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Unterricht

17.11.2018

Kreide war gestern: Wie digital muss Schule sein?

Buchecker zur Buche, Tannenzapfen zur Tanne: An der Comenius-Grundschule in Buchloe arbeiten die Drittklässler an der digitalen Leinwand.
Bild: Ulrich Wagner

Kinder spielen eh zu viel am Handy. Jetzt lernen sie in der Grundschule schon das Einmaleins per Autorennen. Oder erkunden den Wald am Whiteboard. Muss das sein?

Für Karin Berchtold ist es ihr letztes Jahr als Lehrerin. Nach 42 Jahren im Schuldienst wartet die Pension. Gut möglich, dass ihre Kollegen in der Abschiedsrede sagen, dass die 64-Jährige das digitale Zeitalter an der Comenius-Grundschule in Buchloe eingeläutet hat. „In einem Preisausschreiben habe ich die erste digitale Tafel für unsere Schule gewonnen“, erzählt die Frau mit dem schulterlangen Haar und einem stets aufmerksamen Blick durch die kreisrunde Brille.

Ende der Neunziger muss das gewesen sein. Karin Berchtold, die in der Kleinstadt im Ostallgäu ein Austauschprogramm leitet, kannte die sogenannten Whiteboards aus England. Ihre Kollegen staunten nicht schlecht, als die Tafel plötzlich dastand. Ganze Nachmittage saßen sie im Klassenzimmer und probierten aus, was das Wunderding alles kann. „Filme zeigen, ins Internet gehen“: Man merkt noch immer, wie beeindruckt sie damals davon waren.

Heute stehen in fast jedem Klassenzimmer der Comenius-Schule digitale Tafeln. Das Haus ist eines von acht im Modellversuch Digitale Schule 2020, initiiert von der Stiftung Bildungspakt Bayern und dem Verband der Bayerischen Wirtschaft. In einem dreijährigen Pilotprojekt erproben die Teilnehmer, wie Tablets, Smartphones und andere technische Hilfsmittel sinnvoll im Unterricht eingesetzt werden können. So, dass jeder Schüler in einer Klasse etwas davon hat. Die Erfahrungen und Empfehlungen der Lehrer sollen sich im bayerischen Lehrplan niederschlagen.

Karin Berchtold ist Lehrerin an der Comenius-Grundschule Buchloe. Zur Digitalisierung sagt sie: „Ich glaube nicht, dass sich jetzt plötzlich alles ändert.“
Bild: Andrea Singer

Das Handyverbot an bayerischen Schulen soll wieder fallen

Bundes- und Staatsregierung kündigten zuletzt werbewirksam ihre Masterpläne zur Digitalisierung an: Insgesamt möchten sie einen Milliardenbetrag in Hardware und die Internetanbindung der Schulen investieren. Ministerpräsident Markus Söder hat gleich in seiner ersten Regierungserklärung im Frühjahr versprochen, 50000 Klassenzimmer ausstatten zu wollen – mit PC-Arbeitsplatz für den Lehrer, einem Klassensatz Tablets, Audio-/Videosystem, Großbildleinwand, allem Schnickschnack eben.

Auch Bayerns neuer Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) hat es eilig mit Ankündigungen. Drei Tage nach Amtsantritt kündigt er an, das umstrittene Handyverbot an Bayerns Schulen ändern zu wollen. „Ein Verbot ist nicht zeitgemäß, ob man das gut oder schlecht findet.“ Er könne sich vorstellen, vom Alter der Schüler abhängig zu machen, inwieweit sie ihr Smartphone auch an der Schule benutzen dürfen – zum Beispiel, um im Unterricht damit zu arbeiten.

Doch wie setzt man die Technik richtig ein? Wie nutzt man die Chancen der Digitalisierung? Und in welchem Alter verstehen Schulkinder zugleich die Risiken des Internets? Das alles weiß bisher keiner so genau. In diesen Wochen startet eine Fortbildungsoffensive für Lehrer – die größte, die es im Freistaat je gegeben hat. Bis das Wissen aber an jeder Schule ankommt, wird es dauern.

Karin Berchtold ist schon so lange Lehrerin, dass sie auch privat viele ihrer Sätze mit einem fragenden „Ja?“ enden lässt – als wolle sie sichergehen, dass ihr Gegenüber alles verstanden hat. Seit sie unterrichtet, wurde an Bayerns Schulen schon viel eingeführt und abgeschafft. Das mit der Digitalisierung sieht Berchtold deswegen relativ entspannt. „Ich glaube nicht, dass sich an den Schulen jetzt plötzlich alles ändert.“

Nach 42 Jahren im Schuldienst lässt sich Karin Berchtold auf den digitalen Unterricht ein

Als sie 1976 ihre erste Stunde hielt, durften seit gerade mal acht Jahren katholische und evangelische Kinder in dieselbe Schule, und vier Jahre war es her, dass die körperliche Züchtigung offiziell verfassungswidrig wurde. Berchtold besuchte Fortbildungen zum Lehrplan Plus, mit dem Lehrer mehr zu Lernbegleitern wurden, die Kinder beim Selberlernen anleiten. Sie war dabei, als in den 2000ern Englisch als erste Fremdsprache schon in der Grundschule eingeführt wurde. Bis heute ist das für die sprachbegeisterte Lehrerin eine der größten Innovationen im Schulsystem. Wie damals auf die neue Sprache lässt Karin Berchtold sich auch jetzt auf den digitalen Unterricht ein. Sie hat sich reingehängt, obwohl sie im Juli in Ruhestand geht.

Die 64-Jährige ist von der Lehrerin zur Lernenden geworden. Sie selbst besitzt kein Tablet. Sie musste erst herausfinden, was es alles kann. Oder wie man es mit der großen Leinwand verbindet. Wie man die grafischen QR-Codes erstellt, über die die Schüler mit ihren Endgeräten ins Netz gelangen. All das. „Natürlich hat man in meiner Generation vielleicht anfangs Berührungsängste. Aber das Lernen ging gut.“ Sie kennt jedoch Kollegen, die „das alles anfangs weit von sich gewiesen haben“. Heute sind die meisten von ihnen überzeugt. Aber: „Ohne unsere technikinteressierten Kollegen wäre der Umstieg viel schwieriger geworden.“

Digitaler Unterricht, das heißt für die meisten Lehrer, dass sie einen Beamer nutzen

In einer Studie der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft gibt zwar die große Mehrheit der Lehrer an, digitale Medien einzusetzen. Liest man genauer hinein, zeigt sich aber, dass damit vor allem der Beamer gemeint ist, den vier von fünf Pädagogen regelmäßig nutzen. Wenn es darum geht, Schüler interaktiv einzubeziehen, winkt mehr als die Hälfte ab. Dabei sagen 80 Prozent der Schüler in einer weiteren Umfrage, dass mehr Stoff hängen bleibt, wenn man zwischendurch ein Lernvideo schaut, im Internet recherchiert oder Inhalte interaktiv aufbereitet werden wie in Buchloe.

Bildschirm statt Hefte: Die Drittklässler in Buchloe. 
Bild: Ulrich Wagner

Dort holt Lehrerin Andrea Singer gerade die Tablets aus dem Medienzimmer. Ihre Drittklässler sollen so lange Stillarbeit machen. Singer hat ein Durcheinander aus Bildern von Baumsamen und Baumnamen an das Whiteboard geworfen, das mit ihrem Laptop verbunden ist. Ein Kind nach dem anderen tritt vor die Leinwand, zieht mit dem Finger die Buchecker zur Buche, den Tannenzapfen zur Tanne. Obwohl kein Lehrer im Raum ist, ist es mucksmäuschenstill. So, als würde da vorne am Pult gerade „Paddington 3“ oder die unveröffentlichte Fortsetzung irgendeines anderen Kinder-Kinohits laufen.

Die Lehrerin kommt zurück, verteilt die Tablets. Die Schüler scannen die QR-Codes, die überall im Raum verteilt an den Wänden hängen und sie online zu einem Lernspiel leiten. Sie sind jetzt Rennfahrer. Ihr Ziel: das Einmaleins zu lernen. 4 mal 4, 5 mal 1 – das richtige Ergebnis verschafft dem Auto einen Turbo. Dann läutet der Schulgong das Rennaus ein. „Oh nein!“, „Ach Mann!“ So viel Bedauern – und das am Ende einer Mathestunde. Selten.

Andrea Singer weiß, was jetzt viele denken: Spielen die Kinder zu Hause nicht schon genug am Smartphone und am Tablet? „Ich höre oft, dass man in der Grundschule doch wahrlich noch keine digitalen Lernmittel braucht. Das sehe ich anders“, sagt die Konrektorin, die in Buchloe den Schulversuch verantwortet. Smartphones und Tablets seien für die Kinder heute allgegenwärtig. „Wenn wir ihnen nicht zeigen, wie man damit umgeht, werden sie womöglich keine verantwortungsvollen Nutzer. Ohne Anleitung sind sie digitalen Medien schlicht ausgeliefert.“

Etwas anderes ist Andrea Singer aber genauso wichtig: „Uns geht es nicht darum, im Unterricht möglichst viel digital zu machen. Wir wollen herausfinden: Wo bringt das Digitale einen Mehrwert, wo ist es sinnvoll und wo nicht?“ Deswegen riecht es im Klassenzimmer auch nach Wald, nach echten Bäumen. Auf einem Tisch liegen die Zweige eines Nadelbaums. „Wir haben an den Früchten gerochen, die Nadeln angefasst“, sagt die Lehrerin. Auch den Ausflug zum Förster kann und soll keine App der Welt ersetzen.

Auch Tablets werden im Unterricht eingesetzt.
Bild: Ulrich Wagner

Macht Internet den Unterricht besser?

Ab und zu schaut Professor Ingo Kollar von der Universität Augsburg vorbei. Er leitet den Lehrstuhl für Psychologische Pädagogik und erforscht, wie Kinder Lernsituationen erleben. „Es ist ein Trugschluss, dass man im Unterricht digitale Hilfsmittel einsetzt und plötzlich sind alle Schüler total motiviert und lernen hervorragend“, sagt er. Doch bei der Arbeit mit dem Beamer, dem Lieblingsgerät vieler Lehrer, gerieten Schüler „oft eher in eine passive Zuhörerrolle, schalten nach und nach ab“. Digitale Medien hätten viel mehr Potenzial, „vor allem dann, wenn sie Schüler darin unterstützen, Wissen aktiv zu konstruieren“. Bei seinen Schulbesuchen spricht Kollar auch viel mit Eltern: „Sie erzählen mir, dass ihr Kind etwa ein Tablet nicht mehr nur als Spielzeug sieht, wenn es in der Schule damit lernt – sondern als Arbeitswerkzeug.“

Arbeitswerkzeug, bei diesem Stichwort fängt aber auch der Ärger an. Denn viele Lehrer hätten gern mehr oder bessere technische Ausstattung. Der Forscher bekommt den zähen Kampf mit: „Da haben Schulen manchmal dasselbe Problem wie ein Privatmann, der Ärger mit seinem Internetanbieter hat.“

Die Buchloer Vorzeigeschule ist in einer Luxussituation: Sie hat mit der Stadt Buchloe einen Schulträger, der bereitwillig in Hardware investiert, einen fähigen jungen IT-Betreuer, das Internet ruckelt nicht. Das ist nicht selbstverständlich.

Erst im Juni 2018 ergab eine Landtags-Anfrage der SPD, dass 73 Prozent der Schulen nur über Internetgeschwindigkeiten von 16 Megabit pro Sekunde verfügen. Zum Vergleich: 90 Prozent der Privathaushalte surfen mit mindestens 30 Megabit. Die Freien Wähler, heute Koalitionspartner der CSU, hatten die Diskrepanz damals „erschreckend“ genannt: „16 Megabit reichen nicht aus, um in mehreren Klassen parallel mit digitalen Medien zu arbeiten.“

Im Koalitionsvertrag findet man trotz neu geschaffenem Digitalministerium keine konkreten Verbesserungspläne. Immerhin kündigte das Finanzministerium noch vor der parlamentarischen Sommerpause neue Fördergelder an: Der Freistaat erstattet den Schulträgern – meist Kommunen – bis zu 90 Prozent der Kosten für einen Glasfaseranschluss. Das Ziel: schnelles Internet und bitte möglichst schnell.

Aber macht das den Unterricht besser? Die erfahrene Lehrerin Karin Berchtold lässt sich Zeit mit ihrer Antwort. „Es macht ihn auf jeden Fall einfacher.“ Heute schaut sie, welche Lern-Apps es gibt, statt ständig neue Anschauungsobjekte zu zeichnen oder zu basteln. Die laminierten Schätze, die sich über die Jahre angesammelt haben, würde sie trotzdem niemals wegwerfen. „Eins hat sich in der Grundschule nie geändert“, sagt Berchtold. „Wir arbeiten mit Kindern. Und Kinder lernen mit den Händen, mit allen Sinnen. Das darf nicht wegfallen.“ Auf ihr Whiteboard will sie trotzdem nicht verzichten. „Außer, wenn Stromausfall ist oder wir Internetprobleme haben.“ Dann hätte sie gern die grüne Tafel zurück.

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18.11.2018

Kann die Konsumindustrie und die restlichen Großkonzerne eigentlich künftig Menschen gebrauchen, die noch selbständig denken und handeln, dabei noch einen Satz selbständig aufs Papier bringen? Stellt sich die Frage, ob vorhergehnde Generationen vollkommen doof und ungebildet waren? Wohl kaum!

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