1. Startseite
  2. Bayern
  3. Klaus Verch ist der Sexualkunde-Aufklärer der Nation

Schule

13.09.2019

Klaus Verch ist der Sexualkunde-Aufklärer der Nation

Den Sexualkunde-Atlas von 1969 hat Klaus Verch noch immer. Später schrieb er weitere Ratgeber.
Bild: Sarah Ritschel

Klaus Verch hat Millionen Schülern die körperliche Liebe erklärt. Beate Uhse kannte er persönlich. Heute lebt er in Bayern – dem, wie er sagt, "Schlusslicht der Sexualerziehung".

Wenn Klaus Verch seine Sex-Ratgeber aus den Regalen hervorzieht, füllen sie seinen ganzen gläsernen Wohnzimmertisch. Derjenige, der sein Leben am meisten geprägt hat, lag in einer Auflage von 150.000 in ganz Deutschland auf den Verkaufstischen – "sogar in Supermärkten", erzählt der heute 82-Jährige. Und das, obwohl nackte Menschen darin abgebildet sind.

Der Mann mit goldumrandeter Brille, Hemd und passendem Strickpullover erinnert sich noch genau daran, wie revolutionär der pinkfarbene Papp-Hefter mit der Aufschrift "Lehrmappe Familie" damals war. Verch hat ihn nämlich selbst geschrieben – genauso wie all die anderen Ratgeber in seinem Wohnzimmer. Ein schlicht gestaltetes Querformat in Weiß sticht besonders hervor: Der Sexualkunde-Atlas – Deutschlands erstes Aufklärungsbuch für Schüler, das vor 50 Jahren auf den Markt kam. Verch war Teil des Autorenteams.

Vielen Pädagogen war das Thema Sexualkunde zu heikel

Der Hamburger, der heute in Bad Grönenbach im Allgäu lebt, ist eigentlich studierter Volks- und Realschullehrer. Doch in den 60er Jahren wurde aus ihm einer von Deutschlands bekanntesten Sexual-Pädagogen. Warum? Verch zuckt in seinem schwarzen Ledersessel mit den Schultern: "Weil kein anderer da war." Den anderen Pädagogen war das Thema zu heikel, die freizügige Hippie-Bewegung noch weit weg.

ecsImgBannerNewsletter250x370@2x-1315723864673274678.jpg

Verch bildete tausende Lehrer darin aus, die intimen Fragen ihrer Schüler zu beantworten. Er ist überzeugt davon: "Wenn die Sexualerziehung nicht funktioniert, wirkt sich das negativ auf die Seele aus." Sexualität zu sehen und zu erleben, aber nicht darüber sprechen zu können, das verstöre jedes Kind. "Sexualpädagogik beginnt nicht erst, wenn die Schüler in der Pubertät sind." Man müsse schon Vorschulkinder aufklären.

Die Frage nach dem richtigen Alter dafür prägt auch heute noch den Kampf der Ideologien – auch an bayerischen Schulen. Radikal-Konservative wie die AfD-nahe Vereinigung "Demo für alle" oder das Aktionsbündnis "Besorgte Eltern" protestieren gegen "Frühsexualisierung". Und seit im neuen bayerischen Lehrplan aus dem Jahr 2016 in der 9. und 10. Jahrgangsstufe Homo-, Trans-, Bi- und Intersexualität thematisiert werden, sehen sie endgültig die "Homo-Lobby" mit ihrem "Gender-Wahnsinn" an der Macht über die Schulen. Experten wie Barbara Thiessen, Professorin für gendersensible Soziale Arbeit in Landshut, sehen das ganz anders: "Kinder sind von Geburt an sexuelle Wesen und stellen in jedem Alter unterschiedliche Fragen nach Geschlechtszugehörigkeit, Fortpflanzung, Sexualität." Diese gelte es aufzugreifen und altersgerecht zu beantworten – von Eltern wie von Lehrern.

Klaus Verch, der heute in einer Dachwohnung mit Blick auf das Bad Grönenbacher Schloss seinen Ruhestand genießt, hat bis in die 2000er Jahre 44 Aufklärungs-Werke veröffentlicht – auch für Eltern. Er beriet die Macher der "Sesamstraße" bei kindgerechten Clips. Der Vater zweier erwachsener Kinder lehnt sich im Sessel zurück und blickt durch sein Panoramafenster. Ja, auch Beate Uhse habe er persönlich gekannt. Im Grunde habe sie dasselbe Ziel verbunden. "Es war einfach nötig, Tabus zu brechen." Uhses Intention sei in den 50ern gewesen, Menschen diskret per Postversand mit Verhütungsmitteln auszustatten. "Sie wollte ihnen helfen, damit weniger Abtreibungen stattfinden."

Laut Klaus Verch hat Bayern Nachholbedarf bei der sexuellen Aufklärung

Erst nach und nach habe sich der legendäre Erotik-Shop daraus entwickelt. Er besteht noch heute – genauso, wie Verchs Werke noch Jahrzehnte nach ihrem Erscheinen verbreitet wurden. 1991 etwa wurde das Vor- und Grundschulbuch "Oliver und Ulrike entdecken die Geschlechtlichkeit" von 1973 in Estland veröffentlicht.

Ganz so weit hinterherhinkt der Freistaat Bayern zwar nicht – vor allem, seit vor drei Jahren der Lehrplan überarbeitet wurde. Seitdem sprechen Schüler im Unterricht nicht nur über verschiedene sexuelle Identitäten, sondern auch über sexuelle Gewalt und darüber, wie sie kritisch mit pornografischen Medien umgehen – endlich, sagen viele. Auch Online-Fortbildungen für Lehrer kündigte das Kultusministerium damals an. Der 82-jährige Klaus Verch hat seine Wahlheimat in seinem Kopf trotzdem als "absolutes Schlusslicht in der Sexualerziehung" abgestempelt.

Noch heute verlaufe der Aufklärungsunterricht oft im Sand, wenn nicht einzelne Lehrer oder Eltern ihn vorantreiben würden. Es gebe immer noch "in großen Mengen" Lehrer, die mit dem Thema nicht klarkämen. "Und wie soll jemand, der selbst verklemmt ist, das Thema Kindern nahebringen?"

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren