Kernkraft aussteigen. Auch in Bayern soll die Windkraft eine stärkere Rolle spielen. Doch kann Windenergie Atomkraft ersetzen?

Nach dem Atomunglück von Fukushima wollen auch die Regierungsparteien wesentlich schneller aus der Kernkraft aussteigen, als noch im Herbst mit der Laufzeitverlängerung. Auch die CSU in Bayern will eine Energiewende und gibt dabei ihren jahrelangen Widerstand gegen die Windkraft auf, die in Bund und Land eine Schlüsselrolle für die geplante „Energiewende“ spielt. Hier einige wichtig Fragen zum Thema:

Kann die Windenergie die Kernkraft ersetzen?

Glaubt man den Lobbyisten des Bundesverbandes Windenergie (BWE), hieße die Antwort eindeutig Ja: Der Verband präsentierte gestern eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Windenergie und Systemtechnik, wonach sogar knapp zwei Drittel des deutschen Strombedarfs durch Windenergie gedeckt werden könnten. Wenn zwei Prozent der Fläche in der Bundesrepublik mit Windrädern bebaut würden, lieferten diese mit 390 Terrawattstunden rund 65 Prozent des benötigten Stroms, fast drei Mal so viel wie zuletzt die deutschen Atomkraftwerke.

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Wo ist das Potenzial für die Windkraft am größten?

Die großen Energiekonzerne setzen derzeit auf geplante große Windparks im Meer rund 15 Kilometer vor der Küste, wo stabile starke Winde wehen und wenig Proteste von Landschaftsschützern drohen. Ein Problem ist dabei nicht nur die Weiterleitung des Stroms in den Süden. Auch die Lebensdauer der Anlagen wird in der rauen Umgebung starker Winde und Salzwasser derzeit auf nur 20 Jahre geschätzt. An Land sind die Anlagen beim Bau um die Hälfte billiger. Laut der Fraunhofer-Studie des BWE ist das Windpotenzial ausgerechnet in den Bundesländern mit am höchsten, die derzeit mit entsprechenden Anlagen am schlechtesten versorgt sind. So habe Bayern den meisten Platz für Windräder, gefolgt von Baden-Württemberg. In beiden Bundesländern war jedoch der Widerstand der Landesregierungen gegen eine „Verspargelung“ der Landschaft mit Windrädern bislang am größten.

Sollen in Bayern jetzt mehr Windräder gebaut werden?

Die Bayerische Staatsregierung setzt nach dem Unglück in Fukushima auf einen massiven Ausbau der Windkraft. CSU-Umweltminister Markus Söder betonte gestern: „Ich möchte bei der Windkraft eine Verdopplung der Anlagen, was einer Vervierfachung der Leistung entsprechen würde.“ Söder will den Freistaat zum bundesweiten Spitzenreiter bei den erneuerbaren Energien machen. Bayern habe beim Ausbau der Windenergie „Nachholbedarf“, räumte er ein. Mit 467 Megawatt Leistung sind im Freistaat sogar weniger Windräder am Netz installiert als im viel kleineren Nachbarland Niederösterreich. Umweltminister Söder will mit dem künftig grün-rot regierten Baden-Württemberg in ein Wettrennen einsteigen, wer die erneuerbaren Energien schneller ausbaut: „Bisher gab es eine Südschiene, ab jetzt gibt es einen Südwettbewerb.“

Wo könnten neue Windräder gebaut werden?

Die Bayerische Staatsregierung stellte einen neuen „Energieatlas“ vor. Das Internet soll Bürgern, Kommunen und Unternehmen alle wichtigen Daten zum Ausbaupotenzial sämtlicher Formen der erneuerbaren Energien in Bayern liefern: Sonne, Wasser, Biomasse, Wind, Erdwärme und auch die Abwärme von Fabriken. Der Energieatlas zeigt, dass die günstigsten Standorte für Windräder in Bergregionen liegen, wo jedoch vielerorts Widerstände in Tourismusgegenden und in Landschaftsschutzgebieten vorprogrammiert sind. Die meisten Windräder könnten an bestehenden Standorten entstehen. Umweltminister Söder will nun Überzeugungsarbeit leisten: „Wir glauben, dass der Bürger überzeugbar ist“, betont er.

Droht eine Stromlücke?

Experten sagen Nein. Auch ohne acht Atomkraftwerke kann der Strombedarf mit den vorhandenen Kapazitäten mehr als gedeckt werden. Da Windräder nicht kontinuierlich Strom liefern, müssen künftig aber weitaus höhere Leistungskapazitäten geschaffen werden als bei Atomkraftwerken.

Warum steigen derzeit die Stromimporte an?

Dass acht Atomkraftwerke wegen des Moratoriums abgeschaltet sind, ist nur ein Grund für derzeit steigende Strompreise an den Energiebörsen. Prinzipiell decken sich die Stromhändler in der EU mit dem gerade günstigsten Strom ein, was dazu führt, dass derzeit täglich laut Bundesnetzagentur 2500 Megawattstunden Strom aus Ländern wie Frankreich und Tschechien eingeführt werden. Der Grund: Es gibt weniger günstigen deutschen Atomstrom. Daher wird versucht, durch Wiederinbetriebnahme von Kohle- und Gaskraftwerken mehr Strom hier zu erzeugen und so Preise zu dämpfen.

Wird der Strom bei weniger Kernkraftwerken teurer?

Experten rechnen derzeit bei einem Atomausstieg bis zum Jahr 2020 mit höheren Preisen von 20 bis 50 Euro mehr pro Jahr und Haushalt. Beim billigen Atom- und Kohlestrom sind bislang jedoch Folgekosten wie Endlagerung und Umweltzerstörungen nicht eingepreist, während Sonnen- und Windstrom jetzt Starthilfen brauchen, aber vermutlich kaum nennenswerte Folgekosten verursachen werden. Zudem entstehen Tausende neue Jobs. Auch die Atomkraft wurde im Übrigen mit mehr als 100 Milliarden Euro subventioniert. Ein GAU in Deutschland wäre nur bis zu einem Schaden von 2,5 Milliarden Euro versichert.

Wie groß sind die Widerstände gegen einen Ausbau der Stromnetze?

Dies wird natürlich erst die Zukunft zeigen. Aber Ökoenergie-Befürworter halten die Berichte über Proteste gegen den Netzausbau für übertrieben. Die Grünen-Energieexpertin Ingrid Nestle verweist auf eine Umfrage unter 25 Bürgerinitiativen, wonach der Bau neuer Leitungen nicht grundsätzlich abgelehnt werde, wenn diese für erneuerbare Energien errichtet werden. Im Monitoringbericht 2010 der Bundesnetzagentur wird betont, dass nur drei der 24 Ausbauvorhaben aufgrund von „mangelnder Akzeptanz in der Bevölkerung“ verzögert werden. (mit dpa, dapd, afp)

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